Design: Das verbindende Element

Interview mit Michael Mauer, Chef-Designer Porsche

1885 wur¬≠de der Begriff Design im ¬ĽOxford Eng¬≠lish Dic¬≠tion¬≠a¬≠ry¬ę zum ers¬≠ten Mal erw√§hnt und als ein von einem Men¬≠schen erdach¬≠ter Plan oder ein Sche¬≠ma von etwas, das rea¬≠li¬≠siert wer¬≠den soll, beschrie¬≠ben. Etwa 100 Jah¬≠re sp√§¬≠ter stu¬≠diert Micha¬≠el Mau¬≠er Auto¬≠mo¬≠bil¬≠de¬≠sign an der Fach¬≠hoch¬≠schu¬≠le Pforz¬≠heim. 1995 war er als einer von drei Bereichs¬≠lei¬≠tern f√ľr das Design der Mer¬≠ce¬≠des-Benz-Model¬≠le SLK‚ÄĎ, SL- und A‚ÄĎKlasse mit¬≠ver¬≠ant¬≠wort¬≠lich, √ľber¬≠nahm dar¬≠auf¬≠hin die Lei¬≠tung des Mer¬≠ce¬≠des Benz Advan¬≠ced Design Stu¬≠dio in Japan und wur¬≠de Chef¬≠de¬≠si¬≠gner bei MCC Smart.

Im Jahr 2000 wech¬≠sel¬≠te Mau¬≠er als Exe¬≠cu¬≠ti¬≠ve Direc¬≠tor Design zu Saab und war ver¬≠ant¬≠wort¬≠lich f√ľr die Stu¬≠di¬≠en des Saab 9X und Saab 9‚Äď3X. Seit 2004 ist Micha¬≠el Mau¬≠er Lei¬≠ter der Design-Abtei¬≠lung der Por¬≠sche AG und pr√§gt die Mar¬≠ke und ihre Iden¬≠ti¬≠t√§t ma√ü¬≠geb¬≠lich mit. Ste¬≠ve Jobs mein¬≠te ein¬≠mal in Bezug auf Design: ‚ÄěMan¬≠che Leu¬≠te den¬≠ken, bei Design geht es nur dar¬≠um, wie etwas aus¬≠sieht. Aber gr√§bt man tie¬≠fer, geht es dar¬≠um, wie etwas funk¬≠tio¬≠niert.‚Äú Auch Micha¬≠el Mau¬≠er spricht mit uns im Inter¬≠view √ľber das WIE im Design, das aus sei¬≠ner Sicht im krea¬≠ti¬≠ven Pro¬≠zess und im Ergeb¬≠nis eine ton¬≠an¬≠ge¬≠ben¬≠de Rol¬≠le spielt.

Als Desi¬≠gner muss man alles in Fra¬≠ge stel¬≠len, nichts als gege¬≠ben hin¬≠neh¬≠men und stets den Anspruch ver¬≠fol¬≠gen, etwas neu zu denken. 

Wir f√ľh¬≠ren das Inter¬≠view ja mit¬≠ten in einer ‚ÄěKri¬≠sen¬≠zeit‚Äú, die uns welt¬≠weit √ľber¬≠rollt hat. F√ľr 2020 hat¬≠ten wir alle Pl√§¬≠ne, die nun durch¬≠kreuzt wur¬≠den. Wie ver¬≠√§n¬≠dern die Ein¬≠schr√§n¬≠kun¬≠gen in Zei¬≠ten der Pan¬≠de¬≠mie nun auch Ihren All¬≠tag? Wie gehen Sie damit um?

Zun√§chst ein¬≠mal ver¬≠√§n¬≠dert es mei¬≠nen pri¬≠va¬≠ten All¬≠tag, begon¬≠nen beim Ein¬≠kau¬≠fen, √ľber sons¬≠ti¬≠ge Erle¬≠di¬≠gun¬≠gen bis hin zur Urlaubs¬≠pla¬≠nung, die man hat¬≠te. Die Her¬≠aus¬≠for¬≠de¬≠rung beruf¬≠lich ist, dass wir Wege fin¬≠den m√ľs¬≠sen, unse¬≠re Arbeit eini¬≠ger¬≠ma¬≠√üen am Lau¬≠fen zu hal¬≠ten, ohne die Gesund¬≠heit der Mitarbeiter*innen einem Risi¬≠ko aus¬≠zu¬≠set¬≠zen. Im Design-Bereich k√∂n¬≠nen nat√ľr¬≠lich T√§tig¬≠kei¬≠ten von zuhau¬≠se aus erle¬≠digt wer¬≠den, aber bestimm¬≠te eben nicht, weil die Krea¬≠ti¬≠vi¬≠t√§t vor allem vom Aus¬≠tausch lebt, also nicht nur von einer Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on √ľber das Tele¬≠fon. Es sind trotz¬≠dem alle mit gro¬≠√üem Enga¬≠ge¬≠ment dabei. Die Tech¬≠nik hilft an die¬≠ser Stel¬≠le. Eini¬≠ge F√ľh¬≠rungs¬≠kr√§f¬≠te sind auch vor Ort im Stu¬≠dio und dort fin¬≠den Bespre¬≠chun¬≠gen im klei¬≠nen Kreis statt.

Lassen Sie uns zu Beginn zur√ľck¬≠bli¬≠cken in das Jahr 1982. Wann war Ihnen klar, dass Sie Auto¬≠mo¬≠bil¬≠de¬≠sign stu¬≠die¬≠ren m√∂ch¬≠ten? Gab es einen bestimm¬≠ten Beweggrund?

Letzt¬≠end¬≠lich war ich nach dem Abitur noch nicht ori¬≠en¬≠tiert. Nach der Schu¬≠le woll¬≠te ich die Welt sehen und war der Mei¬≠nung, dass ich als Ski- und Sur¬≠f¬≠leh¬≠rer mein Leben bestrei¬≠ten kann. Mein Vater war der¬≠je¬≠ni¬≠ge, der dann, wahr¬≠schein¬≠lich auch in Sor¬≠ge dar¬≠um, was aus sei¬≠nem Sohn wird, ana¬≠ly¬≠siert hat, was ich ger¬≠ne mache. Neben dem Sport waren das die Kunst und das Zeich¬≠nen und auch ein gewis¬≠ser Enthu¬≠si¬≠as¬≠mus f√ľr Autos. Dar¬≠auf¬≠hin habe ich ein Prak¬≠ti¬≠kum bei Mer¬≠ce¬≠des in Sin¬≠del¬≠fin¬≠gen begon¬≠nen. Mir war zu dem Zeit¬≠punkt noch nicht klar, dass die Kom¬≠bi¬≠na¬≠ti¬≠on die¬≠ser Lei¬≠den¬≠schaf¬≠ten einen Beruf ergeben.

Gab oder gibt es f√ľr Sie als Desi¬≠gner Vor¬≠bil¬≠der? Per¬≠s√∂n¬≠lich¬≠kei¬≠ten oder deren Ideen, die Sie inspirieren?

Ja, √ľber¬≠wie¬≠gend Chefs, mit denen ich zusam¬≠men¬≠ge¬≠ar¬≠bei¬≠tet habe. Ich habe bei Mer¬≠ce¬≠des ange¬≠fan¬≠gen und da ist sicher¬≠lich Bru¬≠no Sac¬≠co zu nen¬≠nen, der mei¬≠ne Stra¬≠te¬≠gie und Phi¬≠lo¬≠so¬≠phie im Design mit¬≠ge¬≠pr√§gt hat. Gera¬≠de das The¬≠ma Mar¬≠ken¬≠iden¬≠ti¬≠t√§t, wie man √ľber Design eine Mar¬≠ke st√§rkt und wie man eine Design-Stra¬≠te¬≠gie auf¬≠baut. Ita¬≠lie¬≠ni¬≠sche Auto¬≠mo¬≠bil¬≠de¬≠si¬≠gner, wie Pin¬≠in¬≠fa¬≠ri¬≠na oder Ber¬≠to¬≠ne, haben mich nat√ľr¬≠lich auch inspi¬≠riert. Das rei¬≠ne Design oder auch Sty¬≠ling ist ja nur ein Teil¬≠aspekt des Gesamt¬≠an¬≠spruchs, denn das Kon¬≠zept, die Idee, ist ja genau¬≠so wesent¬≠lich. Wenn ich an den Lan¬≠cia Stra¬≠tos von Ber¬≠to¬≠ne den¬≠ke, eines mei¬≠ner Lieb¬≠lings¬≠fahr¬≠zeu¬≠ge, dann steckt da schon eine rie¬≠sen Inno¬≠va¬≠ti¬≠on drin, Autos, die weit ihrer Zeit vor¬≠aus waren. Da spre¬≠chen wir wirk¬≠lich von Fahr¬≠zeug¬≠kon¬≠zep¬≠ten, die f√ľr gan¬≠ze Gene¬≠ra¬≠tio¬≠nen pr√§¬≠gend waren. Wenn man in Deutsch¬≠land Auto¬≠mo¬≠bil¬≠de¬≠sign stu¬≠diert, bekommt man stark ver¬≠mit¬≠telt: ‚Äěform fol¬≠lows func¬≠tion‚Äú. F√ľr mich war und ist da aber eben immer auch wich¬≠tig, dass Design nicht nur die Ver¬≠pa¬≠ckung ist, son¬≠dern der Anspruch, die Funk¬≠ti¬≠on mit einer √§sthe¬≠ti¬≠schen Form in Ver¬≠bin¬≠dung zu brin¬≠gen und dar¬≠√ľber hin¬≠aus auch Pro¬≠dukt¬≠stra¬≠te¬≠gie und das kon¬≠zep¬≠tio¬≠nel¬≠le Den¬≠ken. In die¬≠ser Hin¬≠sicht fand ich Ber¬≠to¬≠ne wirk¬≠lich sehr pr√§gend.

Gab es f√ľr Sie schon in der Kind¬≠heit oder Jugend Ber√ľh¬≠rungs¬≠punk¬≠te mit Porsche?

Indi¬≠rekt, weil mein Vater, zum Leid¬≠we¬≠sen mei¬≠ner Mut¬≠ter, ein recht z√ľgi¬≠ger Auto¬≠fah¬≠rer war und ich ‚Äď spa¬≠√ües¬≠hal¬≠ber gesagt ‚Äď immer die R√ľck¬≠raum¬≠√ľber¬≠wa¬≠chung √ľber¬≠nom¬≠men habe: ‚ÄěDa kommt einer, der ist min¬≠des¬≠tens genau¬≠so schnell oder sogar schnel¬≠ler als du.‚Äú Nat√ľr¬≠lich war das dann ab und zu ein Por¬≠sche, der von hin¬≠ten kam. Die waren dann meis¬≠tens eben doch einen Tick schnel¬≠ler als mein Vater.

Seit Ihrem Stu¬≠di¬≠um Anfang der 80er Jah¬≠re hat sich in der Auto¬≠mo¬≠bil¬≠in¬≠dus¬≠trie rein tech¬≠nisch sehr viel ver¬≠√§n¬≠dert und ent¬≠wi¬≠ckelt. Wie schaut es in Sachen Design aus ‚Äď sind die Grund¬≠s√§t¬≠ze, die Sie im Stu¬≠di¬≠um erlernt haben noch dieselben?

Ich habe in Pforz¬≠heim stu¬≠diert, wo der Schwer¬≠punkt Mate¬≠ri¬≠al¬≠kun¬≠de und Kon¬≠struk¬≠ti¬≠ons¬≠tech¬≠nik schon einen gro¬≠√üen Raum ein¬≠nimmt. Klar hat sich da sehr viel ver¬≠√§n¬≠dert, aber das Ver¬≠st√§nd¬≠nis daf√ľr, dass die M√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten, die Mate¬≠ria¬≠li¬≠en mir als Desi¬≠gner bie¬≠ten, der Schl√ľs¬≠sel zu inno¬≠va¬≠ti¬≠vem Design sein k√∂n¬≠nen, das ist nach wie vor aktu¬≠ell. Somit ja, vie¬≠les ist nach wie vor rele¬≠vant. Wenn man jetzt rein den Design-Pro¬≠zess betrach¬≠tet, also von der Skiz¬≠ze zum Pro¬≠dukt, dann gibt es heu¬≠te nat√ľr¬≠lich tech¬≠nisch ganz ande¬≠re M√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten. Wenn ich noch skiz¬≠zie¬≠re, also auf Papier, dann nur, weil ich es mit dem PC nicht kann.

Wie darf man sich den Design¬≠pro¬≠zess bei Auto¬≠mo¬≠bi¬≠len vor¬≠stel¬≠len? Von die¬≠ser Idee bis zur Umset¬≠zung. Wie lan¬≠ge dau¬≠ert das?

Das ist sehr schwie¬≠rig zu beant¬≠wor¬≠ten, weil es davon abh√§ngt, wo eine Mar¬≠ke tat¬≠s√§ch¬≠lich den Start¬≠punkt defi¬≠niert. Ist er dann, wenn das Packa¬≠ge fixiert ist oder zu Beginn der eigent¬≠li¬≠chen Design-Pha¬≠se? Ich sage immer die hei¬≠√ües¬≠te Pha¬≠se, in der wir ent¬≠wer¬≠fen und Model¬≠le ent¬≠wi¬≠ckeln, dau¬≠ert ein bis ein¬≠und¬≠ein¬≠halb Jah¬≠re. Wir wer¬≠den ja auch schon sehr fr√ľh in Pro¬≠zes¬≠se ein¬≠ge¬≠bun¬≠den. Wenn wir wis¬≠sen, dass wir beim neu¬≠en 911er ein biss¬≠chen mehr Spur¬≠brei¬≠te ben√∂¬≠ti¬≠gen, sich der Rad¬≠stand ver¬≠√§n¬≠dert, wir gr√∂¬≠√üe¬≠re R√§der bekom¬≠men, gr√∂¬≠√üe¬≠re Brem¬≠sen, zu die¬≠sem Zeit¬≠punkt sind wir schon ein¬≠ge¬≠bun¬≠den, weil es ja for¬≠ma¬≠le Aus¬≠wir¬≠kun¬≠gen solch tech¬≠ni¬≠scher Vor¬≠aus¬≠set¬≠zun¬≠gen gibt.

Design und Kunst. Wie w√ľr¬≠den Sie die¬≠se bei¬≠den Dis¬≠zi¬≠pli¬≠nen als Desi¬≠gner abgrenzen?

Da ist sicher eine Ver¬≠wandt¬≠schaft da, wobei der Desi¬≠gner Teil eines indus¬≠tri¬≠el¬≠len Pro¬≠zes¬≠ses ist, in dem es eben Zeit¬≠pl√§¬≠ne, Bud¬≠get¬≠re¬≠strik¬≠tio¬≠nen und auch Mach¬≠bar¬≠keits¬≠re¬≠strik¬≠tio¬≠nen gibt. Der Desi¬≠gner ist zwar krea¬≠tiv wie ein K√ľnst¬≠ler, aber nicht so frei. Pro¬≠fes¬≠sor Lutz F√ľge¬≠ner, der in Pforz¬≠heim unter¬≠rich¬≠tet, hat hier¬≠zu ein sch√∂¬≠nes Bild von einem Strand, einem Fel¬≠sen und dem Meer kre¬≠iert. Das Was¬≠ser ist der K√ľnst¬≠ler, der sich aus¬≠to¬≠ben kann, der Fel¬≠sen ist das Fes¬≠te, das Unum¬≠st√∂√ü¬≠li¬≠che und der Strand ver¬≠sucht die¬≠se Wel¬≠ten mit¬≠ein¬≠an¬≠der zu ver¬≠bin¬≠den ‚Äď und das ist dann das Design.

Ein sch√∂¬≠nes Bild. Als Chef-Desi¬≠gner sind Sie ange¬≠hal¬≠ten, vie¬≠le wich¬≠ti¬≠ge und vor allem erfolgs¬≠re¬≠le¬≠van¬≠te Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen zu tref¬≠fen. Wie tref¬≠fen Sie die¬≠se ‚Äď eher ratio¬≠nal oder intuitiv?

So, wie wahr¬≠schein¬≠lich die meis¬≠ten Men¬≠schen Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen tref¬≠fen, und zwar emo¬≠tio¬≠nal, aber unter¬≠mau¬≠ert mit einer ratio¬≠na¬≠len Begr√ľn¬≠dung. Je mehr Erfah¬≠rung man hat, des¬≠to intui¬≠ti¬≠ver kann man ent¬≠schei¬≠den. Ich bin ja nicht nur Desi¬≠gner, son¬≠dern auch Bot¬≠schaf¬≠ter und unter Umst√§n¬≠den auch Ver¬≠k√§u¬≠fer. Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen tref¬≠fe ich immer auch unter Ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gung der Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung, es geht schlie√ü¬≠lich um gro¬≠√üe Investitionssummen.

Bei Por¬≠sche ist die¬≠se Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung eine beson¬≠de¬≠re oder?

Ja, ich bin √ľber¬≠zeugt davon, dass das Design eine wich¬≠ti¬≠ge Rol¬≠le bei der Kauf¬≠ent¬≠schei¬≠dung spielt und in Zukunft wahr¬≠schein¬≠lich noch wich¬≠ti¬≠ger wird. Die¬≠ser Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung muss ich mir also auch bewusst sein. Wenn es Design aus Sicht des Kun¬≠den miss¬≠lingt , h√§t¬≠te es Aus¬≠wir¬≠kun¬≠gen auf die Ver¬≠kaufs¬≠zah¬≠len und dar¬≠an h√§n¬≠gen ja sehr vie¬≠le Arbeits¬≠pl√§t¬≠ze und Schick¬≠sa¬≠le. Das kom¬≠bi¬≠niert mit dem Bewusst¬≠sein, dass das Emp¬≠fin¬≠den f√ľr Design kun¬≠den¬≠sei¬≠tig schwer mess¬≠bar ist, macht es noch¬≠mals heik¬≠ler. Gera¬≠de jetzt 2020 erle¬≠ben wir, dass soge¬≠nann¬≠te ‚ÄěSchwar¬≠ze Schw√§¬≠ne‚Äú alles schnell ins Wan¬≠ken brin¬≠gen k√∂nnen.

Sie haben die¬≠sen erfolgs¬≠ver¬≠spre¬≠chen¬≠den, aus¬≠ge¬≠pr√§g¬≠ten Sinn f√ľr Design schon oft unter Beweis gestellt. Beim neu¬≠en 911 zum Bei¬≠spiel. Sie haben ihn revo¬≠lu¬≠tio¬≠niert und dabei die urspr√ľng¬≠li¬≠che Grund¬≠form bewahrt ‚Äď wie ist das m√∂glich?

Es gibt kein ande¬≠res Fahr¬≠zeug, das einen der¬≠art l√ľcken¬≠lo¬≠sen Lebens¬≠lauf nach¬≠wei¬≠sen kann wie der 911. Daf√ľr m√ľs¬≠sen wir unse¬≠ren Vor¬≠v√§¬≠tern und Kol¬≠le¬≠gen der fr√ľ¬≠he¬≠ren Gene¬≠ra¬≠ti¬≠on dan¬≠ken. Jetzt geht es dar¬≠um, wie wir die¬≠se Erfolgs¬≠ge¬≠schich¬≠te fort¬≠schrei¬≠ben k√∂n¬≠nen. Das dis¬≠ku¬≠tie¬≠ren wir immer wie¬≠der bei einem Nach¬≠fol¬≠ger. Ich gebe ger¬≠ne zu: Einer¬≠seits ist es egal, ob Sie einen 911er gestal¬≠ten oder einen Cayenne oder einen Pan¬≠ame¬≠ra, denn der Pro¬≠zess und auch die Bud¬≠get¬≠re¬≠strik¬≠ti¬≠on sind ‚Äěbusi¬≠ness as usu¬≠al‚Äú. Ande¬≠rer¬≠seits hat man da schon eine Beson¬≠der¬≠heit, die dar¬≠auf beruht, dass unse¬≠re Design-Stra¬≠te¬≠gie und die Design-Cri¬≠te¬≠ria auf den 911 zur√ľck¬≠ge¬≠hen. Der 911 bil¬≠det den Ursprung. Somit habe ich zwei Aspek¬≠te zu ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gen: Es geht um den Neu¬≠en, aber uns muss klar sein, dass, wenn wir da neue Design¬≠ele¬≠men¬≠te ein¬≠f√ľ¬≠gen, sie das Poten¬≠zi¬≠al haben m√ľs¬≠sen, auf ande¬≠re Pro¬≠duk¬≠te √ľber¬≠trag¬≠bar zu sein. In unse¬≠rer Design¬≠stra¬≠te¬≠gie unter¬≠schei¬≠den wir immer zwi¬≠schen Ele¬≠men¬≠ten, die mar¬≠ken¬≠pr√§¬≠gend sind, also Mar¬≠ken¬≠iden¬≠ti¬≠t√§t schaf¬≠fen, und jenen, die Pro¬≠dukt¬≠iden¬≠ti¬≠t√§t f√ľr das Modell schaf¬≠fen. Aus mei¬≠ner Sicht ist das Geheim¬≠nis, eine kla¬≠re Stra¬≠te¬≠gie zu haben, die mar¬≠ken¬≠pr√§¬≠gen¬≠de Ele¬≠men¬≠te defi¬≠niert, aber eben auch gen√ľ¬≠gend Frei¬≠raum f√ľr Ent¬≠wick¬≠lung im Design zul√§sst. Der Faden zur His¬≠to¬≠rie der Mar¬≠ke darf nie abrei¬≠√üen. Dabei das rich¬≠ti¬≠ge Ma√ü zu fin¬≠den, ist schon eine gro¬≠√üe Her¬≠aus¬≠for¬≠de¬≠rung. Ich ver¬≠glei¬≠che es immer ger¬≠ne mit den unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Eigen¬≠schaf¬≠ten eines Kom¬≠pass und eines Navi¬≠ga¬≠ti¬≠ons¬≠ge¬≠r√§ts: Ein Kom¬≠pass gibt Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung und eine Rich¬≠tung vor, aber den¬≠noch aus¬≠rei¬≠chend Raum und Bewe¬≠gungs¬≠frei¬≠heit, ein Navi¬≠ga¬≠ti¬≠ons¬≠sys¬≠tem sagt auf den cm genau, wo man lang gehen muss. Um die ‚ÄěFri¬≠sche‚Äú zu gew√§hr¬≠leis¬≠ten, set¬≠zen sich unse¬≠re Teams immer aus ganz jun¬≠gen Desi¬≠gnern und Desi¬≠gnern der drit¬≠ten und vier¬≠ten Gene¬≠ra¬≠ti¬≠on zusam¬≠men. Somit bekommt man ein wun¬≠der¬≠ba¬≠res Span¬≠nungs¬≠feld zwi¬≠schen ganz neu¬≠en Ideen und Ideen, die eben sehr evo¬≠lu¬≠tio¬≠n√§r sind.

Sie haben den Pan¬≠ame¬≠ra und den Cayenne ent¬≠wor¬≠fen und damit nicht nur viel Auf¬≠se¬≠hen erregt, son¬≠dern auch inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠le Awards f√ľr Por¬≠sche geholt. Haben Ihre Modell¬≠er¬≠g√§n¬≠zun¬≠gen, spe¬≠zi¬≠ell der Pan¬≠ame¬≠ra, die Mar¬≠ke Por¬≠sche ver√§ndert?

Das ist schwer zu beant¬≠wor¬≠ten. Ein Wachs¬≠tum im Pro¬≠dukt¬≠port¬≠fo¬≠lio ver¬≠√§n¬≠dert nat√ľr¬≠lich immer ein St√ľck weit das Unter¬≠neh¬≠men, aber im Kern ist es Por¬≠sche gelun¬≠gen, bestimm¬≠te Wer¬≠te, wie
man an Pro¬≠jek¬≠te ran¬≠geht, wie man die Pas¬≠si¬≠on f√ľr das fina¬≠le Pro¬≠dukt lebt, auf¬≠recht¬≠zu¬≠hal¬≠ten. Die Men¬≠schen, die hier arbei¬≠ten, haben ein¬≠fach Spa√ü bei der Arbeit und brin¬≠gen √ľber¬≠durch¬≠schnitt¬≠li¬≠che Lei¬≠den¬≠schaft mit, das st√§rkt die Marke.

Sind Sie der Mei¬≠nung, dass die Mar¬≠ke Por¬≠sche einen wei¬≠te¬≠ren Aus¬≠bau der Modell¬≠pa¬≠let¬≠te f√ľr die Zukunft braucht?

Es gibt, was Wachs¬≠tum betrifft, mei¬≠ner Mei¬≠nung nach zwei wich¬≠ti¬≠ge Kri¬≠te¬≠ri¬≠en. Zum einen: Wel¬≠che Pro¬≠duk¬≠te sind es letzt¬≠end¬≠lich. Da hal¬≠te ich per¬≠s√∂n¬≠lich f√ľr ganz wich¬≠tig, dass wir immer wie¬≠der mit Sport¬≠wa¬≠gen wie dem 911, unse¬≠re Kern¬≠kom¬≠pe¬≠tenz sport¬≠li¬≠che Fahr¬≠zeu¬≠ge zu bau¬≠en, unter Beweis stel¬≠len. Zum ande¬≠ren kommt es auf das ‚ÄěWie‚Äú an. Das bewei¬≠sen ein Cayenne oder ein Pan¬≠ame¬≠ra sehr sch√∂n. Von der rei¬≠nen Leh¬≠re her sind das kei¬≠ne Sport¬≠wa¬≠gen, aber sie sind immer im Seg¬≠ment das sport¬≠lichs¬≠te Ange¬≠bot. Aus mei¬≠ner Sicht gibt es also kei¬≠ne Gren¬≠zen im Sin¬≠ne des Wachs¬≠tums. Es muss nah an unse¬≠rem Mar¬≠ken¬≠kern dran sein, dann gibt es kei¬≠ne Limits.

Wird der Tay¬≠can nun den Pan¬≠ame¬≠ra in den n√§chs¬≠ten Jah¬≠ren erset¬≠zen und was bedeu¬≠tet das f√ľr die Mar¬≠ke Por¬≠sche gene¬≠rell in Zukunft?

Der Tay¬≠can hat sehr sch√∂n wie¬≠der unter Beweis gestellt, dass ich, unab¬≠h√§n¬≠gig von der Art des Antriebs, sehr wohl einen ech¬≠ten Por¬≠sche gestal¬≠ten kann. Also einen Sport¬≠wa¬≠gen, der nicht nur so aus¬≠sieht wie ein Por¬≠sche, son¬≠dern sich auch so f√§hrt. Wie Por¬≠sche es schon in der Ver¬≠gan¬≠gen¬≠heit bewie¬≠sen hat, bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se vom Luft¬≠ge¬≠k√ľhl¬≠ten zum Was¬≠ser¬≠ge¬≠k√ľhl¬≠ten oder beim SUV ‚Äď es geht also um das ‚ÄěWie‚Äú. Der Pan¬≠ame¬≠ra und der Tay¬≠can sind schon von der Gr√∂¬≠√üe her in unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Seg¬≠men¬≠ten ange¬≠sie¬≠delt. Was Antriebs¬≠tech¬≠no¬≠lo¬≠gien anbe¬≠langt, ist es eine ande¬≠re Situa¬≠ti¬≠on, weil es durch¬≠aus pas¬≠sie¬≠ren kann, dass es Kun¬≠den gibt, die zwar von der Gr√∂¬≠√üe her ger¬≠ne einen Pan¬≠ame¬≠ra fah¬≠ren w√ľr¬≠den, aber auf der ande¬≠ren Sei¬≠te eben jetzt unbe¬≠dingt den ers¬≠ten rein elek¬≠tri¬≠schen Por¬≠sche in der Gara¬≠ge ste¬≠hen haben m√∂ch¬≠ten. Wenn wir in eini¬≠gen Jah¬≠ren nur mehr elek¬≠tri¬≠sche Fahr¬≠zeu¬≠ge haben soll¬≠ten, wird das The¬≠ma Antrieb ja ohne¬≠hin nicht mehr vor¬≠han¬≠den sein.

Und wie ist das dann mit dem typi¬≠schen Sound ‚Äď den wer¬≠den wir doch ver¬≠mis¬≠sen oder?

Ich begin¬≠ne wie¬≠der beim Gesamt¬≠fahr¬≠zeug und set¬≠ze es gleich mit 100% Emo¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t. Aus die¬≠sen 100%, wie das Auto aus¬≠sieht, wie es f√§hrt usw., neh¬≠me ich die Antriebs¬≠quel¬≠le her¬≠aus, die f√ľr einen gro¬≠√üen Teil ver¬≠ant¬≠wort¬≠lich ist und set¬≠ze sie auf 100%. Da geht es dann auch nicht nur um den Sound, son¬≠dern um Beschleu¬≠ni¬≠gungs¬≠wer¬≠te, Dreh¬≠mo¬≠ment‚Ķ Der Sound spielt eine Rol¬≠le, aber eben auch vie¬≠le ande¬≠re Din¬≠ge. Ich fin¬≠de es ein hoch¬≠in¬≠ter¬≠es¬≠san¬≠tes Erleb¬≠nis: Ohne Moto¬≠ren¬≠ge¬≠r√§usch ver¬≠√§n¬≠dert sich die Wahr¬≠neh¬≠mung w√§h¬≠rend des Fah¬≠rens. Ich dach¬≠te zu Beginn, dass es sich viel¬≠leicht in Rich¬≠tung Wahr¬≠neh¬≠mung der Umwelt ver¬≠la¬≠gern wird. Inzwi¬≠schen wei√ü ich, dass das bei mir per¬≠s√∂n¬≠lich weni¬≠ger der Fall ist, son¬≠dern dass ich ande¬≠re Ger√§u¬≠sche im Fahr¬≠zeug inten¬≠si¬≠ver wahr¬≠neh¬≠me und ich das Gef√ľhl habe, noch sport¬≠li¬≠cher unter¬≠wegs zu sein, weil ich der Sen¬≠so¬≠rik mehr Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit schen¬≠ken muss. Es ist also eine ande¬≠re Erfah¬≠rung. Die n√§chs¬≠te Gene¬≠ra¬≠ti¬≠on w√§chst ohne¬≠hin nicht mehr mit dem Ver¬≠bren¬≠nungs¬≠mo¬≠tor auf ‚Äď also wird hier der Sound eine unter¬≠ge¬≠ord¬≠ne¬≠te Rol¬≠le spielen.

Sie sind als Desi­gner ja sicher­lich unse­rer Vor­stel­lung vor­aus. Der Tay­can war nun schon ein gro­ßer Ent­wick­lungs­schritt bei Por­sche. Elek­tro hät­te Por­sche vor einem Jahr­zehnt sicher­lich kei­ner zuge­traut. Wie wird ein Por­sche in 10 oder 20 Jahren
aus­se­hen und was wird er können?

Da m√ľss¬≠ten Sie die Kris¬≠tall¬≠ku¬≠gel polie¬≠ren‚Ķ (lacht). Wir sind hier vom Grund¬≠satz eigent¬≠lich wie¬≠der beim The¬≠ma, wo wir am Anfang unse¬≠res Gespr√§chs waren. Din¬≠ge ver¬≠√§n¬≠dern sich in der heu¬≠ti¬≠gen Zeit sehr schnell. Wer h√§t¬≠te noch vor weni¬≠gen Mona¬≠ten gedacht, dass wir jetzt in die¬≠ser Situa¬≠ti¬≠on sein wer¬≠den? Vor¬≠her¬≠sa¬≠gen wer¬≠den also auch immer schwie¬≠ri¬≠ger. Ich sehe das Pro¬≠blem, dass die Men¬≠schen glau¬≠ben, dass durch immer mehr Daten und die Digi¬≠ta¬≠li¬≠sie¬≠rung Vor¬≠her¬≠sa¬≠gen ein¬≠fa¬≠cher wer¬≠den. Ich bin da eher gegen¬≠tei¬≠li¬≠ger Mei¬≠nung. Was jetzt Mobi¬≠li¬≠t√§t und das Auto an sich anbe¬≠langt, ist die Zukunft schwer zu inter¬≠pre¬≠tie¬≠ren. Ich glau¬≠be schon, dass ein Por¬≠sche, Wen¬≠de¬≠lin Wie¬≠deking hat das ja mal gesagt, ein Pro¬≠dukt ist, das nie¬≠mand braucht, aber jeder haben will. In der Pro¬≠dukt¬≠welt wer¬≠den wir zuk√ľnf¬≠tig erle¬≠ben, dass es nach wie vor Pro¬≠duk¬≠te geben wird, die mehr Emo¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t aus¬≠l√∂¬≠sen als ande¬≠re. Bestimm¬≠te Din¬≠ge k√∂nn¬≠ten ja auch gesetz¬≠lich bestimmt wer¬≠den, wie z.B. auto¬≠no¬≠mes Fah¬≠ren. Ist dann der Por¬≠sche ein Pro¬≠dukt, das ich nur mehr auf abge¬≠sperr¬≠ten Stre¬≠cken fah¬≠ren darf? Ich wei√ü es nicht. Das Design wird sich selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich wei¬≠ter¬≠ent¬≠wi¬≠ckeln und wir wer¬≠den nach wie vor hoch attrak¬≠ti¬≠ve und emo¬≠tio¬≠na¬≠le Pro¬≠duk¬≠te gestal¬≠ten, die man als Por¬≠sche erkennt. Das The¬≠ma Mar¬≠ke wird sicher sehr viel wich¬≠ti¬≠ger, weil sie auch dem Kun¬≠den Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung bie¬≠tet. Dem Design kommt die heh¬≠re Auf¬≠ga¬≠be zu, die¬≠se Mar¬≠ken¬≠zu¬≠ge¬≠h√∂¬≠rig¬≠keit zu visua¬≠li¬≠sie¬≠ren und des¬≠halb m√ľs¬≠sen wir alles daf√ľr tun, dass die Mar¬≠ke erkenn¬≠bar bleibt. Die Kon¬≠kur¬≠renz schl√§ft nicht und wird immer st√§r¬≠ker. Ein High-Per¬≠for¬≠mance Fahr¬≠zeug, rein leis¬≠tungs¬≠tech¬≠nisch, wird von vie¬≠len Mar¬≠ken ange¬≠bo¬≠ten, also muss man sich mit den ech¬≠ten ‚ÄěDif¬≠fe¬≠ren¬≠zia¬≠to¬≠ren‚Äú der Zukunft auseinandersetzen.

Erlau¬≠ben Sie uns noch eine Fra¬≠ge zum Schluss: Was muss Ihrer Erfah¬≠rung nach ein Desi¬≠gner mit¬≠brin¬≠gen, um wirk¬≠lich gut zu sein?

Ich ver¬≠wen¬≠de da ganz ger¬≠ne das Bei¬≠spiel einer Br√ľ¬≠cke √ľber einem Fluss, die erneu¬≠ert wer¬≠den muss. Der Inge¬≠nieur oder Archi¬≠tekt wird ver¬≠su¬≠chen die bes¬≠te Br√ľ¬≠cke die¬≠ser Welt zu bau¬≠en. Der Desi¬≠gner beginnt viel wei¬≠ter vor¬≠ne und wird sich fra¬≠gen, ob die¬≠se Br√ľ¬≠cke √ľber¬≠haupt das ad√§qua¬≠te Mit¬≠tel ist von einem Ufer zum ande¬≠ren zu gelan¬≠gen. Als Desi¬≠gner muss man alles in Fra¬≠ge stel¬≠len, nichts als Gege¬≠ben hin¬≠neh¬≠men und den Anspruch ver¬≠fol¬≠gen, etwas neu zu denken.

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