Anja Es: Spontan in den Wahn

Statement by Anja Es – special edition SPONTANEITY

Jedem wah­ren Kunst­werk wohnt ein Geheim­nis inne. Ein Zau­ber, ein Mys­te­ri­um, das uns berührt und uns deut­lich füh­len lässt: Dies ist mehr als die Sum­me von Far­be, Form und Mate­ri­al. Man könn­te es Geist nen­nen oder Aura, aber viel inter­es­san­ter ist doch die Fra­ge: Wie kommt das da rein?

Natür­lich kann man sich kunst­wis­sen­schaft­lich oder kunst­phi­lo­so­phisch an die­ser Fra­ge abar­bei­ten, aber am ein­fachs­ten erscheint doch der direk­te Weg. Man fragt die Künstler*innen selbst – doch, ach, die ant­wor­ten ent­we­der gar nicht oder eben­so mys­tisch wie die Kunst selbst. Musen­küs­se, gött­li­che oder wahl­wei­se höl­li­sche Ein­ge­bung, Inspi­ra­ti­on, spon­ta­ne Idee, die grü­ne Fee…Wie schön wäre es doch mit ein­fa­chen Ant­wor­ten. Will man von einem Koch wis­sen, wie der gute Geschmack in sein Essen kommt, kann man mit etwas Charme eine Zuta­ten­lis­te und eine Koch­an­lei­tung erhal­ten – bei Kunst ist es damit nicht getan. Um Kunst ent­ste­hen zu las­sen, braucht es eben mehr als Motiv und Material.

Wenn nun aber nicht ein­mal die Erschaffer*innen von Kunst selbst das Mys­te­ri­um ihrer Wer­ke ent­schlei­ern kön­nen, wer könn­te es dann? Mir fällt da höchs­tens die Psy­cho­ana­ly­se ein, die ist schließ­lich prä­de­sti­niert, selbst die abgrün­digs­ten Geheim­nis­se ans Licht der (Selbst)Erkenntnis zu zer­ren und Bil­der zu ent­schlüs­seln, die sonst für alle Ewig­keit im Reich der (Alb)Träume blieben.

Anja Es, Schrift­bild für die Aus­ga­be Spontaneity

Bedau­er­li­cher­wei­se fin­den Psychoanalytiker*innen am Grun­de ihrer Erkennt­nis mit fast 1000prozentiger Sicher­heit irgend­wel­che Neu­ro­sen, sodass eine Patho­lo­gi­sie­rung der Kunst zu befürch­ten ist. Das ist im Prin­zip nichts Neu­es, denn seit Jahr­hun­der­ten spricht man im Zusam­men­hang mit berühm­ten Künstler*innen immer von Genie und Wahn­sinn – wobei Wahn­sinn natür­lich noch eine Spur ver­rück­ter ist als eine gut­bür­ger­li­che Neu­ro­se. Den­noch: Ein biss­chen Wahn­sinn steht in der Asso­zia­ti­ons­ket­te des Nor­mal­bür­gers beim Begriff Künst­ler ganz weit vor­ne. Van Gogh hat sich das hal­be Ohr abge­schnit­ten und Camil­le Clau­del ist sogar im Irren­haus gelandet!

Ob die wirk­lich wahn­sin­nig waren, sei dahin­ge­stellt; Fakt ist aber, dass mit rei­ner Ver­nunft gedüng­te Kunst eher sel­ten schö­ne Blü­ten treibt. Man stel­le sich vor, man bekä­me den Auf­trag, ein sur­rea­lis­ti­sches Bild auf Basis wis­sen­schaft­li­cher Fak­ten und ratio­na­ler Über­le­gun­gen zu kre­ieren! Kunst­rich­tun­gen wie Infor­mel, Abs­trakt, Sym­bo­lis­mus u.v.m. hät­ten nie das Licht der Welt erblickt und ja, ich behaup­te, kein ein­zi­ges, jemals geschaf­fe­ne Kunst­werk wäre ohne unbe­wuss­te, unwill­kür­li­che, spon­ta­ne Ein­ge­bung erschaf­fen worden.

Eine neue Arbeit ent­steht ja nicht mit dem ers­ten Pin­sel­strich oder was auch immer zur Her­stel­lung erfor­der­lich ist. Manch­mal ver­ge­hen Jah­re vom ers­ten Fun­keln im Kopf, im Her­zen oder im Geist bis zur Umset­zung. Dazwi­schen lie­gen vor allem Emo­tio­nen. Wie fühlt es sich an, dar­an zu den­ken? Wel­che Asso­zia­tio­nen ruft es her­vor und wel­che Erin­ne­run­gen, Fan­ta­sien, Ängs­te, Hoff­nun­gen etc. stei­gen da wie Luft­bla­sen aus den Tie­fen des Unbe­wuss­ten her­auf? Die Wahr­neh­mung der eige­nen Gefüh­le und inne­ren Bil­der gehört zur Grund­aus­stat­tung guter Künstler*innen. Eine geschärf­te Selbst­re­fle­xi­on ist fast noch wich­ti­ger als ein rou­ti­nier­ter Strich – sie befeu­ert alles, was danach an Akti­on nötig ist. Sie ist An-trieb, Moti­va­ti­on und Keim­zel­le der Kunst. Der Rest ist Hand­werk und Kon­zept. Erst an die­ser Stel­le ist die Ratio gefragt. Dazwi­schen aber liegt die Spon­ta­nei­tät. Sie ist die Brü­cke zwi­schen Impuls und durch­dach­ter Umset­zung. Der oder die Künst­le­rin kommt im Pro­zess der Kunst­ent­ste­hung an einen Punkt, wo ent­schie­den wer­den muss, ob der Ein­ge­bung spon­tan die Hand­lung folg­ten oder die Idee aus mehr oder weni­ger (!) ratio­na­len Über­le­gun­gen ver­wor­fen wer­den soll.

Rolf Ohst, Aus eige­ner Kraft, Öl auf Lein­wand, 180 x 170cm

Der Gedan­ke dar­an, wie viel Kunst aus den Gehir­nen abge­trie­ben wur­de, weil eben die­ser Spon­ta­nei­tät kein Raum gege­ben wur­de, weil Mut fehl­te und die soge­nann­te Ver­nunft über die Kunst gestellt wur­de, ist schmerz­haft. Ande­rer­seits trennt sich hier eben die Spreu vom Wei­zen. Ech­te Künstler*innen wischen einen saf­ti­gen Musen­kuss nicht scham­voll von den Lip­pen. Sie wagen es, die Idee aus­zu­tra­gen und zu gebä­ren und oft trägt das fri­sche Kunst­werk genau jenen Spi­rit in sich, der die Betrachter*innen im Her­zen ergreift. Und da ist es dann: das Mys­te­ri­um einer Arbeit, der uner­klär­li­che Zau­ber – aber es braucht Mut und spon­ta­ne Ent­schluss­kraft, den Reich­tum inne­rer Zustän­de in Kunst zu verwandeln.

Im Grun­de ist es genau die­ser Mut, sich der Welt preis­zu­ge­ben, den vie­le Men­schen an Künstler*innen bewun­dern. Wer traut sich schon, sei­nen Impul­sen zu fol­gen? Un-Men­schen mit anti­so­zia­ler Per­sön­lich­keits­stö­rung machen das und lan­den oft genug des­we­gen im Knast. Kin­der tun das voll­kom­men absichts­los. Der Unter­schied liegt in der Inten­ti­on. Impuls­ge­steu­ert und spon­tan zu han­deln, um KUNST zu schaf­fen, ist abso­lut gerecht­fer­tigt und muss frei­heit­li­ches Grund­recht sein.
Die­se Frei­heit wird manch­mal benei­det. Für so einen Sch… kriegt der auch noch Geld! Das kann ich auch! »Mach doch, wenn du dich traust« möch­te ich rufen, aber die­sen Feh­de­hand­schuh hat sich noch kei­ner von den Maul­hel­den auf­zu­neh­men getraut.

Spon­ta­nei­tät ist für Kunst­schaf­fen­de der Weg zu Ori­gi­na­li­tät und Authentizität.
Der Zugang zu eige­nen, teils aus dem Unbe­wuss­ten gespeis­ten Dar­stel­lungs­wel­ten, gepaart mit dem Mut zu ori­gi­nä­rer künst­le­ri­scher Gestal­tung, ver­leiht einer Arbeit ihre Ein­zig­ar­tig­keit. Wer meint, Spon­ta­nei­tät müs­se gut über­legt sein, hat sei­ne Ver­we­gen­heit schon an die Spieß­bür­ger­lich­keit ver­lo­ren – und nicht nur die. Auch die Selbst­ach­tung steht auf dem Spiel, denn Künstler*in sein bedeu­tet immer auch, Gren­zen aus­zu­lo­ten, frei zu den­ken, vor­zu­grei­fen und anzu­tre­ten, im Namen der Kunst. Dass es dabei unge­müt­lich wer­den kann, ist klar, aber gera­de dafür lie­ben wir doch die Künstler*innen. Nicht für ihr Hand­werk, denn dann könn­ten wir ja auch den Metz­ger lie­ben, der das Fleisch meis­ter­haft vom Kno­chen löst.
Ich selbst bin in die­sem Text lei­der kein leuch­ten­des Bei­spiel für spon­ta­nen Aus­druck und KUNST­vol­len Stil. Ich habe beim Schrei­ben all mei­ne Neben­ge­dan­ken, frei­en Asso­zia­tio­nen, die meis­ten Gefüh­le und alle mög­li­chen Far­ben und For­men der Ratio­na­li­tät und Les­bar­keit zulie­be weg­ge­las­sen und gebe zu, dass das ein ganz schön tro­cke­nes Stück Arbeit war. Um wie viel KUNST­vol­ler, authen­ti­scher und aus­drucks­vol­ler der­sel­be Text sein könn­te, wenn Spon­ta­nei­tät im Spiel ist, sieht man auf der ande­ren Sei­te. Brennt aber etwas im Auge.

Viel Spaß wünscht
„Spon­tan­ja“ Es

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geschrieben von

Malt, schreibt, performt und bringt Texte und Bilder als Gesamtkunstwerk mit Musikern auf die Bühne. Ausstellungen und Performances in Deutschland und Dänemark. Mit ihrer Bildserie „La Gonzesse“ in Sammlungen, Galerien und Medien erfolgreich. Anja Es: KUNST! in der Alten Vogtei, Travemünde.

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