Sissa Micheli & Jürgen Klauke

SCENOGRAPHY OF EXISTENCE

Die Ales­san­dro Casci­a­ro Gale­rie zeigt mit Wer­ken von Sis­sa Miche­li und Jür­gen Klau­ke einen inspi­rie­ren­den Zwei­klang zwei­er außer­ge­wöhn­li­cher künst­le­ri­scher Posi­tio­nen der Gegen­wart. Miche­li, Süd­ti­ro­ler Künst­le­rin mit inter­na­tio­na­lem Renom­mee, hat sich Klau­ke als Dia­log­part­ner für die Aus­stel­lung gewünscht; das Werk des Docu­men­ta-Teil­neh­mers ist heu­te ein fes­ter Bestand­teil der deut­schen Kunst­sze­ne. Für Künst­le­rin wie Künst­ler sind Foto­gra­fie und Film die bevor­zug­ten Medi­en, doch auch inhalt­lich gibt es eine Rei­he von Berüh­rungs­punk­ten zu ent­de­cken: die Insze­nie­rung und Ästhe­ti­sie­rung der mensch­li­chen Exis­tenz sowie ihrer Iden­ti­tät, das Spiel mit Prä­senz und Absenz, mit Stoff­lich­keit und Sinn­lich­keit, die Lust am Extra­va­gan­ten und Sur­rea­len, am Rät­sel­haf­ten und Humor­vol­len.

Sis­sa Miche­li hin­ter­fragt in viel­fäl­ti­gen Foto­gra­fien, Video­ar­bei­ten und Objek­ten All­täg­li­ches und Bekann­tes, eröff­net neue Blick­win­kel und Sicht­wei­sen. Die zu Bild­ober­flä­che ver­weist oft auf etwas Ande­res, dahin­ter Lie­gen­des, auf eine ver­bor­ge­ne Geschich­te, die nur erahnt, auf ein Rät­sel, das nur bedingt gelüf­tet wer­den kann. Neu­gie­rig und for­schend nähert sie sich ihren Unter­su­chungs­fel­dern und erschafft einen sinn­li­chen wie hin­ter­grün­di­gen Mikro­kos­mos, der sich zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on, Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft bewegt.

Jen­seits der funk­tio­na­len Zuschrei­bung ver­leiht Miche­li Objek­ten auf­ge­la­de­ne Bedeu­tungs­ebe­nen mit sur­rea­ler Strahl­kraft. So zeigt die Künst­le­rin zwei neue Foto­ar­bei­ten aus der Serie „Muse­um Rhap­so­dy – Objec­ti­ve Cor­re­la­ti­ves“, in der sie Gegen­stän­de aus dem Palais Mam­ming Muse­um in Meran mit­ein­an­der kom­bi­niert, ohne dass die­se in einem zwin­gen­den Ver­hält­nis zuein­an­der­ste­hen. Durch ein fein­füh­li­ges poe­ti­sches wie humor­vol­les Arran­ge­ment wer­den sie aber gegen­sei­tig mit neu­em Sinn auf­ge­la­den. Dadurch ent­ste­hen unge­wöhn­li­che wie bizar­re Objek­te: in „King of Pins“ dient eine alte ver­zier­te Haar­klam­mer einem Toten­kopf als Kro­ne, in „Tears of the Past“ ragen aus einem von den Faschis­ten abge­schla­ge­nen Mar­mor­kopf der Kai­se­rin Eli­sa­beth ver­stei­ner­te Trä­nen aus Milch­quarz – Asso­zia­tio­nen an die Dolo­mi­ten kom­men auf. Vor schwar­zem Hin­ter­grund hoch­dra­ma­tisch insze­niert laden die Foto­gra­fien dazu ein, die Geschich­ten selbst wei­ter­zu­spin­nen, neue Bedeu­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen zu fin­den.

Die Insze­nie­rung ist über­haupt ein wesent­li­cher Bestand­teil der Arbeit Miche­lis, das beweg­te, dyna­mi­sche Bild ein stän­di­ger Beglei­ter. Immer wie­der lässt die Künst­le­rin die Gren­zen zwi­schen Film, Foto­gra­fie und Instal­la­ti­on ver­schwim­men: Sie hält den Rauch einer Pfei­fe foto­gra­fisch fest und trans­fe­riert ihn als groß­for­ma­ti­gen Tep­pich auf den Boden oder ver­wan­delt ihn als lavaar­ti­ge Mas­se in ein sur­rea­les drei­di­men­sio­na­les Objekt. Mit flie­gen­den Klei­dungs­stü­cken erschafft sie fas­zi­nie­ren­de tem­po­rä­re Skulp­tu­ren, die in einem sinn­lich dyna­mi­schen Spiel das Flüch­ti­ge und Ver­gäng­li­che fei­ern. Gleich­zei­tig ver­sinn­bild­li­chen die Arbei­ten auch das Grund­cha­rak­te­ris­ti­kum der Foto­gra­fie, einen Augen­blick fest­zu­hal­ten, einen Moment visu­ell ein­frie­ren zu las­sen, um ihm Bedeu­tung zu ver­lei­hen. In dem neu­en, eigens für die Aus­stel­lung ent­stan­de­nen Tri­pty­chon „Sce­n­a­ri­os of Exis­tence“ schwe­ben mäch­ti­ge, an Tier- oder Toten­köp­fe erin­nern­de Tex­ti­li­en vor dem Gesicht einer Frau­en­gestalt. Der in die Welt gewor­fe­ne Mensch ist ver­letz­lich, der End­lich­keit und dem Tod aus­ge­lie­fert.

Die Welt lässt sich durch Kunst nicht ver­än­dern.  Indem ich sie aber immer wie­der durch Bil­der neu arti­ku­lie­re, tra­ge ich dazu bei, sie zu buch­sta­bie­ren.

Jür­gen Klau­ke

Seit den 1970er Jah­ren beschäf­tigt sich Jür­gen Klau­ke in Foto­gra­fien, Zeich­nun­gen, Video­ar­bei­ten und Per­for­man­ces mit dem mensch­li­chen Kör­per und des­sen geschlecht­li­chen Iden­ti­tät. Radi­kal stellt er kon­ven­tio­nel­le Geschlech­ter­rol­len in Fra­ge, ana­ly­siert ihre sozia­le Kon­ven­tio­nen und Kon­struk­tio­nen. In thea­tra­lisch wir­ken­den Set­tings dekon­stru­iert er sexu­el­len Typo­lo­gien und ihre Aus­wir­kun­gen auf Iden­ti­tät und Sub­jekt. Immer wie­der dient dabei sein Kör­per als Stell­ver­tre­ter und Pro­jek­ti­ons­flä­che mul­ti­pler Rol­len und Iden­ti­tä­ten, aber auch Model­le kom­men zum Ein­satz.

Die Foto­gra­fie ist ein Instru­ment, um sich und die Welt zu befra­gen. Das zei­gen auch aus­ge­wähl­te foto­gra­fi­sche Arbei­ten der 1990er und 2000er Jah­re, die in der Aus­stel­lung zu sehen sind. Die Arbei­ten krei­sen um die Ästhe­ti­sie­rung des Exis­ten­zi­el­len, um die Unzu­läng­lich­kei­ten des Daseins und Bedin­gun­gen des Lebens, um die Struk­tur von Welt, Gesell­schaft und inne­rer Zusam­men­hän­ge – für Klau­ke Kon­stan­ten, die uns beglei­ten, egal wie stark sich die Welt ver­än­dern mag. Dabei wird er nicht müde, immer wie­der neue Bil­der für das immer Glei­che zu kre­ieren. Sie sol­len, betont der Künst­ler, bei Betrachter/innen eine Bewusst­seins­kri­se aus­lö­sen, die zu einer Ver­tie­fung der Wahr­neh­mung und einem ande­ren Blick auf die Welt füh­ren kann.

In melan­cho­li­scher Ästhe­tik wird die para­no­ide Struk­tur unse­rer gegen­wär­ti­gen Welt vor­ge­stellt. Vor dunk­len Hin­ter­grün­den wir­ken die Akteu­re die­ser Cho­reo­gra­phie ein­ge­fro­ren, mas­ken­haft, iso­liert und ver­wei­sen nicht mehr auf sich selbst, son­dern dar­über hin­aus – sie haben die Sphä­re sub­jek­ti­ver Befind­lich­keit ver­las­sen. Das skulp­tu­ra­le Moment, die kör­per­li­che Sym­bio­se von Mann und Frau und ein ero­ti­scher Schwe­be­zu­stand cha­rak­te­ri­siert die Foto­ar­beit „Heim­spiel“. Auf einer Kon­struk­ti­on von Tisch und Stüh­len sitzt ein selt­sam bezie­hungs­los ver­foch­te­nes Paar, der Ober­kör­per des Man­nes wird durch den Rock der Frau ver­hüllt. Iso­la­ti­on und Ver­frem­dung kenn­zeich­nen auch „Ästhe­ti­sche Para­noia“ oder „Ver­ge­wis­se­rungs­tech­nik“. Mit Bett- und Tisch­ob­jek­ten, Stüh­len oder von der Decke hän­gen­den Gegen­stän­den arbei­tet sich Klau­ke an Welt­ent­wür­fen ab, arran­giert mit und auf ihnen typi­sier­te Men­schen und lässt inne­re Erfah­run­gen bild­lich sicht- und spür­bar wer­den. Ein poe­ti­scher wie melan­cho­li­scher Blick, rät­sel­haft und hoch­äs­the­tisch, aber immer auch gar­niert mit fei­nem Humor und sub­ti­ler Iro­nie.

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Oberhollenzer studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Leopold Franzens Universität in Innsbruck und an der Università Ca’Foscari in Venedig. Anschließend absolvierte er ein Masterstudium in Kulturmanagement an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Er war Mitorganisator mehrerer Kunstausstellungen in Südtirol und Mitarbeiter im Referat Bildende Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien. Von 2006 bis 2015 war Oberhollenzer Kurator der Sammlung Essl in Klosterneuburg. Oberhollenzer wurde 2008 Preisträger der Stiftung junger SüdtirolerInnen im Ausland. 2014 wurde Oberhollenzer in den Südtiroler Kulturbeirat berufen, 2018 in die Jury des STRABAG Artawards, 2019 in die Jury des Otto Mauer Preises. Neben seiner Kuratorentätigkeit ist er Lehrbeauftragter am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies an der Universität für Musik und darstellende Kunst. Seit Anfang 2016 ist er Kurator für das 2019 eröffnete Kunstmuseum in Krems, der Landesgalerie Niederösterreich.

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