Über das Ende des menschlichen Exzeptionalismus

Ein Gespräch mit den Gründern von Superflux: Anab Jain und Jon Ardern

In ihrer ers­ten Solo-Aus­stel­lung SUBJECT TO CHANGE in der Droog Gal­le­ry in Ams­ter­dam Anfang des Jah­res wur­den die Besucher:innen von Super­flux auf­ge­for­dert, offen für viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten zu blei­ben und die durch die dro­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe ver­ur­sach­te Unsi­cher­heit mit akti­ver Hoff­nung zu bewäl­ti­gen. Von wie­der­auf­le­ben­den Wäl­dern bis hin zu radi­ka­len sozia­len Bewe­gun­gen, von Solar­punk-Tech­no­lo­gien bis hin zu arten­über­grei­fen­den Ban­ket­ten – Super­flux nut­zen poe­ti­sche und immer­si­ve Erzäh­lun­gen, um sich mit die­sen her­aus­for­dern­den und drin­gen­den Anlie­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen und künf­ti­ge Wege des Lebens mit dem Pla­ne­ten aufzuzeigen.

Erst kürz­lich wur­de die neue immer­si­ve Instal­la­ti­on »The Libra­ry« im Muse­um of the Future in Dubai eröff­net. In den Gän­gen, die vom Boden bis zur Decke rei­chen, hän­gen auf 375 Qua­drat­me­tern 2.400 Kris­tall­ge­fä­ße, in die jeweils das Bild einer ein­zig­ar­ti­gen exis­tie­ren­den oder sogar aus­ge­stor­be­nen Lebens­form geätzt wur­de. Die Biblio­thek kata­lo­gi­siert die wun­der­ba­re Viel­falt der Lebe­we­sen auf unse­rem Pla­ne­ten: von Kapok­bäu­men bis zu Koli­bris, von Schleim­pil­zen bis zu Tigern, mit einem auf­wän­dig gelaser­ten Design. Die Besucher:innen kön­nen die Glä­ser »scan­nen«, um auf einem intel­li­gen­ten Gerät mehr über die ein­zel­nen Arten zu erfah­ren, wäh­rend sie sie erkun­den. Es wird deut­lich, dass alles Leben auf der Erde eng mit­ein­an­der ver­bun­den ist und was wir tun kön­nen, um unse­re rei­chen Öko­sys­te­me wiederherzustellen.

Wir errei­chen die Grün­der von Super­flux Anab Jain and Jon Ardern in ihrem Stu­dio in Lon­don und dür­fen in einem Gespräch mehr über ihre inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zukunft unse­rer Erde und deren »war­nen­de Erzäh­lun­gen« erfahren.

Super­flux ist viel mehr als ein Design­stu­dio. Es han­delt sich um ein Unter­neh­men für Zukunfts­er­fah­run­gen sowie um eine For­schungsund Kunst­pra­xis. Kön­nen Sie uns erklä­ren, wel­ches Ziel Sie mit Ihrem inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz verfolgen?

ANAB JAIN: Unse­re Arbeit zielt dar­auf ab, ver­schie­de­ne Ziel­grup­pen mit der kom­ple­xen und tief ver­netz­ten Natur der Her­aus­for­de­run­gen zu kon­fron­tie­ren, mit denen wir heu­te kon­fron­tiert sind … Design zu nut­zen, um sich hypo­the­ti­sche Wel­ten als kri­ti­sche Stra­te­gie für Unter­neh­men vor­zu­stel­len und gleich­zei­tig die öffent­li­che Vor­stel­lungs­kraft zu erweitern.

Ihr Slo­gan lau­tet: »Trans­la­ting future uncer­tain­ty into pre­sent day choices.« (Die Unge­wiss­heit der Zukunft in Ent­schei­dun­gen für die Gegen­wart zu über­set­zen.) Was sind die Unsi­cher­hei­ten, die Sie wahrnehmen?

JON ARDERN: Kli­ma­wan­del, Umwelt­zer­stö­rung, Ver­lust der Arten­viel­falt, Wirt­schafts­krieg, unbe­ab­sich­tig­te Fol­gen neu­er Tech­no­lo­gien, KI, KIbe­ein­fluss­te Poli­tik, Zer­split­te­rung der Welt­an­schau­un­gen, Ver­stär­kung poli­ti­scher Unter­schie­de, Daten­ka­pi­ta­lis­mus und netz­ge­stütz­ter Auto­ri­ta­ris­mus. Das ist natür­lich nur eine Moment­auf­nah­me von vie­len Din­gen, die ich auf­zäh­len könn­te. Aber ich den­ke, das eigent­li­che Pro­blem ist, dass all die­se Din­ge zusam­men auf­tre­ten, da unse­re Welt heu­te auf allen Ebe­nen (poli­tisch, wirt­schaft­lich und öko­lo­gisch) so stark mit­ein­an­der ver­bun­den ist. Infol­ge­des­sen kön­nen sich die­se »Unsi­cher­hei­ten« mit­ein­an­der ver­bin­den und die Aus­wir­kun­gen kön­nen schnell grenz­über­schrei­ten­de Gedan­ken­sys­te­me her­vor­ru­fen. Eine ziem­lich detail­lier­te Über­sicht fin­det man unter dem Link: https://civilizationemerging.com/catastrophic-and-existential-risk/

Wer sich wirk­lich für die­ses The­ma inter­es­siert, soll­te sich die Arbeit von Dani­el Schmach­ten­ber­ger anse­hen. Er ist einer der wort­ge­wand­tes­ten Red­ner zu die­sem The­ma, die ich gefun­den habe.

Sie beschäf­ti­gen sich sehr inten­siv mit der Zukunft, zeich­nen aber in Ihren Bil­dern und Visio­nen immer auch die Tat­sa­che, dass unser Han­deln in der Gegen­wart ent­schei­dend dafür ist, was die Zukunft letzt­lich brin­gen wird. Wo sehen Sie den drin­gends­ten Bedarf, umzu­den­ken, umzu­struk­tu­rie­ren oder Ver­än­de­run­gen herbeizuführen?

JON ARDERN: Wir müs­sen die Art und Wei­se, wie wir uns selbst sehen, neu defi­nie­ren, ins­be­son­de­re in Bezug auf die Welt um uns her­um. Wir müs­sen ver­ste­hen, dass wir eng mit­ein­an­der und mit der Welt um uns her­um ver­bun­den sind. Wenn wir jedoch die Geschich­ten, die wir über uns selbst in Bezug auf die Öko­lo­gie im wei­te­ren Sin­ne erzäh­len, nicht ändern, wer­den wir die Welt und ein­an­der wei­ter­hin als Res­sour­cen betrach­ten, aus denen man etwas her­aus­ho­len kann, und nicht als ein Netz­werk von Bezie­hun­gen, die das Leben ermöglichen.

Welche Rol­le wer­den Kunst und Krea­ti­vi­tät in die­sem Netz­werk einnehmen?

ANAB JAIN: Sie kön­nen die Vor­stel­lungs­kraft anre­gen und uns erlau­ben, neue Mög­lich­kei­ten zu sehen, zu füh­len und zu erle­ben. Sie kön­nen uns hel­fen, uns tie­fer mit dem Poten­zi­al zu ver­bin­den, das wir in uns tra­gen, und tie­fer über die Welt um uns her­um und die Ent­schei­dun­gen nach­zu­den­ken, die wir tref­fen, getrof­fen haben und tref­fen könnten.

Ist das Nach­den­ken über die Zukunft für Sie eher mit Hoff­nung oder mit Sor­ge verbunden?

ANAB JAIN: In der Ver­gan­gen­heit war ein Groß­teil unse­rer Arbeit mit dem ver­bun­den, was wir heu­te als war­nen­de Erzäh­lun­gen bezeich­nen. Heut­zu­ta­ge kommt es uns jedoch fast so vor, als leb­ten wir ein war­nen­des Mär­chen, so dass wir unse­re Arbeit im All­ge­mei­nen mehr auf die Erfor­schung opti­mis­ti­scher, aber mög­li­cher Zukünf­te aus­rich­ten. Wir sehen unse­re Arbeit als Bei­trag zur Schaf­fung kul­tu­rel­ler Nord­ster­ne, die wir nut­zen kön­nen, um in eine posi­ti­ve­re, viel­fäl­ti­ge­re, inte­gra­ti­ve­re und gerech­te­re Zukunft zu navigieren.

Mit Ihrer Arbeit »Refu­ge for Res­ur­gence« (gezeigt auf der BIENNALE ARCHITETTURA) machen Sie einen Ent­wurf für das Zusam­men­le­ben in der Zukunft. Wie sieht das aus?

JON ARDERN: Für uns geht es vor allem dar­um, dass wir uns selbst als tief mit­ein­an­der ver­bun­den in einem öko­lo­gi­schen Netz sehen und den Wert aller Arten inner­halb die­ser grö­ße­ren Öko­lo­gie erken­nen. Es geht um das Ende des mensch­li­chen Exzep­tio­na­lis­mus und eine tie­fe Aner­ken­nung unse­res wah­ren Plat­zes in der Welt. Wir glau­ben, dass, wenn wir dies gemein­sam errei­chen kön­nen, sich alles von selbst regeln wird.

Die Arbeit hat viel mit ideo­lo­gi­schen und kul­tu­rel­len Para­dig­men zu tun, nicht wahr?

JON ARDERN: Ja, das ist ein The­ma, das sich von Anfang an durch unse­re Arbeit gezo­gen hat, schon in mei­nem Pro­jekt ARK-INC. In den letz­ten vier oder fünf Jah­ren sind wir expli­zi­ter gewor­den und inter­es­sie­ren uns für poli­ti­sche, sozia­le, tech­no­lo­gi­sche und öko­lo­gi­sche Para­dig­men­wech­sel: Wie die­se Ver­schie­bun­gen ein­an­der gegen­sei­tig beein­flus­sen und wie sie sich in der Welt mani­fes­tie­ren und unse­re Zukunft gestalten.

Auch Ihre Instal­la­ti­on Invo­ca­ti­on for Hope im MAK in Wien hat viel posi­ti­ves Feed­back her­vor­ge­ru­fen. Wie schaf­fen Sie es, Pro­jek­te zu so schwie­ri­gen The­men zu ent­wi­ckeln, die als Erfah­rung oder Wahr­neh­mung das Publi­kum nicht zur Resi­gna­ti­on füh­ren, son­dern zum Nach­den­ken und zur Ver­än­de­rung anregen?

JON ARDERN: Dan­ke, das ist sehr freund­lich von Ihnen. Es besteht der auf­rich­ti­ge Wunsch, inner­halb des Stu­di­os einen Sinn zu fin­den, wo wir uns im his­to­ri­schen Moment befin­den und mög­li­che Wege nach vor­ne zu finden.

ANAB JAIN: Das sind moti­vie­ren­de Fra­gen für unser Team und uns, und ich hof­fe, dass etwas von die­ser Suche in die Arbei­ten ein­fließt, die wir produzieren.

Woran arbei­ten Sie der­zeit und wel­che Pro­jek­te kön­nen wir in naher Zukunft von Ihnen erwar­ten – kön­nen Sie schon dar­über sprechen?

ANAB JAIN: Wir kön­nen zwar nicht sagen, wor­an wir im Moment arbei­ten, aber im Juni wird es ein neu­es Pro­jekt in Lon­don geben. Außer­dem kön­nen Sie unse­re Arbeit in zwei span­nen­den Aus­stel­lun­gen sehen: Die Arte­fak­te aus unse­rem Film »The Inter­sec­tion« wer­den in »Etern­al­ly Yours: Repa­ra­tur, Pfle­ge, Hei­lung« im Somerset House vom 16. Juni bis 25. Sep­tem­ber zu sehen sein.

Wir bedan­ken uns für die­sen visio­nä­ren und offe­nen Austausch.

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