Víctor Vicente Huerta Batista

Chroniken gemalter Leidenschaften

Das Leben eines jeden Men­schen ist ein Thea­ter­stück. Nach­dem sich der Vor­hang geho­ben hat, muss man den eige­nen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chend han­deln oder einem Dreh­buch und einer Rich­tung fol­gen, die sich der eige­nen Kon­trol­le ent­zieht. Eine exzel­len­te Auf­füh­rung wird end­lo­sen Applaus ern­ten und wenn sie vor­bei ist, wird immer eine neue fol­gen. Eine Welt der Bil­der zu ent­fes­seln, die aus den wich­tigs­ten onto­lo­gi­schen Anlie­gen – sowohl in der per­sön­li­chen Inti­mi­tät als auch in der Dimen­si­on der Kunst – resul­tiert: eine erklär­te Lei­den­schaft von Víc­tor Vicen­te Huer­ta Batis­ta (Siba­nicú, Cama­güey, Kuba, 1972), der 1991 sei­nen Abschluss an der Fach­schu­le für bil­den­de Kunst sei­ner Hei­mat­pro­vinz erziel­te. Obwohl er sich eigent­lich für die Bild­haue­rei als Fach­rich­tung ent­schie­den hat­te, waren es das Zeich­nen und die Male­rei, denen er sein Schaf­fen am längs­ten wid­me­te. Die Vor­stel­lung spielt die Haupt­rol­le in sei­nen Wer­ken, geschaf­fen aus der Zeich­nung, die er mit Bedacht aus­führt; die zwi­schen dem Betrach­ten des Bild­hau­ers, der die Räu­me von Schat­ten und Licht bevor­zugt, um jedes Volu­men zu errei­chen; die Zeit zulässt, wäh­rend sie die­se glaub­wür­di­gen Räu­me errich­tet, in denen ihre Geschich­ten statt­fin­den. In sei­nem Schaf­fens­pro­zess ver­wen­det Víc­tor Huer­ta die unter­schied­lichs­ten for­ma­len Lösun­gen, um sei­ne Gemäl­de, vor­zugs­wei­se in Acryl, zu kre­ieren. Mit ihnen erzielt er unter­schied­li­che Ton­wer­te und einen gro­ßen Reich­tum an Gou­aches und Lasu­ren, die mit rei­nen Far­ben ver­edelt sind, und so sei­ne Farb­an­wen­dungs­tech­ni­ken per­so­na­li­sie­ren; wäh­rend er ande­re Stra­te­gien ver­folgt, die vor­ur­teils­frei mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den, wie zum Bei­spiel das in sei­nen Bil­dern sicht­ba­re Drip­ping – resul­tie­rend aus dem »Trop­fen« der Gou­ache. Ein wei­te­res Merk­mal, das sowohl sei­ne Gemäl­de als auch sei­ne Zeich­nun­gen kenn­zeich­net, ist die Ein­be­zie­hung von Tex­ten in den Reprä­sen­ta­ti­ons­raum, aus den Titeln der Wer­ke oder dar­auf bezo­ge­nen Phra­sen, die manch­mal auf den Aus­lö­ser einer Idee oder Moti­va­ti­on für krea­ti­ves Han­deln anspie­len; die manch­mal als Anmer­kun­gen fun­gie­ren (viel­leicht das per­sön­li­che Tage­buch des Autors), die als Sät­ze und Anre­gung zum Nach­den­ken die Erzähl­struk­tur des Autors ergänzen.

Ein gan­zes Arse­nal sym­bo­li­scher Ele­men­te prägt auch sei­nen plas­ti­schen Dis­kurs wie die Pal­me mit all ihrer kuba­ni­schen Aus­drucks­kraft; oder die Räder und »Arte­fak­te – Fahr­zeu­ge« die auf die Zwe­cke der Bewe­gung anspie­len; oder »Wel­len-Spi­ra­len« die auf das Ver­ge­hen der Zeit hin­wei­sen (so wie die bereits gelo­cker­ten Sai­ten­me­cha­nis­men); oder das Meer, Inhalt und Kon­ti­nent, begren­zend und tren­nend… Zur Wie­der­ho­lung die­ses letz­ten Ele­ments in sei­nem Werk hat mir der Künst­ler selbst verraten:

Als ich 10 Jah­re alt war, brach­te mich mein Vater – der Bus­fah­rer war – nach Playa San­ta Lucía. Der Ein­gang zum Ort führt über eine Stra­ße, die an einer Stel­le dem Meer zuge­wandt ist, fast senk­recht, und mit dem Meer und dem Hori­zont ein T bil­det… Ich schlief und mei­ne Mut­ter weck­te mich und sag­te: ›Schau, wir sind da, das ist das Meer.‹ Das Bild, das ich bis zu die­sem Moment von einer gro­ßen Ansamm­lung von Was­ser hat­te, war das eines Damms, von dem aus ich das ande­re Ufer sehen konn­te, die Ber­ge in der Fer­ne… und als ich die­se Mee­res­land­schaft sah, fühl­te ich mich so klein, so unglaub­lich klein (nicht nur als Kind, son­dern als Mensch), ich war fas­zi­niert und habe mir gedacht: ›Das ist Unend­lich­keit‹. Und ich schau­te hoch, nach vor­ne, zur Sei­te und die Uner­mess­lich­keit über­wäl­tig­te mich. Ich dach­te, dass die Unend­lich­keit nur oben ist (der Him­mel) und ich fühl­te mich win­zig. Aber ich spür­te auch, wie gigan­tisch das ist, was wir Leben nen­nen… Und plötz­lich fühl­te ich mich wie ein­ge­schlos­sen, von einer ande­ren Art von Gren­ze, denn nach oben konn­te ich nicht flie­gen, ich bin kein Vogel; und nach vorn, egal wie viel ich schwim­men wür­de, bin ich nun­mal auch kein Fisch…

Der Künst­ler Víc­tor Vicen­te Huer­ta Batista

Sei­ne Figu­ra­tio­nen erschei­nen dann wie in einer Viel­zahl von Altar­bil­dern, in denen sich die unge­wöhn­lichs­ten Geschich­ten abspie­len, die einen gemein­sa­men Hin­ter­grund haben, eine wun­der­ba­re, baro­cke und tro­pi­sche Essenz, in der es scheint, als ob jede Figur eine Geschich­te erzählt (wie bei den »His­to­ri­as del muro«). Er rekon­stru­iert expres­sio­nis­ti­sche Gesich­ter oder meta­mor­phi­sier­te Kör­per, die auf die Ver­än­de­run­gen (intern oder extern?) hin­wei­sen, die im Lau­fe des Lebens her­an­ge­wach­sen sind, zusam­men mit einer per­sön­li­chen Fau­na von Fabel­we­sen, wie Mutan­ten aus ande­ren Dimen­sio­nen in Sze­nen, in denen sie trotz ihrer unter­schied­li­chen Natu­ren und Essen­zen koexistieren…

Sei­ne Lebens­chro­ni­ken ver­we­ben per­sön­li­che, aber auch frem­de und sogar kol­lek­ti­ve Erfah­run­gen, in die er selbst blin­de Beob­ach­ter ein­bin­den kann, die auf der Lein­wand selbst eine ande­re Rea­li­tät zu bewoh­nen schei­nen (»Jugad y here­dad la cos­tumbre«). Eben­so lässt er Cha­rak­te­re aus ver­schie­de­nen Zei­ten koexis­tie­ren und stellt sie teil­wei­se mit Flü­geln dar, als ob es sich um einen mög­li­chen Flug oder den Wunsch han­delt, ihn zu voll­enden, wie in »La den­sidad y el peso de algu­nos… hace que otros flo­ten en con­di­cio­nes«, ein Werk, das in der Mit­te eine wei­ße Rose auf einem Yarey-Hut dar­stellt (ein wei­te­res Ele­ment des typisch kuba­ni­schen Stils) und das für Kuba­ner auch eine mar­sia­ni­sche Bedeu­tung enthält.

In »Lo quie­ro todo y lo quie­ro aho­ra«, reprä­sen­tiert Víc­tor Huer­ta Figu­ren, die in einer ver­kürz­ten Paar­si­tua­ti­on auch im inti­men Raum Kos­tü­me tra­gen, offen­sicht­lich beein­flusst von den Umstän­den des All­tags. Nach dem Ursprung die­ser Arbeit gefragt, erzählt er mir:

Die­ses Stück begann in genau der Expres­si­on, die ihm sei­nen Titel gibt. Ich erleb­te damals eine per­sön­li­che Situa­ti­on vol­ler unge­heu­rer Fra­gen bezüg­lich des Ver­ständ­nis­ses unter Paa­ren… Zu die­ser Zeit war das Stu­dio fast 40 Minu­ten zu Fuß von zu Hau­se ent­fernt, und ich sah die Refle­xi­on des­sen, was in mei­ner Mikro­welt pas­sier­te, in mei­ner eige­nen Erfah­rung: Ich sah, wie es sich ver­viel­fach­te, erwei­tert um mei­ne Schrit­te. Es war, als ob das Bild ver­grö­ßert und ver­schärft wür­de. All dies hat­te eine Art Melo­die und dann kon­zen­trier­te sich die Refle­xi­on die­ses Wer­kes auf einen Tag, an dem ich ankam und sag­te: Was solls, ich will alles und ich will es jetzt!

Ich konn­te es nicht län­ger ertra­gen, dass sich alle für alles ver­stel­len. Wenn jemand Hun­ger hat, sagt er: ›Oh… wie spät ist es eigent­lich?‹ Eigent­lich geht die Spon­ta­nei­tät des Direkt­seins ver­lo­ren und es ist nicht so, dass ich der Spon­tans­te der Welt bin, aber ich bin lie­ber spon­tan, direkt als zu ›höf­lich‹, weil man nie sagt, was man denkt oder fühlt… Die­ses Werk fasst die Gefüh­le zusam­men, die ich hat­te und die ich in den Men­schen auf der Stra­ße wider­ge­spie­gelt sah. Es war wie ein Spiegel.

In »Los here­de­ros, lau­das y el dilu­vio«, stellt er wie­der das Meer dar, mit einem gan­zen Kar­ne­val von Bewoh­nern (sogar den unglaub­lichs­ten Krea­tu­ren), die ver­su­chen, manch­mal ent­deckt in den zugrun­de lie­gen­den Strö­mun­gen zu koexis­tie­ren – und sogar zu über­le­ben, ent­schlos­sen, um jeden Preis über Was­ser zu blei­ben und um ein Mini­mum an Platz zu kämp­fen auf die­ser gemein­sa­men Ober­flä­che. Die beein­dru­cken­de Sug­ges­ti­ons­kraft, die das Meer auf ihn aus­übt, fügt sich in sein Kon­zept der Insel­la­ge als Lebens­er­eig­nis – Bedin­gung jeder Figur und sogar der als Gan­zes reprä­sen­tier­ten Grup­pe – ein, sticht in vie­len sei­ner Wer­ke her­vor, in denen sich der Huma­nis­mus des Autors zusam­men­fügt, indem er die Schöp­fung auf eine vis­ze­ra­le Wei­se und mit tie­fer Ehr­lich­keit annimmt.

Mehr als 50 Grup­pen­aus­stel­lun­gen sowie ein Dut­zend Ein­zel­aus­stel­lun­gen im In- und Aus­land zie­ren das Lebens­werk von Víc­tor Vicen­te Huer­ta Batis­ta, des­sen Wer­ke Teil der Samm­lun­gen der Muse­en für moder­ne Kunst in Tuc­son und für moder­ne Kunst in Ari­zo­na sind, bei­de in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka; sowie das Muse­um von Extre­ma­du­ra, Spa­ni­en. Län­der, in denen sie zusätz­lich pri­va­te Samm­lun­gen zie­ren sind: Mexi­ko, Deutsch­land, Kana­da, Ita­li­en, Frank­reich, Däne­mark, Schweiz, Por­tu­gal, Cos­ta Rica, Kolum­bi­en, Vene­zue­la, Pana­ma und Aus­tra­li­en. Indem er ver­sucht, die Zeit, in der er lebt, zu inter­pre­tie­ren, erforscht er ver­schie­de­ne Berei­che des Daseins (viel­leicht auf der Suche nach einer mög­li­chen per­sön­li­chen Lösung für sei­ne eige­nen Pro­ble­me) und ver­kör­pert jene eklek­ti­schen und baro­cken Chro­ni­ken, die an Goyas Visio­nen erinnern.

Ich ler­ne jeden Tag etwas dazu und aus allen Erfah­run­gen, die ich mache. Ich füh­le mich immer unwis­sen­der gegen­über dem Leben, und das fin­de ich gut, denn es heißt, an dem Tag, an dem das Kind in uns stirbt und dich nichts über­rascht, hat dein Leben kei­nen Sinn mehr, weil die Schöp­fung in allem unend­lich über­ra­schend ist…

Víc­tor Vicen­te Huer­ta fin­det es gut, sol­che The­men in Serie dar­zu­stel­len, die über die Gren­zen eines ein­zi­gen Wer­kes hin­aus­ge­hen: unter ande­rem Migra­ti­on, täg­li­ches Zusam­men­le­ben, das Stre­ben nach einem Ziel las­sen sich in sei­nen ver­schie­de­nen Dar­stel­lun­gen als Vari­an­ten einer Melo­die sehen; und wie Noten, die in Noten­li­ni­en inte­griert sind, fin­den die Figu­ren und die Far­ben ihren Platz im Raum der Lein­wand, gebo­ren durch eine aus­ge­klü­gel­te Ver­bin­dung von Idee-Gefühl-Ges­te, die die Hand des Malers in Sym­bo­le und Figu­ren übersetzt.

Die Fas­zi­na­ti­on des krea­ti­ven Aktes über­rascht. Die Lei­den­schaft von Víc­tor Huer­ta beim Malen ist so groß, dass es nicht mög­lich ist, den Zeit­raum zu erken­nen, der zwi­schen dem im Gehirn gezeich­ne­ten Bild und dem Akt, es auf die Lein­wand zu wer­fen, ver­mit­telt. Und egal wie sehr man dem Künst­ler in die Augen schaut, man kann nicht ahnen, in wel­chem Moment der Pin­sel vom Bild auf die Palet­te springt oder umge­kehrt, um uns am Ende noch eine Chro­nik zu schen­ken, mit der glei­chen Kraft wie damals, als er nur ein Gua­ji­ri­to war, der im Alter von kaum zwölf Jah­ren begann, die­se Pfa­de zurück­zu­ver­fol­gen und die­se Ver­se ver­fass­te: »Ich ken­ne Kunst / da ich von der Kunst lebe / Ich lebe in einer eige­nen Welt / wo noch nie jemand gelebt hat. Ich ken­ne die­se Welt / weil ich davon geträumt habe / und es ist kei­ne ver­gan­ge­ne Erin­ne­rung / son­dern eine tief­grün­di­ge Zukunft.

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(Havanna, 1959), Abschluss in Journalismus an der Universität von Havanna, 1981. Als Drehbuchautorin, Dokumentarfilmerin und Regisseurin von Fernsehprogrammen ist sie seit 1980 in der audiovisuellen Produktion tätig. Im Jahr 2000 konzipierte sie die Fernsehsendung SIGNOS über zeitgenössische kubanische bildende und plastische Kunst, die sie bis heute leitet. Sie hat an weiteren Ausstellungen und Projekten im Bereich der bildenden Kunst und der Poesie mitgewirkt. Im Jahr 2020 erhielt sie den »Pequeña Pantalla Award« für ihr Lebenswerk.

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