Kunst ist das, was man draus macht

Seit zwan­zig Jah­ren trach­te­te Paul Dwor­acek ali­as Dwor­ace­kArt sei­ne Kunst­wer­ke in gro­ßem Rah­men aus­zu­stel­len und somit sei­ne Street-Art-Erfah­rung auf Gale­rie­wän­de zu brin­gen. Zwan­zig Jah­re lang lern­te er die Kunst des Graf­fi­tis. Paul Dwor­aceks Erfah­run­gen und Erleb­nis­se spie­geln sich in sei­nen Bil­dern wider. In sei­ner Aus­stel­lung „Living for the art“ in der Gale­rie des Hotels Le Méri­di­en Vien­na, wel­che im Juni eröff­net wur­de, prä­sen­tiert der Künst­ler sei­ne Wer­ke.

DIE KUNST DES GRAFFITIS ENTDECKEN

Paul Dwor­acek wur­de in Wien gebo­ren und ver­brach­te auch sei­ne Jugend in die­ser Stadt. Schon als Kind ent­deck­te er die Lie­be, Gegen­stän­de, die ihn umga­ben, auf Papier zu über­tra­gen. „Das Zeich­nen lag mir schon in der Volks­schu­le. Oft habe ich Din­ge gezeich­net, die ich mir gewünscht habe, aber nicht leis­ten konn­te, wie zum Bei­spiel ein BMX-Fahr­rad. Das Zeich­nen von Gegen­stän­den hat auch mein foto­gra­phi­sches Gedächt­nis geprägt und trug sicher­lich zu mei­ner künst­le­ri­schen Ent­wick­lung bei“, sagt der Künst­ler. Auf Graf­fi­ti ist Paul Dwor­acek mit 12 Jah­ren auf­merk­sam gewor­den. An der Auto­bahn­stre­cke Rich­tung Wald­vier­tel hat er besprüh­te Beton­pfei­ler gese­hen, die ihn sofort fas­zi­nier­ten. Durch die Rap­mu­sik Ende der 1980er Jah­re ent­deck­te Paul zum ers­ten Mal die soge­nann­te Hip-Hop-Bewe­gung. In die­ser Zeit orga­ni­sier­te das Jugend­zen­trum der Stadt Wien „Back on Sta­ge“ das Event „Kunst aus der Dose“, wel­che Paul Dwor­acek unbe­dingt besu­chen woll­te: „Es war schwer, hin­ein­zu­kom­men, weil ich noch min­der­jäh­rig war.

Mei­ne Freun­de haben mir gehol­fen, die­ses Event zu besu­chen. Ich habe erkannt, dass dies mei­ne Welt ist. 1991 habe ich den Film „Ver­rück­te U‑Bahn Bil­der und Flin­ke Bei­ne“ (Engl.: „Style Wars“) gese­hen. Es ging um Graf­fi­ti und Break­dance. Da habe ich gewusst, es gibt kein Zurück mehr“, erin­nert sich Paul Dwor­acek. Neben dem Inter­es­se an der Kunst, an Tanz, Musik und Phi­lo­so­phie der Hip-Hop-Bewe­gung war für Paul Dwor­acek auch die Tat­sa­che wich­tig, dass er von den Ver­tre­te­rIn­nen die­ser Kul­tur auf­ge­nom­men wur­de. Natür­lich gab es auch Außen­sei­ter, nega­ti­ve Ein­flüs­se und schlech­te Wohn­vier­tel, aber mit Respekt kann man viel bewir­ken. Wie auch in ande­ren Gesell­schaf­ten oder Sub­kul­tu­ren, gewinnt der New­co­mer an Respekt und Akzep­tanz, wenn Inter­es­se am Ler­nen und Mit­ma­chen gezeigt wird und ein Bei­trag geleis­tet wird.

KUNST (ER)LEBEN

Wenn sich jemand für Graf­fi­ti ent­schei­det, muss die­se Per­son einen eige­nen Style ent­wi­ckeln, sodass er oder sie erkannt wird. Die Kunst von Graf­fi­ti konn­te bis in die 1990er Jah­re aus­schließ­lich an der „Uni­ver­si­tät der Stra­ße“ erlernt wer­den, denn die­se Kunst­rich­tung wur­de in kei­ner Hoch­schu­le der Welt gelehrt. Wie auch bei ande­ren Dis­zi­pli­nen gab es von Beginn an Regeln, Lehr- und Men­tor- Metho­den, die sich mit der Zeit ent­wi­ckel­ten. Paul Dwor­acek war oft in New York, bekun­de­te sein Inter­es­se an der Kunst, konn­te sein Kön­nen erwei­tern und gewann in den Berei­chen Graf­fi­ti und Break­dance Akzep­tanz und Respekt. Er übte sein Talent in Deutsch­land, der Schweiz, Ita­li­en, Chi­na und Öster­reich aus. Er traf Kol­le­gIn­nen und Men­to­ren, sam­mel­te Erfah­rung und (er)lebte die Kunst. Für den Künst­ler war und ist es heu­te noch wich­tig, den künst­le­ri­schen Aus­tausch nicht nur in sei­nem Land, son­dern welt­weit zu pfle­gen.

Jedes Bild auf der „Urba­nen Lein­wand“ (Wand, Beton­pfeil, Zug) war ein Aben­teu­er an sich. Man kämpft oft mit dem Zeit­druck, den Wet­ter­be­din­gun­gen, um die Bot­schaft rich­tig her­über zu brin­gen. Wie in jeder Kunst­form haben auch Graf­fi­ti einen eige­nen Pro­zess: Die Idee wird zunächst in dem soge­nann­ten pie­ce book (Skiz­zen­buch) rea­li­siert. Far­ben wer­den aus­ge­wählt und besorgt; das Kunst­werk wird erschaf­fen. Die Bot­schaft des Bil­des wird für die Öffent­lich­keit zugäng­lich.

Por­trait Paul Dwor­acek

Weil ich ver­su­che, das zu ver­wirk­li­chen, was es noch nicht gibt. Des­we­gen dau­er­te auch mein künst­le­ri­scher Weg so lan­ge“, schließt Paul Dwor­acek ab.

BILDER SIND ZUM LESEN DA“ – PAUL DWORACEK

Den Buch­sta­ben, den Namen der Graf­fi­ti Künst­le­rIn­nen – wri­ter – in Kunst­form her­über­zu­brin­gen, ist die ers­te Signa­tur: der Ver­such, sich sicht­bar zu machen und die Auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen. Des­we­gen arbei­te­ten die wri­ters dar­an, die Schrift­zü­ge zu per­fek­tio­nie­ren und so zu per­so­ni­fi­zie­ren, dass allei­ne anhand der Schrift er oder sie erkannt wer­den. Nach­dem der/die Künst­le­rIn sei­nen, ihren Stil gefun­den hat, fol­gen ande­re Wör­ter, ande­re Bot­schaf­ten, wei­te­re Tech­ni­ken. Paul Dwor­acek erkun­de­te immer wie­der neue Wege, unter­schied­li­che Tech­ni­ken. Er expe­ri­men­tier­te mit Far­ben, For­men, Mate­ria­li­en, von Farb­misch­tech­ni­ken bis zum Ein­bau elek­tro­ni­scher Ele­men­te, die Teil des Bil­des wur­den. Dabei sind die Bil­der zum Lesen kre­iert. Zum Lesen sind das Wort, der Buch­sta­be und die Zusam­men­set­zung der Far­ben von gro­ßer Bedeu­tung. Schließ­lich wird die Bot­schaft im Bild direkt wie­der­ge­ge­ben − oder vom „Leser“ oder der „Lese­rin“ selbst inter­pre­tiert.

INSPIRATION ZUG

Die Graf­fi­ti pie­ces (Kurz­form des Begriffs mas­ter­pie­ce – Meis­ter­werk) auf Zügen der New York Sub­way dien­ten als Inspi­ra­ti­on für Paul Dwor­aceks Bil­der. Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, mit den ein­fachs­ten Mit­teln, etwas Groß­ar­ti­ges zu machen. Ein Skiz­zen­buch, ein paar Stif­te, Spray­do­sen und die größ­te und bil­ligs­te fahr­ba­re Lein­wand der Welt ist erschaf­fen – der Zug. Der Zug wur­de zu einem Sym­bol der Bewe­gung, der Ent­wick­lung und des Erleb­nis­ses. Der Zug trans­por­tiert nicht nur Men­schen und Waren. Als die Graf­fi­ti-Künst­ler ihre Namen und Kunst­wer­ke auf den Zügen zu malen began­nen, wur­den auch Träu­me und Ideen trans­por­tiert. Das Kunst­stück setzt sich in Bewe­gung und bereist „die Welt“. Bis es even­tu­ell gelöscht oder über­sprayt wird. Nie­mand weiß, wie lan­ge die Bot­schaft ver­brei­tet wird, wie lan­ge sie von ande­ren gese­hen bzw. auf eine oder ande­re Art und Wei­se wahr­ge­nom­men wird. Sie löst auf jeden Fall eine Reak­ti­on aus.

DARUM GEHT ES AUCH.

  1. Schritt: die Idee
  2. Schritt: die Umset­zung, die Akti­on
  3. Schritt: die Bewe­gung und Über­mitt­lung

Und dann? Kom­me was möge… „Wir wer­den sehen, wohin der Zug mich und mei­ne Kunst bringt. Haupt­sa­che, man bleibt immer in Bewe­gung und damit in der Ent­wick­lung. Nächs­ter Auf­ent­halt: Unge­wiss­heit“, meint der Künst­ler.

IM STUDIO

Paul Dwor­acek begann sei­ne Bil­der auf den Stra­ßen zu kre­ieren. Sein B‑Boy-Name Komet Rock wur­de vom pie­ce book auf die urba­ne Lein­wand über­tra­gen. Mit der Zeit spra­chen den Künst­ler ande­re Tech­ni­ken an und er woll­te neue künst­le­ri­sche Wege erfor­schen. Vor eini­gen Jah­ren kon­zen­trier­te er sich auf Lein­wän­de und salon­fä­hi­ge Ober­flä­chen. Dabei hat der Künst­ler die Street Art nicht auf­ge­ge­ben. Zu gege­be­nem Anlass arbei­tet er an groß­flä­chi­gen Pro­jek­ten. In sei­nem Art Stu­dio kre­iert Paul Dwor­acek sei­ne Bil­der. Sei­ne auf den Stra­ßen gesam­mel­te künst­le­ri­sche Erfah­rung wen­det er in sei­nen Kunst­wer­ken an: „Mit den ein­fachs­ten Mit­teln kann man etwas Tol­les machen“, sagt er mit einer Spray­do­se in der Hand, wel­che er, nach dem Sprü­hen auf einen Mural in Wien, für eines sei­ner Bil­der ver­wen­det hat. Paul Dwor­acek weiß, auf wel­cher Flä­che und mit wel­chen Mit­teln er malen kann. Ob Sprüh­do­se, Air­brush­pis­to­le, Acryl­far­ben, ob auf Holz, Beton oder Lein­wand. Jede Kom­bi­na­ti­on braucht Fach­wis­sen. Alles ist durch­dacht und geplant. „Sind die Tech­ni­ken bei Wand­ma­le­rei­en anders als die bei den Bil­dern im Stu­dio?“, woll­te ich wis­sen. Wobei ich glau­be, dass die­se Fra­ge gar nicht so ein­fach zu beant­wor­ten ist, denn bei Bil­dern kön­nen meh­re­re Mate­ria­li­en ver­wen­det und es kann frei­er, mit Form und Grö­ße, vari­iert wer­den. „Teil­wei­se ja: An der Wand muss man anders den­ken, beim Sprü­hen muss man Pro­por­tio­nen beach­ten“, ant­wor­tet der Künst­ler. Die Kunst­wer­ke, wel­che für die Aus­stel­lung „Living for the art“ kre­iert wur­den, zei­gen nicht nur Paul Dwor­aceks jah­re­lan­gen Wer­de­gang und sei­ne Inspi­ra­tio­nen.

Die­se sind ein Zei­chen sei­ner künst­le­ri­schen Ent­wick­lung und sei­ner Visio­nen. Erkenn­bar sind nicht nur die rohen indus­tri­el­le Hin­ter­grün­de, wel­che der Künst­ler durch sei­ne urba­nen Erleb­nis­se erfah­ren hat, son­dern auch ande­re Ele­men­te, die wir im All­tag fin­den. Ins­be­son­de­re elek­tro­ni­sche Tei­le. Die­se sind Teil unse­res Lebens, unse­res Daseins. Gan­ze Städ­te sind heut­zu­ta­ge elek­tro­nisch ver­netzt. Wir wer­den beob­ach­tet, sind aber auch sel­ber Beob­ach­ter. Wenn die Tech­no­lo­gie Teil unse­res Lebens ist, ist sie auch Teil unse­rer Kunst. Die­se Ver­net­zun­gen sind in Paul Dwor­aceks Bil­der zu sehen. Auch Bot­schaf­ten, Bewe­gung, Schwün­ge, ja sogar Musik. „Das ist das Wun­der­ba­re an der Hip-Hop-Kul­tur“, sagt Paul Dwor­acek, „mit Malen und Tan­zen kön­nen wir mit allen Men­schen welt­weit kom­mu­ni­zie­ren. Uns alle ver­eint die Lie­be zu den vier Ele­men­ten: Break­dance, Graf­fi­ti, DJ-ing und MC-ing. Die Spra­che der Kunst ist uni­ver­sell und mei­ne Inspi­ra­ti­on besteht aus einem stän­di­gen Kreis­lauf aus die­sen vier Ele­men­ten.“ Zurück zu den Bil­dern. Obwohl Paul Dwor­acek die indus­tri­el­len Ele­men­te als Bestand­teil sei­ner Wer­ke ansieht und vor allem als Hin­ter­grün­de ver­wen­det, darf Far­be in sei­nen Bil­dern − wie auch im Leben − nicht feh­len. Auch wenn nur ein Trop­fen Far­be zu sehen ist, ist der farb­li­che Akzent sehr wich­tig für den Künst­ler. Die Farb­kom­bi­na­tio­nen, wel­che auf den Bil­dern zu sehen sind, sind eine eige­ne Kunst­form.

Auch wenn es „nur“ Pin­sel­stri­che, Farb­trop­fen oder „Farb­fle­cken“ sind, sind Sym­me­trie und Har­mo­nie gege­ben. „Das Schö­ne an der Kunst ist, dass man nicht gezwun­gen ist, gera­de mit dem zu arbei­ten, was in ist. Graf­fi­tis machen ‚das Ver­bo­te­ne frei’. Man macht, womit nicht gerech­net wird. Denn es gibt kei­ne Gren­ze. Das zeigt die Qua­li­tät eines Bil­des. Für mich gibt es aber kei­nen Stan­dard mehr.

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geschrieben von

Studierte interkulturelle Kommunikation und Übersetzungswissenschaft in Heidelberg und Wien. Aktuell schreibt sie ihre Dissertation an der Universität Wien. Außerdem ist sie Kuratorin des Künstlers Paul Dworacek.

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