Transhumanismus

Wissenschaft und Technik dringen in den Menschen ein.

Digi­ta­li­sie­rung, künst­li­che Intel­li­genz, Algo­rith­men, Kör­per­op­ti­mie­rung, Aug­men­ted Rea­li­ty und Roboterisierung…all das hat längst Ein­zug in unse­ren All­tag gehal­ten. Über 98 Pro­zent unse­rer Ent­wick­lungs­ge­schich­te leb­ten wir als fell­be­han­ge­ne Stein­zeit­men­schen in pri­mi­ti­ven Hüt­ten. Dann schu­fen wir Hoch­kul­tu­ren, ent­wi­ckel­ten Maschi­nen und bau­ten Fabri­ken, began­nen For­schung und Medi­zin zu betrei­ben. Heu­te ver­pflan­zen wir Orga­ne, implan­tie­ren künst­li­che Glied­ma­ßen und wer­den teil­wei­se bereits durch Nano­chips im Kör­per gesteu­ert. Über 95 Pro­zent aller Spe­zi­es, die bis­lang die Erde bevöl­kert haben, exis­tie­ren inzwi­schen nicht mehr. Es ist unwahr­schein­lich, dass der Mensch eine Aus­nah­me dar­stellt. Kann die Tech­no­lo­gie dazu bei­tra­gen, die Exis­tenz des Homo Sapi­ens zu ver­län­gern, oder gar auf eine höhe­re Stu­fe zu heben?

Sicher ist, dass wir uns auf dem Weg von der Mensch-Tech­nik-Inter­ak­ti­on zur Mensch-Tech­nik-Kon­ver­genz befin­den. Dazu trägt ein Teil des Medi­zin­sek­tors bei, der sich immer weni­ger um das Hei­len des kran­ken, son­dern um das Ver­bes­sern des gesun­den Kör­pers küm­mern will und dar­in das gros­se Geschäft der Zukunft erkennt: human enhan­ce­ment, die Per­fek­tio­nie­rung des mensch­li­chen Kör­pers und Geis­tes durch hoch­ent­wi­ckel­te Pro­the­sen und Implan­ta­te. Die Ver­bes­se­rung des Men­schen strebt einen „Trans­hu­ma­nis­mus“ an: ein um jeden Preis „über den bis­he­ri­gen Men­schen hin­aus­ge­hen“, weil des­sen Evo­lu­ti­on sowohl von Medi­zi­nern wie Wirt­schafts­füh­rern ohne tech­no­lo­gi­sche Auf- und Umrüs­tung des Men­schen zum Cyborg in einer Sack­gas­se gese­hen wird.

Kunst hat die­se Ent­wick­lung zur Tech­ni­sie­rung des Men­schen und zur Ent­ste­hung eines Maschi­nen­men­schen bereits seit Jah­ren vor­aus­ge­se­hen. So etwa in den Wer­ken des Künst­lers Stel­arc, der bereits seit Jahr­zehn­ten mit tech­no­lo­gi­scher Auf­rüs­tung am eige­nen Kör­per expe­ri­men­tiert und damit früh die heu­ti­ge Body­ha­cker-Kul­tur vor­weg­ge­nom­men hat – also eine Kul­tur, die den eige­nen Kör­per zum Expe­ri­men­tier­feld von Tech­no­lo­gie macht. Ähn­lich der welt­weit ers­te staat­lich aner­kann­te Cyborg, Neil Har­bis­son, der sei­ne tech­no­lo­gi­sche Auf­rüs­tung mit­tels einer mit sei­nem Wahr­neh­mungs­ap­pa­rat direkt ver­bun­de­nen Anten­ne als „rea­lis­ti­sche­re Kunst“ nicht mehr nur am, son­dern im eige­nen Kör­per und Ich betrach­tet. Er wur­de far­ben­blind gebo­ren und kann nun mit­tels Tech­no­lo­gie nach eige­ner Aus­sa­ge Far­ben hören. Ziel von Har­bis­son, sei­ner glo­ba­len „Cyborg Foun­da­ti­on“ und glo­ba­len Zusam­men­schlüs­sen ein­fluss­rei­cher Phil­an­thro­pen und Wirt­schafts- und Finanz­füh­rern – wie etwa dem „Glo­ba­len Zukunfts­kon­gress 2045“, der sich im März 2013 mit einem offe­nen Brief an den dama­li­gen UN-Gene­ral­se­kre­tär Ban Ki-moon wand­te -, ist es, die gan­ze Welt an der Ent­wick­lung zum Maschi­nen­men­schen teil­ha­ben zu las­sen. Sie for­dern Wirt­schaft und Poli­tik welt­weit auf, einen Groß­teil der Gel­der in die­se Opti­on zu ste­cken. Denn nur der Maschi­nen­mensch mit erwei­ter­ten kör­per­li­chen und kogni­ti­ven Mög­lich­kei­ten wer­de in der Lage sein, end­lich Frie­den zu schaf­fen, die Umwelt zu ret­ten und den Kos­mos zu ergrün­den.

Tech­nik ver­schmilzt der­zeit jeden­falls immer stär­ker direkt mit dem Men­schen, und sie berührt dabei immer tief­ge­hen­der sein Inners­tes. So etwa mit­tels der heu­te bereits stan­dard­mä­ßig ein­setz­ba­ren Gehirn-Com­pu­ter-Direkt­ver­bin­dun­gen (Brain-Com­pu­ter-inter­faces, BBIs) und Gehirn-Maschi­ne-Ver­bin­dun­gen (BMIs), die seit Febru­ar 2019 nun auch um Gehirn-Gehirn-Ver­bin­dun­gen (BBIs) sowie um Plä­ne zu Gehirn-Cloud-Ver­bin­dun­gen (B/Cis) ergänzt wer­den. Bei den Gehirn-Gehirn-Ver­bin­dun­gen wur­de das Gehirn eines Men­schen von chi­ne­si­schen Wis­sen­schaft­lern mit dem eines Rat­ten-Cyborgs ver­schal­tet, sodass der Mensch mit sei­nen Gedan­ken die Rat­te steu­ern konn­te, wie das renom­mier­te Fach­jour­nal Natu­re in sei­ner Febru­ar-Aus­ga­be 2019 berich­te­te. Das Expe­ri­ment bau­te auf vor­her­ge­hen­de Ver­su­che der Uni­ver­si­tä­ten Washing­ton und Har­vard auf. Die Fra­ge ist, was sol­che neu­en Mög­lich­kei­ten der „Gedan­ken­kon­trol­le“ („mind con­trol“) ande­rer Wesen bewir­ken kön­nen, und wie lan­ge es dau­ert, bis sie auf den Men­schen ange­wandt wer­den. Damit sind völ­lig neue ethi­sche, juri­di­sche und prak­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen ver­bun­den, denen sich die in der Glo­ba­li­sie­rung immer stär­ker kom­mer­zia­li­sier­te und ästhe­ti­sier­te Kunst bis­her viel zu wenig zuge­wandt hat.

Bild des Künst­lers Peter Gric

Grund­le­gen­de Fra­gen gehen mit die­sen neu­en Ent­wick­lun­gen am Schnitt­punkt zwi­schen Mensch und Tech­no­lo­gie ein­her – und beschäf­ti­gen inzwi­schen bereits einen Groß­teil der Mensch­heit: Was bedeu­tet die rasant fort­schrei­ten­de tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung kon­kret für die Zukunft von mensch­li­chem Kör­per und Geist, wenn bei­de tech­ni­siert wer­den? – Wel­che Aus­wir­kun­gen hat dies auf Selbst­ver­ständ­nis und Pra­xis von Kunst, die in den Visio­nen der gro­ßen Tech­no­lo­gie­rie­sen der Welt in den kom­men­den Jah­ren wie­der immer mehr zu ihren Ursprün­gen als téch­ne, also zur Tech­nik im Sin­ne eines hoch­ent­wi­ckel­ten nütz­li­chen „Men­schen-Gestells“ zurück­kehrt? Was bedeu­tet das für die Demo­kra­tie, den Rechts­staat und die Zivil­ge­sell­schaft? – Kön­nen wir unse­rer eige­nen Wahr­neh­mung, unse­ren Sin­nes­or­ga­nen noch trau­en? – Wird der Mensch künf­tig zum Intel­li­genz­spen­der für die Maschi­ne degra­diert, bis die­se ihm an Intel­li­genz, Effi­zi­enz und ande­ren Eigen­schaf­ten über­le­gen ist? – Wird der Maschi­nen­mensch des „Trans­hu­ma­nis­mus“ mit Künst­li­cher Intel­li­genz kom­mu­ni­zie­ren, sie in sich oder sich in sie inte­grie­ren, oder sich gar – mit ihrer Hil­fe – einer Über­in­tel­li­genz (super­in­tel­li­gence) annä­hern kön­nen, wie dies etwa der Direk­tor des bis­lang ein­zi­gen Zukunft der Mensch­heit Insti­tuts an der Uni­ver­si­tät Oxford, Nick Bostrom, erwar­tet? Nicht zufäl­lig sieht Bostrom in sei­nem Buch „Super­in­tel­li­genz“ aus dem Jahr 2014 die Mensch­heit durch die­se Ent­wick­lung auch in ihrer Sub­stanz bedroht, da sich eine Künst­li­che Intel­li­genz, die zur Super­in­tel­li­genz wür­de, was vie­le für die Jahr­hun­dert­mit­te erwar­ten, gegen den Men­schen wen­den könn­te, weil er der ein­zi­ge ist, der ihr „den Ste­cker zie­hen kann“.

Was bedeu­tet es für unser Leben, wenn die größ­ten Kon­zer­ne der Welt, z.B. der Goog­le-Über­bau Alpha­bet mit sei­ner Toch­ter Cali­co, inten­siv an einer Human-Bio­tech­no­lo­gie for­schen, um so die nächst höhe­re Stu­fe der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on errei­chen zu kön­nen – oder gar die mensch­li­che Unsterb­lich­keit, wie Goog­le 2013 aus­drück­lich als Jahr­hun­dert-Ziel bekannt gab, das seit­dem mit Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen ange­strebt wird? Erstaunt frag­te damals das Time Maga­zi­ne: Kann Goog­le den Tod besie­gen? Und was bedeu­tet das für die Men­schen? Wer­den sie dadurch mora­lisch bes­ser – oder wer­den sie eher „böse“, weil es kei­nen Maß­stab der End­lich­keit mehr gibt? – Wie gehen wir damit um, dass Künst­li­che Intel­li­gen­zen inzwi­schen eine bes­se­re medi­zi­ni­sche Dia­gnos­tik vor­neh­men kön­nen als vie­le Fach­ärz­te? – Was bedeu­tet es für die Gesell­schaft, wenn in den kom­men­den Jahr­zehn­ten Algo­rith­men wie Goo­g­les Ale­xa sich wei­ter­ent­wi­ckeln und immer mehr prak­ti­sche Auf­ga­ben über­neh­men – und dabei mehr als 50% der Arbeits­plät­ze ver­lo­ren gehen?

Bild des Künst­lers Peter Gric

Wir soll­ten uns hüten, die Ent­wick­lung zu unter­schät­zen, denn sie berührt den Kern bis­he­ri­gen Mensch­seins in einer Wei­se, die bis­lang in der mensch­li­chen Geschich­te noch nicht mög­lich war. Kunst muss stär­ker als bis­her ver­su­chen, die­se Ent­wick­lung zu the­ma­ti­sie­ren und Bewusst­sein zu schaf­fen, was wich­ti­ger ist, als vor­schnel­le Ant­wor­ten dar­auf zu geben – also eine emi­nent künst­le­ri­sche Auf­ga­be. Auf der ande­ren Sei­te soll­te uns aber auch nicht die Angst lei­ten, und wir soll­ten die Ent­wick­lung nicht ver­teu­feln – ganz im Gegen­teil. Nam­haf­te Wis­sen­schaft­ler pro­phe­zei­en immer wie­der das Ende der Mensch­heit und der Erde durch Ver­än­de­run­gen unse­res Son­nen­sys­tems oder Aste­roi­den. Ist der Mensch nur durch Tech­no­lo­gie am oder gar im eige­nen Kör­per sowie all­ge­mein durch die tech­no­lo­gi­sche Umwer­tung des Erden-Seins in der Lage, dem Stand zu hal­ten? Und wäre das dann eher Tech­nik, Kunst oder téch­ne? Oder wer­den sich Kunst und Tech­no­lo­gie in den kom­men­den Jah­ren völ­lig neu ver­bin­den, das eine in das ande­re über­ge­hen, so wie es sich Apple (Ste­ve Jobs, Ste­ve Woz­niack) oder Yahoo seit jeher wünsch­ten? Dann blie­be die Kunst, wie wir sie bis­her ken­nen, nur noch als Nische und Kurio­si­tät übrig – und natür­lich als Luxus­han­dels­wa­re, zu der sie in der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung bereits größ­ten­teils gewor­den ist.

Sicher ist: Die aktu­el­len und die dar­aus her­vor­ge­hen­den Ent­wick­lun­gen wer­den Mensch, Arbeit, Umwelt und Gesell­schaft grund­le­gend ver­än­dern. Kann uns die Tech­nik hel­fen, unse­re Ein­schrän­kun­gen zu über­win­den – ohne uns zu scha­den, irrever­si­bel umzu­bau­en oder gar zu ver­nich­ten? Oder ist sie Kon­kur­renz und Bedro­hung für uns? Wie kön­nen wir tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen kon­trol­lie­ren – und wie wird sich letzt­lich die Spe­zi­es Mensch wei­ter­ent­wi­ckeln, da ihr ja ein Still­stand nie mög­lich war? Das Cent­re for the Stu­dy of Exis­ten­ti­al Risk der Uni­ver­si­tät Cam­bridge sieht die Mensch­heit ganz kon­kret vom Aus­ster­ben bedroht, wenn nicht bestimm­te Risi­ken berück­sich­tigt und ver­mie­den wer­den. „Wenn nicht die Fort­schrit­te in Tech­nik und Natur­wis­sen­schaft genutzt wer­den, wird die Mensch­heit das Ende die­ses Jahr­hun­derts nicht mehr errei­chen“, so die For­scher. Macht das die Tech­nik – buch­stäb­lich – zum „neu­en Gott“, wie es Post-Huma­nis­ten wie Mar­tin Hei­deg­ger bereits in den 1960er Jah­ren vor­aus­sag­ten?

Die dar­win­sche Selek­ti­on gilt heu­te nur noch ein­ge­schränkt für den Men­schen. Wir hal­ten Men­schen künst­lich am Leben und ver­än­dern die­ses Leben mit neu­en Lebens­wis­sen­schaf­ten. Wenn eine Selek­ti­on statt­fin­det, dann ist sie künst­lich und sozu­sa­gen geplant. In abseh­ba­rer Zukunft könn­te es mög­lich sein, durch Gen­ma­ni­pu­la­ti­on den Kör­per und die Per­sön­lich­keit von Men­schen zu ver­än­dern, und das wird eines der gro­ßen The­men der kom­men­den Jah­re sein (Stich­wort Cris­pr-Sche­re zur „Zurecht­schnei­dung“ indi­vi­du­el­ler DNA).

Laut Goog­le und ande­ren „gro­ßen Spie­lern“ wird der Mensch ver­mut­lich ab 2050 sei­ne bio­lo­gi­schen Begren­zun­gen (Krank­heit, Tod, exis­ten­ti­el­les Risi­ko, Unwäg­bar­keit des Lebens etc.) mit­hil­fe der Tech­nik stark redu­zie­ren. Die­se tech­no­lo­gi­sche Revo­lu­ti­on wird die Mensch­heit für immer ver­än­dern. Dazu kommt: Die inne­re Expan­si­on der Mög­lich­kei­ten des mensch­li­chen Lebens durch Ver­schmel­zung mit Tech­no­lo­gie wird durch die äuße­re Expan­si­on in den Welt­raum ergänzt. Neue Lebens­räu­me im Uni­ver­sum wer­den der­zeit inten­siv und mit gro­ßen Inves­ti­tio­nen erforscht, um neue Lebens­räu­me für den tech­no­lo­gisch opti­mier­ten neu­en Homo Sapi­ens bereit zu stel­len. Sie­he etwa die Mars-Mis­sio­nen von USA, Chi­na und Indi­en, die neu­en Mond­mis­sio­nen, der Beginn des „aste­ro­id mining“, also des Res­sour­cen­ab­baus im All durch pri­va­te Fir­men wie Elon Musks „Space X“ Unter­neh­men oder das Nasa-Erkun­dungs­pro­jekt „Kep­ler“.

Zusam­men­fas­send ist Trans­hu­ma­nis­mus ein inzwi­schen welt­weit Fahrt auf­neh­men­der Ansatz, den Men­schen durch Ver­schmel­zung mit Tech­no­lo­gie zu „ver­bes­sern“. Ziel ist es, den mensch­li­chen Kör­per und Geist tech­no­lo­gisch auf­zu­rüs­ten, um über das bis­he­ri­ge Mensch­sein hin­aus­zu­ge­hen – in einen „höhe­ren“ Men­schen hin­ein. Die­ser „neue Mensch“ soll in Form einer „neu­en Mensch­heit“ (neo-huma­ni­ty) län­ger leben, gesün­der sein und über neue geis­ti­ge Fähig­kei­ten ver­fü­gen, womit in den Augen der Pro­pa­ga­to­ren auch Reli­gi­on tech­no­lo­gisch kon­kre­ti­siert und rea­li­siert wird. Und viel­leicht soll er sogar bald unsterb­lich wer­den. Trans­hu­ma­nis­mus grün­det heu­te poli­ti­sche Par­tei­en welt­weit dar­un­ter etwa die Trans­hu­ma­nis­ti­sche Par­tei der USA, die mit Spit­zen­kan­di­dat Zol­tan Ist­van 2015–16 gegen Donald Trump um das Prä­si­den­ten­amt kon­kur­rier­te. Die­se Par­tei­en wol­len die Poli­tik davon über­zeu­gen, dass nur die Umwand­lung des Men­schen zum Cyborg und die gleich­zei­ti­ge Ver­mensch­li­chung der Maschi­ne in Gestalt men­schen­ähn­li­cher, heu­te äußer­lich wegen bes­se­rer Akzep­tanz meist „weib­li­cher“ KI-Robo­ter in die Zukunft wei­sen. Weil es hier buch­stäb­lich um nicht weni­ger das Schick­sal des Mensch­seins geht, sind wir alle auf­ge­ru­fen, dazu eine Mei­nung zu bil­den. Aller­dings wis­sen vie­le Bür­ger wegen feh­len­der Medi­en­ab­de­ckung nicht, was heu­te schon mög­lich ist und auch bereits gemacht wird.

Doch der Mensch wird heu­te schon umge­baut – wäh­rend Tech­no­lo­gie immer „mensch­li­cher“ wird. Und zwar bis in den Bereich der wohl mensch­lichs­ten Fähig­kei­ten hin­ein: jene der Krea­ti­vi­tät und der Ästhe­tik. Künst­li­che Krea­ti­vi­tät wird laut Goog­le mitt­ler­wei­le in Gerä­te ein­ge­baut. Goo­g­les KI kann – in Super­com­pu­tern umge­setzt – Tex­te angeb­lich bereits bes­ser über­set­zen als Men­schen. Sie kann – und soll laut den Befür­wor­tern – Tex­te aus­su­chen aus dem Wust an „Inter­net-Mate­ri­al“ und also Infor­ma­tio­nen nun auch im Bereich erns­ter Wis­sens­ak­ku­mu­la­ti­on und Erkennt­nis vor­fil­tern. KI kann laut Apple und Goog­le auch bereits Musik kom­po­nie­ren und Tex­te schrei­ben. Und Goo­g­les KI kann laut Dar­stel­lung des Kon­zerns vom Herbst 2019 bereits ästhe­ti­sche Gefüh­le vor­her­sa­gen mit 80%iger Wahr­schein­lich­keit – also vor­aus­sa­gen, ob ein Kunst­werk gefal­len wird oder nicht. Dann wäre es nur noch ein klei­ner Schritt, bis KI „eigen­stän­dig“ Kunst her­stellt, die mög­lichst vie­len Men­schen gefällt. Aber wird das dann über­haupt noch Kunst sein, oder eine hoch­ent­wi­ckel­te Rechen­kunst ver­bun­den mit psy­cho­lo­gi­schem Reduk­tio­nis­mus und Mani­pu­la­ti­on? Viel­leicht wird sol­che KI-Kunst eine Zeit­lang gut ver­käuf­lich sein. Sie ver­misst aber jeden pro­gres­si­ven Aspekt, von erzie­he­risch und ver­tie­fend ganz zu schwei­gen. Vie­le Künst­ler sind über­zeugt, dass selbst wenn es gelingt, dass Tech­no­lo­gie als Akteu­rin in den Kunst­be­trieb ein­steigt, die­ser Effekt einer „ästhe­ti­schen Gefal­lens­kunst“ nicht lan­ge anhal­ten wird. Denn die Men­schen wer­den dann irgend­wann dage­gen rebel­lie­ren, weil sie mehr von Kunst erwar­ten als Gefal­len, sei es nun instink­tiv oder expli­zit. Sie wer­den das Nicht-Mensch­li­che frü­her oder spä­ter als stö­rend emp­fin­den im Bereich der Kunst – außer, Kunst ist dann bereits so tech­no­lo­gisch oder die Men­schen der Tech­no­lo­gie bereits so bewusst­seins­in­dus­tri­ell ange­gli­chen, dass sie ihr Unbe­ha­gen über­spie­len, ohne es zu wis­sen. Eini­ge Sym­pto­me zei­gen bereits in die Gegen­per­spek­ti­ve – zumin­dest in Euro­pa. So wur­de es Künst­li­cher Intel­li­genz in Deutsch­land im Janu­ar 2020 unter­sagt, Paten­te zu hal­ten, weil – so der Ent­scheid – nur Men­schen Erfin­der sein kön­nen. Nicht dazu­ge­sagt wur­de aller­dings, wie lan­ge das noch so sein wird.

WO LIEGT DIE PERSPEKTIVE?

Trans­hu­ma­nis­mus ist ein bis­lang offen und in man­chen Aspek­ten spe­ku­la­tiv blei­ben­der Pro­zess, der in man­chen Ele­men­ten vie­le Eigen­schaf­ten von Kunst auf­weist oder auf­wei­sen könn­te. Auch Kunst ist schließ­lich ihrem Wesen nach eine Tech­nik, die sich im Kern auf den Men­schen bezieht und die­sen – im bes­ten Fall – wei­ter­ent­wi­ckelt. Kunst hat­te immer mit Kön­nen zu tun und war nie so weit vom „homo faber“ ent­fernt, der heu­te den Trans­hu­ma­nis­mus auf die Tech­ni­sie­rung des und das Bas­teln am mensch­li­chen Kör­per aus­dehnt, wie ihre „post­mo­der­nen“ For­men und Ver­tre­ter behaup­te­ten. Kunst und Tech­no­lo­gie haben bei­de ihren Ursprung im Men­schen, und bei­de keh­ren von außen in den Men­schen zurück, beschrei­ben also eine Elip­se vom Men­schen über die mate­ri­el­le Ver­äu­ßer­li­chung in den Men­schen zurück. Daher darf sich Kunst auch anma­ßen, wegen ihrer Ver­wandt­schaft zur Tech­no­lo­gie sich in den Trans­hu­ma­nis­mus ein­zu­mi­schen – und die­sen kri­tisch zu beglei­ten. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung hat gera­de erst begon­nen, und sie bie­tet vie­le Chan­cen und Akti­vi­täts­fel­der vor allem für expe­ri­men­tel­le Kunst, die ihren huma­nis­ti­schen Auf­trag ernst nimmt und sich nicht nur in Kom­merz erschöpft.

Die Her­aus­for­de­rung nimmt aller­dings quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv zu. Sie erfor­dert, dass Kunst wie­der stär­ker in die Gesell­schaft zurück­kehrt und sich krea­tiv den Rea­li­tä­ten eines im Wan­del begrif­fe­nen Mensch­seins zuwen­det. Wie die Wis­sen­schaft ist auch die heu­ti­ge Kunst mehr denn je dafür ver­ant­wort­lich, sicher­zu­stel­len, dass die bes­ten For­schungs­er­geb­nis­se im Gesell­schafts­pro­zess unter neu­en ethi­schen Maß­stä­ben ein­ge­bracht wer­den. Kunst hat aber auch zuneh­mend die Auf­ga­be, sich mit men­schen­ge­fähr­den­den Ent­wick­lung am Schnitt­punkt zwi­schen Mensch und Tech­no­lo­gie war­nend und mit Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Dabei geht es nicht um fer­ti­ge Lösungs­kon­zep­te, son­dern um Bewusst­seins­bil­dung.

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Roland Benedikter und Petra Weider / Er ist Co-Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse „in residence“ am Willy Brandt Centre der Universität Breslau Wroclaw und Mitglied des Zukunftskreises des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Berlin. Petra Weider war Geschäftsführerin verschiedener deutscher Beratungsunternehmen.

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