Schwarz Rot Colt

Der Maler Wasja Götze als ostdeutscher Pionier der Pop Art

Es soll­te nach dem Ende der DDR noch etli­che Jah­re brau­chen, bis der Maler Was­ja Göt­ze end­lich in den Blick­punkt des Kunst­be­trie­bes geriet. Wäh­rend die Münch­ner Pina­ko­thek der Moder­ne zumin­dest eines der Schlüs­sel­bil­der Göt­zes bereits kurz nach der Fried­li­chen Revo­lu­ti­on im Jah­re 1989 ankauf­te, igno­rier­te das städ­ti­sche Kunst­mu­se­um in Hal­le (Saa­le) lan­ge Zeit den maß­stab­set­zen­den Künst­ler völ­lig. Erst als 2016, nach einem Direk­to­ren­wech­sel, eine über­fäl­li­ge Aus­stel­lung zu einer furio­sen Ent­de­ckung des non­kon­for­men Malers wer­den soll­te, kann sich der Künst­ler auch in sei­ner Hei­mat­stadt als ange­kom­men füh­len – so ist er in der neu ein­ge­rich­te­ten Bestands­prä­sen­ta­ti­on des Kunst­mu­se­ums Moritz­burg in Hal­le nun genau­so prä­sent wie in den gro­ßen The­men­aus­stel­lun­gen zur ost­deut­schen Kunst.

Was­ja Göt­ze, Jahr­gang 1941, gebo­ren im säch­si­schen Alt­mü­geln und seit 1962 in Hal­le ansäs­sig, sieht sich auf Grund die­ser Geschich­te als ein „malen­der Ere­mit“. Dabei begann die Rück­wei­sung bereits kurz nach sei­nem Stu­di­um der Gebrauchs­gra­fik von 1962 bis 1968 an der Hoch­schu­le für indus­tri­el­le Form­ge­stal­tung in Hal­le, wie die legen­dä­re „Burg Gie­bichen­stein“ sei­ner­zeit hieß, wo er Unter­richt bei Lothar Zitz­mann, Fried­rich Enge­mann und Wal­ter Funkat hat­te. Wegen einer inof­fi­zi­el­len „Hof­aus­stel­lung“ im Innen­hof sei­nes Wohn­hau­ses wur­de Was­ja Göt­ze im Mai 1969 in Hal­le zur Per­so­na non gra­ta erklärt. Der Maler Göt­ze expe­ri­men­tier­te damals nach einer kubis­tisch gepräg­ten Werk­pha­se bereits mit Stil­mit­teln der Pop Art, auf deren Her­aus­for­de­rung kaum einer in der DDR ernst­haft reagier­te. Neben den Motiv­mus­tern der euro­päi­schen Pop art waren sei­ne Bil­der aber eben­so von „skur­ril-ver­schro­be­nen zei­chen­haf­ten Signa­len email­lier­ter Blech­ta­feln der ers­ten Hälf­te des Jahr­hun­derts“ inspi­riert. Für die Staats­si­cher­heit, wel­che mit Hil­fe des ange­reis­ten Bezirks­staats­an­walts die Hof­aus­stel­lung 1969 nach drei Tagen ver­bot, waren die­se für sie abson­der­lich wir­ken­den Kunst­äu­ße­run­gen zwei­fels­frei der Beweis, dass Göt­ze ein Anhän­ger der „1968er“ war.

Mit die­ser Ein­schät­zung war der künst­le­ri­sche Weg Was­ja Göt­zes fort­an rigo­ros ver­stellt. Nach dem Aus­stel­lungs­ver­bot erhielt der 28jährige auch ein „Burg­ver­bot“ aus­ge­spro­chen. Es hing, ver­se­hen mit dem Dienst­sie­gel des Rek­tors, am Schwar­zen Brett der Hoch­schu­le – so wie der Steck­brief eines Kri­mi­nel­len. Was­ja Göt­ze von der Burg zu tren­nen war aber frei­lich schlicht­weg unmög­lich. Schon weil er die unan­ge­pass­ten Ener­gien die­ser einst­mals so frei­sin­ni­gen Ein­rich­tung gera­de­zu sym­bo­li­sier­te. Aber er voll­zog in die­sen Jah­ren den Schritt ins Unge­wis­se und arbei­te­te fort­an als Büh­nen­bild­ner in Ber­lin. Vor allem die Bekannt­schaft mit dem Büh­nen­bild­ner und Maler Achim Frey­er, des­sen „klu­ge Gelas­sen­heit“ ihn fas­zi­nier­te, trug spä­te­re Früch­te. Frey­er war der ers­te Künst­ler von Rang, der sich dem jun­gen Künst­ler mit Respekt und for­dern­dem Zuspruch zuwand­te.

Die Arbeit an den Ber­li­ner Thea­tern ver­half Was­ja Göt­ze zu einer Kon­tras­ter­fah­rung, die sein spä­te­res Leben ent­schei­dend beein­flus­sen soll­te. Im Jah­re 1973 zeugt sein Bild „Abschied von H. oder Es kann nicht immer Lie­be sein“ bereits von den in Ber­lin emp­fan­ge­nen Impul­sen. Was­ja Göt­ze zu die­sem Schlüs­sel­bild: „Es war die Zeit wo ich mir ganz pro­gram­ma­tisch sag­te: Jetzt wird ernst­haft gemalt!“

Was­ja Göt­ze

Laut und far­big“ statt still und grau­tö­nig muss­te fort­an sei­ne Male­rei sein. Die spe­zi­fi­sche Adap­ti­on der Pop art durch Was­ja Göt­ze ersetz­te die Pro­dukt­welt west­li­chen Kon­sums, die er selbst nur aus der Distanz einer Second hand-Sphä­re wahr­nahm, durch die Moti­ve kom­mu­nis­ti­scher Pro­pa­gan­da. Der „neue Rea­lis­mus“ non­kon­for­mer Maler wie Was­ja Göt­ze unter­schied sich vom staats­of­fi­zi­el­len Rea­lis­mus­mo­dell vor allem dadurch, dass er die Dis­kur­se einer Gegen­mo­ral in die künst­le­ri­sche Pro­duk­ti­on ein­schloss, anstatt sie aus einem puri­fi­zier­ten Bereich ästhe­ti­scher Selbst­be­stim­mung zu ver­wei­sen.

Der zen­tra­le Ort sei­nes Lebens blieb aber Hal­le, die in den 1980er Jah­ren geschun­de­ne Stadt, dem Ver­fall leicht­fer­tig preis­ge­ge­ben. Hier gab es bis zuletzt obsku­re Aus­stel­lungs­ver­bo­te und vor­zei­ti­ge Schlie­ßun­gen sei­ner raren Expo­si­tio­nen. Selbst als sich der kul­tur­po­li­ti­sche Wind für sei­ne Kunst in güns­ti­ge­re Rich­tung dreh­te, blie­ben Aus­stel­lun­gen in sei­ner Hei­mat­stadt für ihn tabu – statt­des­sen konn­te man sei­ne farb­in­ten­si­ven Wer­ke, die in den spä­ten 1970er Jah­ren zu kaum ver­schlüs­sel­ten Sinn­bil­dern indi­vi­du­el­ler Bedräng­nis wer­den, ab und an außer­halb des Bezir­kes Hal­le sehen.

Was­ja Göt­ze hat die Essenz jener DDR-Jah­re in einem State­ment für die Aus­stel­lung „Gegen­stim­men“ (2016) im Ber­li­ner Mar­tin-Gro­pi­us-Bau fol­gen­der­ma­ßen beschrie­ben: „Ich dräng­te nicht laut und for­dernd in die Öffent­lich­keit wie eini­ge ande­re DDR-Künst­ler, weil ich zu fol­gen­der Erkennt­nis gekom­men war: In die­sem Land ist mei­ne Kunst prä­de­sti­niert, auf Miss­fal­len, Nicht-Akzep­tanz, Ver­ach­tung und Feind­schaft zu sto­ßen. Mei­ne Art zu leben sowie mei­ne poli­tisch-mora­li­sche Hal­tung wer­den hier­zu­lan­de abge­lehnt. Will ich mei­ne Hei­mat nicht ver­las­sen, will ich hier­blei­ben, wie ich bin, näm­lich ICH, dann habe ich in die­ser Dik­ta­tur den Preis zu zah­len: die Miss­ach­tung und das Negie­ren. Ich respek­tier­te die­sen Tat­be­stand und mal­te wei­ter.“

Die­se sin­gu­lä­re kunst­his­to­ri­sche Stel­lung Was­ja Göt­zes in Ost­deutsch­land zähl­ten im bun­des­deut­schen Kunst­be­trieb nach 1989 zunächst nicht viel – die The­ma­ti­sie­rung von Mau­er, Sta­chel­draht und „rotem Tele­fon“ („Das rote Tele­phon“, 1971) reich­te im engen Blick­feld allen­falls für die Zulas­sung zur Illus­tra­ti­on zeit­his­to­ri­scher Pha­sen­ver­läu­fe. So kann man in den Bestän­den der zeit­ge­schicht­li­chen Muse­en heu­te Bil­der fin­den, im Bestand des Hau­ses der Geschich­te Bonn/Leipzig auch das Gemäl­de „Still­le­ben mit unge­be­te­nem Gast“ 1978 von Was­ja Göt­ze, die natür­lich in das Pro­gramm der gro­ßen Kunst­mu­se­en gehör­ten. Künst­ler wie Was­ja Göt­ze moch­ten aber auch nach 1989, in einem nun schon fort­ge­schrit­te­nen Alter (Was­ja Göt­ze erleb­te den Bei­tritt 1990 im Alter von 49 Jah­ren), kein posi­ti­ves Ver­hält­nis mehr zu den Ver­mark­tungs­not­wen­dig­kei­ten eines bil­den­den Künst­lers gewin­nen – so wie das sei­nem Maler­sohn Moritz Göt­ze mit umtrie­big-viru­len­ter Fines­se gelang.

So blieb ein Maler vom For­mat eines Was­ja Göt­ze lan­ge Zeit „unsicht­bar“. Den schwe­ren Jah­re der Repres­si­on folg­ten die aben­teu­er­li­chen Jah­re unter „Schwarz-Rot-Colt“ (1991/92) mit ihren irr­wit­zi­gen Zerr­bil­dern beim Über­gang eines Sys­tems in sein schein­ba­res Gegen­teil. Was­ja Göt­ze such­te und gewann sei­ne inne­re Ruhe durch die Rück­be­sin­nung auf Eigen­kräf­te – und sei es jene, die ihm durch hand­werk­li­che Lohn­ar­beit als Fahr­rad­me­cha­ni­ker zur Unab­hän­gig­keit ver­hel­fen soll­ten. Dabei waren die in der DDR erwor­be­nen Tech­ni­ken einer auto­no­men Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on von Vor­teil. So wie man frü­her die Uhren nach ihm stell­te, wenn er abends in die „Gose“ oder den „Moh­ren“ zum abend­li­chen Absa­cker ein­rück­te, so mal­te Was­ja Göt­ze ein­fach wei­ter in sei­nem klei­nen Dach­ate­lier.

Wer jene schwie­rig zu meis­tern­de Balan­ce schafft, sich ohne Echo welt­wärts zu ori­en­tie­ren und es wagt, sich selbst aufs Neue ste­tig her­aus­zu­for­dern, auch wenn die Bil­der erst seit eini­gen Jah­ren den Weg in die über­re­gio­na­le Kunst­welt fin­den, für den kann nun wirk­lich gel­ten, ein Maler mit eigen­stän­di­gem Pro­fil und mora­li­schen Prin­zi­pi­en zu sein. Für Was­ja Göt­ze, dem Maler, Gra­fi­ker und Objekt­künst­ler, wur­den die­se bei­den Kraft­po­le Grund­la­ge für ein ful­mi­nan­tes Lebens­werk, das in sei­ner Güte­klas­se mit eini­gem Erstau­nen noch ent­deckt wer­den wird.

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1961 in Freiberg/Sachsen geboren, Kultur- und Kunstwissenschaftler, Kurator und Publizist. Seit 2017 Direktor des Dresdner Institutes für Kulturstudien. Zahlreiche Bücher zum Kunstsystem in der DDR, zuletzt Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, Dresden 2016. Kurator und Co-Kurator von Ausstellungen zur ostdeutschen Kunst, u.a. „Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR – neu gesehen“ Neues Museum Weimar, 2012/2013. Derzeit bereitet er die Ausstellung vor „Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“, Museum der bildenden Künste Leipzig.

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