Traudel Pichler – Befreiung durch Farbe

Sich mit Trau­del Pich­lers Werk zu beschäf­ti­gen, bedeu­tet eine Zeit­rei­se zu begin­nen. Die 1960er Jah­re: Öster­reich liegt nach den Wirr­nis­sen der Kriegs- und Nach­kriegs­jah­re im Däm­mer­schlaf. Sitt­sam geklei­de­te Bür­ger genie­ßen einen ers­ten Auf­schwung, Eigen­hei­me wer­den mit genorm­ten Mas­sen­pro­duk­ten aus­staf­fiert, die Ehe ist für vie­le Frau­en ein siche­rer Hafen. The Beat­les und The Rol­ling Stones spal­ten die Gemü­ter, ansons­ten ist es hier­zu­lan­de still.

Die Kul­tur bedient den Geschmack der auf­stei­gen­den Mit­tel­schicht. Die Kunst ori­en­tiert sich schüch­tern an Inter­na­tio­na­lem: Paris ist der Sehn­suchts­ort Vie­ler, Weni­ge bli­cken nach New York. Avant­gar­de ent­steht im Kel­ler und führt bes­ten­falls zum Skan­dal. Nur weni­ge Gale­rien bie­ten Inter­es­sier­ten eine Platt­form. 1962 öff­net das Muse­um des 20. Jahr­hun­derts in Wien und setzt damit ein wich­ti­ges Zeichen.

Trau­del Pich­ler, Ohne Titel, 1972–1974, Tafel 15, WVZ 074, Foto­credit: Gra­phi­sches Ate­lier Neu­mann, Wien © Esta­te Trau­del Pich­ler­Samm­lung Hainz

In die­sem Umfeld malt Trau­del Pich­ler ein Selbst­por­trät (WVZ 006). Es ent­steht wäh­rend ihrer Stu­di­en­zeit an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te Wien, wo die gebür­ti­ge Deut­sche – nach eini­gen Semes­tern an der Kunst­hoch­schu­le Karls­ru­he – ab 1961 bei Pro­fes­sor Chris­ti­an Lud­wig Mar­tin und sei­nem Assis­ten­ten und spä­te­ren Nach­fol­ger Maxi­mi­li­an Mel­cher in der Meis­ter­klas­se für Gra­fik stu­diert. Die male­ri­sche Manier ist tra­di­tio­nell: Dunk­le Far­ben, ein toni­ges Kolo­rit, eine klas­si­sche Dar­stel­lung der Figur. Die Art der Prä­sen­ta­ti­on hin­ge­gen bezeich­nend: Trau­del Pich­ler zeigt sich als jun­ge selbst­be­wuss­te Frau, die die Betrach­ter her­aus­for­dernd ansieht. Wen möch­te sie mit ihrem Blick tref­fen? Trau­del Pich­ler ist eine Per­son kla­rer Ent­schlüs­se. So nimmt sie rasch die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft an, und kehrt damit in das Geburts­land ihres Vaters zurück. Ihre Kar­rie­re bleibt in den fol­gen­den Jah­ren eng mit der Aka­de­mie ver­bun­den. 1969 nimmt sie einen Lehr­auf­trag an der Aka­de­mie an, der 1972 in eine Stel­le als ordent­li­che Assis­ten­tin für Gra­fik und Male­rei mün­det und für sie zeit­le­bens Freu­de und Beru­fung bedeutet.

Trau­del Pich­ler, Selbst­por­trät, 1960–1965, Tafel 1, WVZ 006 Esta­te Trau­del Pich­ler, Foto­credit: Gra­phi­sches Ate­lier Neu­mann, Wien © Esta­te Trau­del Pichler

Auch in ihrer Male­rei geht Trau­del Pich­ler einen kon­se­quen­ten Weg. In den 1970er-Jah­ren explo­diert ihre Farb­pa­let­te. In einem offe­nen Duk­tus ent­wi­ckelt sich ein Feu­er­werk von Far­ben in allen Tönen des Spek­trums. Zu einem Haupt­werk die­ser Zeit zählt eine unbe­ti­tel­te Lein­wand (WVZ 074), die zwi­schen 1972 und 1974 ent­stand. Ein male­ri­sches Gemen­ge von saf­ti­gem Gelb, def­ti­gem Oran­ge und tie­fem Rot ver­liert sich dabei in einem satt­blau­en Hin­ter­grund mit grü­nen Farb­tup­fern. Das Motiv bleibt im Unge­wis­sen, ist Figur, ist Land­schaft oder Abs­trak­ti­on. Doch bricht sie die­se Moti­ve in ihre Mög­lich­kei­ten auf. Die Wer­ke ver­har­ren unbe­ti­telt in einem Zwi­schen­sta­tus. Es scheint, als habe sich die jun­ge Frau aus ihrem klas­si­schen Kor­sett befreit und in der Far­be ihr Gewand gefun­den, ein Gewand, mit dem sie neu­er­lich den Blick des Betrach­ters pro­vo­ziert. Der stellt sich wie­der eine Fra­ge: Was beschreibt die Künst­le­rin mit die­ser Farbexplosion?

1974 wird die Arbeit bei einer Aus­stel­lung in der Wie­ner Seces­si­on gezeigt, eine der wich­tigs­ten Aus­stel­lun­gen Trau­del Pich­lers. Im sel­ben Jahr erwirbt sie einen alten Pfarr­hof in Ziers­dorf: Trau­del Pich­ler hat sich künst­le­risch und per­sön­lich eman­zi­piert. In ihrem Weg spie­gelt sich das Zeit­ge­sche­hen, wird die Rol­le der Frau nun zuse­hend dis­ku­tiert und mit der auf­kom­men­den Frau­en­be­we­gung ver­schie­ben sich die Stand-punk­te. Auch in der Kunst­sze­ne demons­triert eine neue Genera­ti­on ihr Auf­be­geh­ren, mit Künst­le­rin­nen wie Valie Export oder der Male­rin, Gale­ris­tin und Akti­vis­tin Chris­ta Hau­er wird ein tra­dier­tes Rol­len­bild ver­wei­gert. Doch Trau­del Pich­ler agiert abseits die­ser aktu­el­len Fra­gen im Allein­gang. Gun­ter Damisch, der von 1977 bis 1982 in der Klas­se Mel­chers unter der Assis­tenz von Trau­del Pich­ler stu­dier­te und die Klas­se spä­ter über­nahm, erzählt, dass sie gegen gän­gi­ge Kon­ven­tio­nen allei­ne in einem Haus am Land leb­te und viel Wert auf eine aut­ar­ke Atmo­sphä­re leg­te. Auch ihre Bezie­hung zu Maxi­mi­li­an Mel­cher wirk­te sich prä­gend für ihre Situa­ti­on aus, doch hat­te sie Schwie­rig­kei­ten für sich wahr­ge­nom­men zu wer­den. »Ich beschrei­be Ihnen die Trau­del ein­mal«, sagt Gun­ter Damisch: »Man hat­te das Gefühl ein Mensch ruht in sich, ver­zich­te­tet ger­ne auf modisch-gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge. […] Wenn Sie Trau­del zum Bei­spiel im Som­mer getrof­fen haben, dann haben Sie eine Frau ken­nen­ge­lernt, die in der Regel läs­si­ge Leder­schlap­fen ange­habt hat, prin­zi­pi­ell nie einen Rock, immer eine Jeans, blau­es Hemd, […] fesch, locker. Sie hat das Haar ganz lang gehabt, aber nie offen getra­gen. Sie ist aus Prin­zip nur Por­sche gefah­ren.« Trau­del Pich­ler wird mit die­ser Erzäh­lung zu einer schil­lern­den Figur. Der Fun­ken, der in ihrem ers­ten Selbst­por­trät anschlägt, hat nun Feu­er entfacht.

Für ihre Male­rei bedeu­tet die­se Posi­ti­on nicht, dass sie Tra­di­tio­nen ver­wei­gert. Sie ist der his­to­ri­schen Form treu. Das zeigt sich in ihren Aus­gangs­punk­ten: die Land­schaft, das Still­le­ben, der Mensch. Zwi­schen 1979 und 1981 ver­dich­tet sich die Far­be dabei zum Mate­ri­al. Pas­tos und kör­per­lich tritt sie dem Betrach­ter ent­ge­gen (WVZ 337). Man kann die Wucht des Farb­auf­tra­ges förm­lich spü­ren, so als wol­le sie sagen: Hier bin ich, das ist mein Stand­punkt. »Es ging ihr immer um die Mit­tel der Far­be«, erklärt Franz Kaindl, lang­jäh­ri­ger Weg­be­glei­ter. Hans Kru­cken­gas­se, selbst Maler und Kol­le­ge, hält fest: »Sie war die gebo­re­ne Male­rin« und »sie mal­te von der Far­be aus.«

Trau­del Pich­ler posi­tio­nier­te sich mit die­ser künst­le­ri­schen Hal­tung im Umfeld der Neu­en Male­rei, wie sie im Öster­reich der 1980er Jah­re dis­ku­tiert wur­de. Dass sie – anders als die jun­ge Genera­ti­on – dabei zu einer beson­de­ren Inter­pre­ta­ti­on des Gegen­stan­des kam, zei­gen Gemäl­de wie ein Still­le­ben (WVZ 280), ent­stan­den zwi­schen 1982 und 1985. Es gleicht mehr einem Far­ben­rausch, in dem sich die Früch­te zum Feu­er-kno­ten bal­len und die Tisch­de­cke zum far­bi­gen Kraft­akt fal­tet als ein stil­les Arran­ge­ment von Früchten.

Als ein Zei­chen ihrer unver­mit­tel­ten Ener­gie kann auch der Ankauf des vom Abriss bedroh­ten Ziers­dor­fer Schul­hau­ses aus 1795 gese­hen wer­den, das sie in ein Ate­lier mit Aus­stel­lungs­räu­men umwan­delt. Hier hat sie nun eine abge­schie­de­ne Sphä­re der Kon­zen­tra­ti­on geschaf­fen. In die­ser Spät­pha­se löst sich der Bezug zum Gese­he­nen auch immer mehr auf. Ihre groß­for­ma­ti­gen Lein­wän­de zei­gen nun einen vir­tuo­sen Farb­ge­brauch zwi­schen kolo­ris­ti­scher und hap­ti­scher Wir­kung, wie das in Rot auf­leuch­ten­de Gemäl­de »Ohne Titel« (WVZ 374) 1996–2002. Trotz der Bezü­ge zum aktu­el­len Kunst­dis­kurs, der sich auch durch ihre Lehr­tä­tig­keit zu einem wich­ti­gen Motor ent­wi­ckel­te, bleibt Trau­del Pich­ler mit ihrer Male­rei in einer sin­gu­lä­ren Posi­ti­on zwi­schen Tra­di­ti­on und Gegen­wart. »Sie war eine Per­sön­lich­keit, die sich her­aus­nimmt wie sie leben möch­te«, hat sich Gun­ter Damisch erin­nert. Dies gilt auch für ihre Malerei.

Alle Zita­te aus: Hainz, Pich­ler, Vog­gene­der (Hg.), Trau­del Pich­ler.
Mit der Far­be phi­lo­so­phie­ren, (Hg.) Wien 2009

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(geboren 1966 in Wien) studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und promovierte am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte an der Universität für angewandte Kunst. Als freiberufliche Kuratorin widmete sie sich zahlreichen Ausstellungs- und Forschungsprojekten und veröffentlichte Publikationen und Artikel für Kunstzeitschriften zur Österreichischen Kunst nach 1945. Seit 2011 ist sie Kuratorin der Adolf Frohner Stiftung, seit 2015 Künstlerische Direktorin des Forum Frohner. Sie widmet sich zudem der Fotografie und dem essayistischen Schreiben.

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