Unikate mit Südtiroler Charakter

DER BERUF DES INTARSIENSCHNEIDERS IST VOM AUSSTERBEN BEDROHT. DANK ALOIS OBERHÖLLER AUS LEIFERS (GEBÜRTIG AUS REINSWALD/SARNTAL) ABER IST DIESES SPEZIELLE KUNSTHANDWERK NOCH NICHT ÜBER DIE KLINGE GESPRUNGEN – SONDERN ZIERT MIT VIEL LIEBE DEREN MESSERGRIFF.

Was er kann, lernt man in kei­ner Schu­le. Alois Ober­höl­ler vom Gat­ter­er­hof in Reins­wald ist Intar­si­en­schnei­der. Die Kunst, Mes­ser und Trach­ten­be­stecke her­zu­stel­len und zu gestal­ten, wur­de von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Dass er die­se Fer­tig­keit heu­te noch beherr­schen darf, ist wohl auch dem Umstand geschul­det, dass die hohen Ber­ge rund ums Sarn­tal die Leu­te und Kul­tur lan­ge vor Fremd­ein­flüs­sen bewahrt haben. Dadurch wur­de nicht nur eine wert­vol­le Kul­tur­land­schaft erhal­ten, son­dern auch vie­le Bräu­che und die ganz typi­sche Tracht, die heu­te noch fast jeder Sar­ner trägt. Und zur Sar­ner Tracht gehört das in der Sei­ten­ta­sche der Hose getra­ge­ne, kunst­voll gestal­te­te Trach­ten­mes­ser bzw. Trach­ten­be­steck.

MESSER ALS STATUSSYMBOL
Mes­ser, deren Aus­stat­tung über Funk­ti­on und Zweck hin­aus­reicht, sind in allen Kul­tu­ren zu fin­den. Mes­ser­ma­cher las­sen sich unter den eisen­ver­ar­bei­ten­den und ‑ver­edeln­den Hand­wer­ken schon sehr früh bele­gen. In der Geschich­te der Tiro­ler Wirt­schaft weist man auf Inns­bru­cker und Ster­zin­ger Meis­ter des begin­nen­den 15. Jahr­hun­derts hin. Die Fug­ger­stadt Ster­zing, bekannt durch den nahe­ge­le­ge­nen Sil­be­r­ab­bau in Rid­naun, scheint noch bis Ende des 19. Jahr­hun­derts eine füh­ren­de Stel­lung im eisen­ver­ar­bei­ten­den Bereich beses­sen zu haben. 1917 wird aus­drück­lich auf Bestecke aus Ster­zing hin­ge­wie­sen, deren Deko­rie­rung in sehr reich vari­ier­ter Art, mit höchst man­nig­fal­ti­gen, echt volks­tüm­li­chen Moti­ven und Dar­stel­lun­gen erfolg­te. Somit wird belegt, dass in Süd­ti­rol die Tra­di­ti­on der Her­stel­lung von Mes­sern auch des geho­be­nen Gebrauchs schon län­ger besteht. Der Mes­ser­typ mit ein­schnei­di­ger Klin­ge mit ver­zier­ter Metal­l­ein­la­ge und metal­lum­man­tel­tem Holz­griff lässt sich wegen sei­ner viel­fäl­ti­gen Ver­wen­dung nicht ein­deu­tig bestim­men. Es ist Werk­zeug, Haus­halts­ge­rät und Schmuck­stück zugleich.

DAS TRACHTENBESTECK
Zu dem typi­schen Süd­ti­ro­ler Trach­ten­be­steck gehö­ren neben einem Mes­ser auch die Gabel und der Strei­cher mit Öse, die ähn­lich wie das Mes­ser gestal­tet wer­den. Durch die Öse des Strei­chers wird ein Spa­gat gezo­gen und damit das zum Räu­chern bestimm­te Fleisch durch­sto­ßen. Der Strei­cher wird auch zum Wet­zen der Mes­ser­klin­ge ver­wen­det. In die Klin­ge des Mes­sers sind neun Kreu­ze und neun Halb­mon­de ein­ge­schla­gen, der Holz­griff ist mit Edel­me­tal­l­ein­la­gen ver­ziert und mit kunst­voll gra­vier­tem Metall umman­telt. Zu den neun Kreu­zen und neun Halb­mon­den gibt es fol­gen­de Erklä­rung: Wenn frü­her ein Wir­bel­wind über das Feld streif­te und das müh­sam zusam­men­ge­tra­ge­ne Heu in die Luft hob, wur­de das Mes­ser mit dem Spruch „Neun Kreuz – Neun Mond“ in das Heu geschleu­dert. Das soll­te die angeb­li­che Hexe ver­trei­ben und das Heu nicht ver­we­hen.

Ver­schie­de­ne Aus­füh­run­gen der Mes­ser ste­hen zur Aus­wahl

814 LIRE TAGESVERDIENST
Alois Ober­höl­ler hat die Her­stel­lung des Trach­ten­be­stecks von einem guten Freund sei­nes Vaters gelernt. „Sein Sohn hat­te kein Inter­es­se an der Fort­füh­rung die­ses Hand­werks, und so frag­te er mei­nen Vater, ob nicht ich Inter­es­se hät­te, die Fami­li­en­tra­di­ti­on zu erler­nen. Mit Begeis­te­rung nahm ich das Ange­bot an. Lei­der ver­starb Flo­ri­an Hal­ler sehr früh und ich konn­te nur 18 Lehr­stun­den bei ihm machen“, erin­nert sich Ober­höl­ler zurück in die 70er Jah­re. Ohne rich­ti­ges Werk­zeug und gera­de die Grund­kennt­nis­se beherr­schend, war Ober­höl­ler nun auf sich allein gestellt. Doch die drei Mes­ser, die er noch mit sei­nem Lehr­meis­ter gefer­tigt hat­te, haben aus­ge­reicht, um sei­ne Begeis­te­rung für die Intar­si­en­schnei­de­rei zu wecken. Acht Jah­re dau­er­te es, bis der Gat­ter­er­sohn aus Reins­wald die hohe Kunst eini­ger­ma­ßen beherrsch­te. In den Fol­ge­jah­ren übte er das alte Hand­werk im Haupt­be­ruf aus, doch es reich­te nicht, um sei­ne vier­köp­fi­ge Fami­lie zu ernäh­ren. Ein Trach­ten­mes­ser kos­te­te in den 1960er Jah­ren 28.000 Lire, das sind heu­te unge­fähr 14 Euro. Das ergab einen Tages­ver­dienst von 814 Lire (40 Cent) abzüg­lich der Mate­ri­al­kos­ten. Die­ser gerin­ge Ver­dienst ist wohl die Haupt­ur­sa­che des rapi­den Nie­der­gangs die­ser Haus­in­dus­trie. Aller­dings ist der Rück­gang nicht min­der dadurch zu erklä­ren, dass die­se vor­züg­li­chen Mes­ser neue­rer Zeit von den in der Form gefäl­li­ge­ren und prak­ti­sche­ren Fabri­kerzeug­nis­sen in- und aus­län­di­scher Pro­ve­ni­enz immer mehr und mehr vom Markt ver­drängt wer­den. So mach­te Alois Ober­höl­ler aus dem Hand­werk ein Hob­by, das er mit Leib und See­le ver­folgt. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung nahm er die Chan­ce wahr, wie­der haupt­be­ruf­lich sein Hand­werk aus­zu­üben. So kam es, dass er in Lei­fers (9 km süd­lich von Bozen) eine Werk­statt mit Ver­kaufs­flä­che anmie­te­te und bis heu­te dort sein Hob­by aus­lebt.

JEDES DETAIL MUSS STIMMEN
Heu­te ist Ober­höl­ler einer der letz­ten Süd­ti­ro­ler, die die Anfer­ti­gung der Süd­ti­ro­ler Trach­ten­mes­ser beherr­schen. Aber nicht nur das so typi­sche Trach­ten­be­steck stellt er her. Jede ebe­ne Flä­che ver­ziert der Pen­sio­nist auf Wunsch mit den tra­di­tio­nel­len Moti­ven. Er macht vom Messergriff über die Gra­vur bis zur Mes­ser­schei­de aus Kalbs­le­der alles selbst. Aus dickem Stahl­blech, heu­te alte Auto­blatt­fe­dern, wird die Klin­ge aus­ge­schnit­ten und zuge­feilt. Die Griff­stü­cke aus Nuss- oder Kirsch­baum­holz wer­den zurecht­ge­ras­pelt und mit der Klin­ge ver­bun­den, anschlie­ßend kann am halb­ro­hen Werk­stück die Fein­ar­beit begin­nen. Für die Ein­le­ge­ar­beit wer­den die Aus­spa­run­gen her­aus­ge­schnitzt. Das Werk­zeug hier­für ist selbst her­ge­stellt, da es im Han­del kei­ne ent­spre­chend geform­ten Mes­ser gibt. Aus Neu­sil­ber­plat­ten (Alpa­ka) – frü­her ver­wen­de­te man rei­nes Sil­ber aus den hei­mi­schen Berg­wer­ken – wer­den die orna­men­ta­len Ein­le­ge­stü­cke geformt. Dies ist der hei­kels­te Teil der Arbeit. Auch die Vor­la­gen für die ver­schie­de­nen Moti­ve sind selbst her­ge­stellt. Sind Holz und Metall ver­leimt, wird das Gan­ze gefeilt und geschmir­gelt. Dann erhält die Klin­ge den Fein­schliff und die Gra­vur. Die Mes­ser­schei­de wird aus Kalbs­le­der her­ge­stellt, das zuerst in war­mem Was­ser auf­ge­weicht wird, mit pech­ge­tränk­tem Schus­ter­garn ver­näht, geformt und ver­ziert, dann in der Son­ne gehär­tet und zuletzt mit Schus­ter­schwär­ze ein­ge­las­sen wird.

DIE ZUKUNFT DER ZUNFT
Doch Alois Ober­höl­ler hat noch nicht aus­ge­lernt. Immer noch tüf­telt er gern, um bes­se­re und schö­ne­re Mes­ser und ande­re Kunst­wer­ke her­zu­stel­len. Seit kur­zem gibt es auf sei­ner Inter­net­sei­te www.aoberhoeller.com etwa das kleins­te Süd­ti­ro­ler Trach­ten­be­steck mit Ein­le­ge­ar­bei­ten zu sehen und zu kau­fen. Wie lan­ge er sei­ne Kunst noch machen kann, weiß er nicht. Doch der Sar­ner hat vor­ge­sorgt und sei­ne Toch­ter Ani­ta in die Geheim­nis­se der Kunst ein­ge­weiht. Sie soll das Erbe der Intar­si­en­schnei­de­rei in die nächs­te Genera­ti­on wei­ter­tra­gen. Ganz so, wie es die Tra­di­ti­on will.

Alois Ober­höl­ler

Jahr­gang 1947, wur­de im Sarn­tal gebo­ren. Als Sohn einer Berg­bau­ern­fa­mi­lie besuch­te er die Volks­schu­le im Dorf und war eini­ge Jah­re als Bäcker­lehr­ling tätig. Nach dem Wehr­dienst war er in ver­schie­de­nen Bran­chen als Hilfs­ar­bei­ter tätig und übte das Hand­werk neben­be­ruf­lich aus. Aus Fami­li­en- und Arbeits­grün­den zog der Sar­ner nach Lei­fers, wo er seit sei­ner Pen­sio­nie­rung sein Hob­by wie­der zum Beruf gemacht hat.

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