Nathan Brutsky

Polymorphe Ästhetik: Die tägliche Transformation der Schöpfung

Nathan Brut­s­ky war erst 10 Jah­re alt, als sein Vater, ein an Kunst inter­es­sier­ter und sach­kun­di­ger Mann, sich eini­ge Bil­der ansah, die sein Sohn in der Schu­le gemalt hat­te, und ent­schied, dass Nathan talen­tiert genug war, um Kunst zu stu­die­ren. Der Sohn, wie alle Kin­der, zog es vor, Spaß zu haben, anstatt zu malen. Sei­nem Vater gelang es, den jun­gen Künst­ler davon zu über­zeu­gen, täg­lich 2 bis 3 Stun­den mit Zeich­nen und Malen zu ver­brin­gen. Er mal­te alles, was er sah, und von die­sem Tag an sah man ihn nur noch sel­ten ohne Blei­stift und Papier. Die­se rei­che Erfah­rung erwies sich als sehr wich­tig, als Nathan Jah­re spä­ter begann, kom­ple­xe Kom­po­si­tio­nen mit zahl­rei­chen Ele­men­ten zu erschaf­fen. Die­se frü­hen Übun­gen erklä­ren Nathans sel­te­ne Pro­fes­sio­na­li­tät.

Nathans Vater wünsch­te sich, dass sein Sohn auf die rich­ti­ge Art und Wei­se ein pro­fes­sio­nel­ler Künst­ler wer­den wür­de. Dies geschah nicht sofort. Nathan schloss sein Stu­di­um an der Kie­wer Staat­li­chen Hoch­schu­le für Kunst und Design ab, dien­te in der Armee und arbei­te­te dann als Gra­fik­de­si­gner, Archi­tek­tur­de­si­gner und Buch­il­lus­tra­tor. Wäh­rend all die­ser Jah­re stu­dier­te Nathan bei her­aus­ra­gen­den Künst­lern. Das Wis­sen, das er von ihnen erwarb, ist bis heu­te uner­mess­lich. In jedem Aspekt eines jeden Gemäl­des gibt es zwei Din­ge, die für Nathan wich­tig sind: Das ers­te ist die Aus­drucks­kraft, der Stil und die Qua­li­tät, und das zwei­te ist, dass sei­ne Kunst Men­schen glück­lich machen muss. Meh­re­re Jah­re lang wid­me­te er sich der Innen­ein­rich­tung von Syn­ago­gen und Pri­vat­häu­sern. Spä­ter wur­de die Male­rei zum Inhalt sei­nes Lebens, und, wie er heu­te zugibt, inter­es­sier­te ihn das archi­tek­to­ni­sche Ent­wer­fen nicht mehr. Er schuf erstaun­li­che Glas­ma­le­rei­en, Lam­pen und Wand­bil­der. Nathan ver­stand, dass nur die Kunst ihm wirk­li­che Freu­de und Ver­gnü­gen bringt und dass er nur in der Kunst sei­ne krea­ti­ven Ent­wür­fe auf der Lein­wand in einem stil­len Stu­di­um umset­zen kann. Sei­ne Krea­ti­vi­tät erwacht jeden Tag zum Leben, wenn Nathan wie­der ein­mal an sei­ner Staf­fe­lei steht, um durch sei­ne Kunst sei­ne Art, die Welt zu betrach­ten, aus­zu­drü­cken. In jedes neue Gemäl­de bringt er eine neue Kom­bi­na­ti­on von Far­be, Har­mo­nie und flie­ßen­der, ruhi­ger Ener­gie sowie inten­si­ve Tex­tu­ren ein, die zudem äußerst aus­ge­wo­gen und raf­fi­niert sind. Die Tän­zer, die Blu­men und sei­ne Lie­bes­paa­re sind immer von einem inne­ren und edlen Licht erfüllt. In jeder Krea­ti­on, in jedem Pin­sel­strich ent­deckt man die Ori­gi­na­li­tät des Stils des Schöp­fers, die ein­zig­ar­ti­ge Tech­nik und die erstaun­li­che Har­mo­nie des Aus­drucks und der Lebens­freu­de. Nathan Brut­s­ky lebt und arbei­tet in Tel Aviv.

Nathan Brut­s­ky in sei­nem Ate­lier

POLYMORPHISMUS IN NATHAN BRUTSKYS KUNST
Die Gei­ge auf dem Gemäl­de. Was ist das für ein Bild? Ist es ein akri­bi­sches Abbild der phan­ta­sie­voll gewölb­ten Plat­ten mit gespann­ten Dräh­ten, Griff­brett und Trag­stif­ten? Wenn ja, was ist dann der Unter­schied zwi­schen die­sem Set und den Zuta­ten eines Salats, der ent­we­der aus Lego oder aus Bau­satz­mö­beln besteht? Vio­li­ne” von Picas­so, 1912, ist eines der Ban­ner des Kubis­mus. Das Objekt ist in klei­ne Tei­le zer­legt. Es gibt nur Lini­en, flä­chi­ge geo­me­tri­sche Details und den Signi­fi­kant – die f‑förmigen Öff­nun­gen in der Gei­ge, die als Sym­bo­le ange­se­hen wer­den kön­nen, die zur Lösung des Bil­der­rät­sels füh­ren kön­nen. Und der Betrach­ter lässt sich auf das Spiel ein, erkennt nach und nach Wir­bel­kopf, Unter­la­ge und Sai­ten und beob­ach­tet uner­war­tet das Wun­der der Ver­wand­lung der ein­zel­nen Punk­te in das wohl­ge­run­de­te Bild. Die­se Lösung ist eine for­ma­le Ästhe­tik, ein Spiel auf Punkt und Flä­che, Kom­po­si­ti­on und Linie, Zer­stö­rung und Ver­bin­dung.

Die Tat­sa­che, dass Nathan Brut­s­ky in poly­mor­pher Ästhe­tik arbei­tet, erscheint einer­seits völ­lig natür­lich, ist ande­rer­seits aber auch ein gro­ßes Glück für die zeit­ge­nös­si­sche Kunst. Es ist natür­lich, weil er ist, wie er ist: ein orga­nisch posi­ti­ver Mensch, und die ein­zig mög­li­che Rich­tung sei­ner Ent­wick­lung sind die Evo­lu­ti­on und die täg­li­che Trans­for­ma­ti­on der Schöp­fung und nicht die Revo­lu­ti­on, die die Nega­ti­on der Ver­gan­gen­heit dar­stellt. Tat­säch­lich hat­ten nicht vie­le so viel Glück wie er. Sein Erfah­rungs­schatz umfasst, wie ein­gangs erwähnt, Indus­trie- und Innen­de­sign, Archi­tek­tur, Illus­tra­tio­nen und 12 Jah­re Stu­di­um der klas­si­schen Kunst. All die­se Erfah­run­gen bil­de­ten eine siche­re Grund­la­ge für das brei­tes­te Spek­trum sei­ner Mög­lich­kei­ten, künst­le­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen jeg­li­cher Kom­ple­xi­tät zu lösen. Er ver­bin­det die alt­meis­ter­li­che Schu­le der Male­rei mit der Rea­li­tät der Form­schöp­fung in der Innen­ar­chi­tek­tur des 20. Jahr­hun­derts, der Wand­ma­le­rei und der Glas­ma­le­rei.

DIE NEUE ÄSTHETIK
Ein Mei­len­stein sei­ner Lauf­bahn war das Jahr 2002: Nathan erkann­te die Gren­zen der objek­ti­ven Ästhe­tik und kon­zen­trier­te sei­ne Inter­es­sen voll­stän­dig auf die Male­rei. Tau­sen­de von Stun­den der Suche und Hun­der­te von Gemäl­den ebne­ten den Weg zu künst­le­ri­scher Klar­heit. Und dadurch wur­de etwas wirk­lich Neu­es gebo­ren. Die­se neue Ästhe­tik bewähr­te sich vor allem in der tie­fen Ver­bin­dung zwi­schen Künst­ler und Betrach­ter. Zur Illus­tra­ti­on des Prin­zips „Kunst ist die Fähig­keit, das Unge­se­he­ne in Gese­he­nes zu ver­wan­deln” bleibt Brut­s­ky als Maler abso­lut posi­tiv und offen, aber noch wich­ti­ger ist, dass er dem Betrach­ter orga­nisch nahe bleibt. Natür­lich nicht jedem Betrach­ter: Auch heu­te noch ist der Impres­sio­nis­mus für vie­le Men­schen Avant­gar­de. Aber für einen emo­tio­nal rei­fen und zur leben­di­gen Wahr­neh­mung berei­ten Betrach­ter bleibt er orga­nisch nah.

Keh­ren wir zum The­ma Gei­ge zurück. Für Brut­s­ky ist die Gei­ge nicht das Ding als sol­ches, nicht eine Ober­flä­che oder ein Sym­bol, son­dern eine Sum­me von Zei­chen, die mit ihr ver­bun­den sind. Das ist in ers­ter Linie die Musik, der Gei­ger, der die Gei­ge in der Erwar­tung der Freu­de an ihren Klän­gen in der Hand hielt. Trotz­dem wird auf der Lein­wand nur die Gei­ge gezeigt und nicht etwas ande­res. Das kann ein Kla­vier sein, und Blu­men und Fla­men­co­tanz: sie sind erkenn­bar und schön. Aber die Wahr­heit ist nicht nur das.

WIE KOMMT MAN DANN ZU DIESER BILDSPRACHE, ZU DIESER KRISTALLKLAREN ÄSTHETISCHEN IDEE?
Es geht dar­um, dass wir weder das Ding noch das Phä­no­men um uns her­um getrennt, getrennt von ande­ren, getrennt von der Umge­bung, akzep­tie­ren. In unse­rem Bewusst­sein ist das Bild einer Sache nur dann voll­endet, wenn es untrenn­ba­re Ver­bin­dun­gen mit der Umge­bung gibt. Und Brut­s­ky zeigt in sei­nen Gemäl­den eher Ver­bin­dun­gen und emo­tio­na­le Refle­xio­nen von Inter­ak­tio­nen zwi­schen Hel­den als ein Ding oder eine Grup­pe von Din­gen. Wirk­lich tie­fe Ver­bin­dun­gen zei­gen nur den Sinn, den Cha­rak­ter eines Gegen­stands, d.h. die Qua­li­tät, die durch unse­re Wahr­neh­mung belebt wird, und nicht den Zweck und die Form. Nur in die­sem Fall kann die ästhe­ti­sche Idee des Künst­lers zu unse­rer eige­nen ästhe­ti­schen Idee wer­den. Und es ist wahr, dass Brut­s­kys Male­rei als eine vol­ler Kraft und Lebens­en­er­gie wahr­ge­nom­men wird, da sie eine Reso­nanz des auf der Lein­wand geschaf­fe­nen Bil­des und unse­rer eige­nen sinn­li­chen Erfah­rung her­vor­ruft. Es darf nur ein unan­tast­ba­rer Gedan­ke blei­ben:

Ein wah­res Kunst­werk soll­te immer der Akt des Erschaf­fens von Gefüh­len sein.

Aut­hor: Ronit Bob­rut­s­ky

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