Mountain Pieces. Reflecting History

Frie­den ist im heu­ti­gen Sin­ne ein ver­trag­lich gesi­cher­ter Zustand des inner- oder zwi­schen­staat­li­chen Zusam­men­le­bens in Ruhe und Sicher­heit. All­ge­mein wird damit der Zustand der Ein­tracht, der Har­mo­nie, der Stil­le und der Ruhe ver­bun­den. Sis­sa Miche­li beschäf­tigt sich in der eigens für das LUMEN kon­zi­pier­ten Aus­stel­lung „Moun­tain Pie­ces. Reflec­ting Histo­ry“ mit die­sem The­ma und lässt die Besucher*innen hin­ter die Sze­ne­rie der Ber­ge bli­cken: Schön­heit vs. Krie­ge­ri­sche Ver­gan­gen­heit. War­um sie die­ses The­ma für das LUMEN Muse­um der Berg­fo­to­gra­fie gewählt hat, ver­rät sie uns in einem Inter­view.

Für das Lumen habe ich mich für ein The­ma ent­schie­den, das hin­ter die Kulis­sen die­ser Ber­ge bli­cken soll und nicht nur die gewohn­te glän­zen­de Schön­heit der Dolo­mi­ten fest­hält, son­dern tie­fer in die Geschich­te ein­taucht und auch deren Schat­ten durch­leuch­tet. Ich war mir nie so rich­tig bewusst, wo über­all die Schlach­ten des 1. Welt­krie­ges in der Land­schaft, in der ich auf­ge­wach­sen bin, statt­ge­fun­den haben. Das Schö­ne und der Gräu­el lie­gen hier eng bei­ein­an­der. Die pure Schön­heit die­ser Ber­ge steht im schar­fen Kon­trast zum Krieg der Ver­gan­gen­heit.

Es ist ein Para­do­xon, dass ein der­art ein­zig­ar­ti­ges Mas­siv mit sei­nen viel­fäl­ti­gen For­men von Fel­sen und Hoch­ge­birgs­land­schaf­ten, das Ruhe und Frie­den aus­strahlt, auch Büh­ne für Schlach­ten, Tod und Ver­der­ben sein konn­te. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ende des 1. und 2. Welt­krie­ges und den dar­aus resul­tie­ren­den Frie­dens­ver­trä­gen sind gera­de in Zei­ten der schwin­den­den Demo­kra­tie und eines rasant zuneh­men­den Rechts­ru­ckes wich­ti­ger denn je. Lang­sam ster­ben die mah­nen­den Zeit­zeu­gen aus und die per­sön­li­chen Erzäh­lun­gen kön­nen von den nach­kom­men­den Genera­tio­nen, sofern sie dazu bereit sind, nur mehr über Video­auf­zeich­nun­gen erlebt wer­den. Die Fra­ge einer Frie­dens­po­li­tik ist auch heu­te noch die Grund­la­ge für die Exis­tenz der Mensch­heit.

In Anbe­tracht der Ent­wick­lung auf dem Gebiet der Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen und der mas­si­ven Span­nun­gen ver­schie­de­ner Län­der ist sie sogar dring­li­cher denn je. Betrach­tet man die glo­ba­le Lage nüch­tern, so muss man fest­stel­len, dass Län­der zuneh­mend rück­sichts­lo­ser und aggres­si­ver vor­ge­hen und unter dem Deck­man­tel der Demo­kra­tie­er­hal­tung aus mone­tä­rem oder macht­stra­te­gi­schem Inter­es­se in frem­de Gebie­te ein­fal­len und dabei oft auch ihr eige­nes innen­po­li­ti­sche Schei­tern kaschie­ren. Auch die Vor­gangs­wei­se von Ver­tei­di­gungs­pak­ten ist zu dis­ku­tie­ren. Gibt es Frie­dens­be­we­gun­gen? Gibt es noch Men­schen, die sich für den Frie­den ein­set­zen, oder sehen wir ihn als selbst­ver­ständ­lich an? Die Fra­ge des Frie­dens und der Sicher­heit in Euro­pa ist ver­nach­läs­sigt wor­den. Die­se soll­te stär­ker in den Mit­tel­punkt rücken. Nicht­ein­mi­schung und Selbst­stän­dig­keit der Staa­ten soll­te mit aller Kon­se­quenz durch­ge­setzt wer­den. Um den Frie­den und die Demo­kra­tie wah­ren zu kön­nen, müs­sen wir alle aktiv dazu bei­tra­gen. Wir müs­sen uns wie­der bewusst machen, dass Frie­de kein immer­wäh­ren­der Zustand ist und es uns alle braucht, um ihn zu erhal­ten. Wir soll­ten in unse­rer Wach­sam­keit, Refle­xi­on und Skep­sis mah­nen­des Organ für die Poli­tik sein. In heu­ti­gen Pan­de­mie­zei­ten ist die­ses The­ma beson­ders aktu­ell.“

Sis­sa Miche­li will kri­ti­sie­ren, irri­tie­ren, iro­ni­sie­ren und hin­ter­fra­gen, und lässt die Betrach­ter* innen ihre eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen und Bedeu­tun­gen des Frie­dens in der Kulis­se der Ber­ge fin­den.

© Por­trait Sis­sa Miche­li Mir­ko Da Col

Sis­sa Miche­li foto­gra­fiert an Kriegs­schau­plät­zen in Ber­gen des Hoch­pus­ter­tals, unter ande­rem im Höh­lenstein­tal. Um 1866, als das König­reich Öster­reich-Ungarn Vene­ti­en an Ita­li­en ver­lor, wur­de das Tal zum Grenz­ge­biet. Die Öster­rei­cher errich­te­ten die Fes­tungs­wer­ke Landro und Plät­z­wie­se. Das Höh­lenstein­tal wur­de im Ers­ten Welt­krieg zum Front­ge­biet. Beson­ders umkämpft war, auf­grund der stra­te­gi­schen Bedeu­tung, der Berg Mon­te Pia­na. Der Nord­gip­fel Mon­te Pia­no war von den Öster­rei­chern, der süd­li­che Haupt­gip­fel von den Ita­lie­nern besetzt. Zur Ver­tei­di­gung wur­den Stel­lungs­an­la­gen, Tun­nels, Stol­len und Schüt­zen­grä­ben errich­tet.

Die­se Orte, geprägt von Krieg und Frie­den, hat die Künst­le­rin auf­ge­sucht und foto­gra­fiert. Neben der Erha­ben­heit der Ber­ge stößt der Besu­cher im Foto auf insze­nier­te Ele­men­te wie eigens ange­fer­tig­te Flag­gen, im Wurf erstarr­te Erde, den Ein­satz von Rauch­kör­pern, spie­geln­de Ober­flä­chen, Stei­ne im Flug. Auf­fäl­lig in vie­len ihrer Arbei­ten ist, dass die Künst­le­rin Teil des Bil­des ist und zur Prot­ago­nis­tin wird. Es han­delt sich um eine Selbst­dar­stel­lung in Form von sym­bol­haf­ten Reprä­sen­ta­tio­nen, wobei es ihr um die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Iden­ti­tät und Geschich­te geht. Als Inspi­ra­ti­on für ihre kon­zep­tio­nell aus­ge­rich­te­te Kunst bedient sie sich Geschich­ten, Berich­ten, Archiv­ma­te­ria­li­en und Bil­dern, ver­knüpft die­se mit ihrem Wis­sen aus der Phi­lo­so­phie, Foto­gra­fie, Kunst und Lite­ra­tur, und schlüpft somit auch in die Rol­le der For­sche­rin.

Die Foto­gra­fien und Fil­me aus der Serie „MOUNTAIN PIECES. Reflec­ting Histo­ry“ die­nen dem Geden­ken der Gefal­le­nen des Ers­ten Welt­krie­ges an der Alpen­front: „Ich sehe die Inter­ven­tio­nen als tem­po­rä­re per­for­ma­ti­ve Mahn­ma­le für die Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit. Dabei spielt die Meta­pho­rik des Dar­ge­stell­ten eine gro­ße Rol­le. Eine Frau hisst eine als Flag­ge umfunk­tio­nier­te Ret­tungs­de­cke vor dem Sperr­werk Plät­z­wie­se, ein Geist erscheint vor der „Sper­re Landro“. Durch gezün­de­te Rauch­kör­per in den Wehr­an­la­gen, Kriegs­stol­len und vor den Bun­kern im Höh­lenstein­tal, Plät­z­wie­se, und am Mon­te Pia­na wer­den Sze­na­ri­en des Krie­ges auf abs­tra­hier­te Wei­se nach­voll­zo­gen. Der Ein­satz von Spie­gel und Spie­gel­fo­lie bei den Drei Zin­nen und in den Sext­ner Dolo­mi­ten soll die Betrachter/innen auf sich selbst zurück­wer­fen, zur Refle­xi­on ani­mie­ren und ihnen die besag­te Eigen­ver­ant­wort­lich­keit bewusst machen“, so die Süd­ti­ro­ler Künst­le­rin. Sis­sa Miche­li bewegt sich also zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on, zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit, und ver­sucht Aus­sa­ge und Nar­ra­tiv auf einen Punkt zu brin­gen. Dar­aus erschlie­ßen sich meh­re­re Bedeu­tungs­ebe­nen und geben Anlass, das Bekann­te, das All­täg­li­che, das schein­bar Dage­we­se­ne zu hin­ter­fra­gen. Da ihre Foto­ar­bei­ten oft­mals von Insze­nie­run­gen geprägt sind, ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Film, Foto­gra­fie und Instal­la­ti­on.

Eine wesent­li­che Bedeu­tung für sie spielt das Meta­pho­ri­sche. Topo­gra­fi­sche bzw. geo­lo­gi­sche Situa­tio­nen, in der Serie „Moun­tain Pie­ces. Reflec­ting Histo­ry“ vor­wie­gend der Berg und die Natur, wer­den als Meta­pher des Über­le­bens bzw. des Schei­terns ein­ge­setzt. Als Aus­drucks­mit­tel dafür hat sie sich vor­wie­gend dem Medi­um der Foto­gra­fie zuge­wandt: „Ich war schon immer von der Foto­gra­fie fas­zi­niert, hält sie doch die Welt an und lässt uns nach­den­ken. Sie ver­weist uns auf Aus­schnit­te des Lebens, auf die wir mit­un­ter nie hin­schau­en wür­den. Gleich­zei­tig kommt dabei aber auch die Kom­po­nen­te des Per­sön­li­chen in der Insze­nie­rung dazu – mei­ne Rea­li­tät oder die Rea­li­tät, wie ich sie dem/r Betrachter/in dar­bie­ten will.

Es geht mir dabei um die Schär­fung des Blicks auf das Wesent­li­che, aber eben­so auch auf das Unschein­ba­re. Span­nend ist für mich die Tat­sa­che, dass die Medi­en wie Foto­gra­fie und Video, die in der Kunst der Rea­li­tät wohl am nächs­ten zu kom­men schei­nen, in Wahr­heit immer sub­jek­tiv sind. Auch wenn ich in mei­nen Arbei­ten einen klar kon­zep­tio­nel­len Ansatz anstre­be, blei­be ich stets offen für äuße­re Ein­flüs­se, Zufäl­le und Ver­än­de­run­gen in der Schaf­fung des Bild­sze­na­ri­os.“

AUSSTELLUNG
MOUNTAIN PIECES. Reflec­ting Histo­ry
bis zum 11.10.20

LUMEN. Muse­um der Berg­fo­to­gra­fie Kron­platz, Bruneck, Süd­ti­rol
www.lumenmuseum.it

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