Die kraftvolle mystische Weiblichkeit

Interview mit Dita Von Teese

Dita Von Tee­se ist das, was man eine Iko­ne im Show­ge­schäft nennt. Sie ist mit ihren Bur­les­que-Shows mitt­ler­wei­le die Gran­de Dame des Enter­tain­ments gewor­den. Als sie 1991 auf noch klei­nen Büh­nen ihre sinn­li­chen Tanz­küns­te stil­voll zum Bes­ten gab, dach­te sie nicht dar­an damit berühmt zu wer­den. Den Erfolg auf ihren Kör­per oder ihre ver­füh­re­ri­schen Tanz­küns­te zu redu­zie­ren wäre ver­mes­sen, denn es sind vor allem ihre sen­si­bel erar­bei­te­ten krea­ti­ven Kon­zep­te in Regie, Cho­reo­gra­phie und Insze­nie­rung, die für Begeis­te­rung im Publi­kum sor­gen. Jede Show trägt zu 100% Ditas Hand­schrift. Die Inspi­ra­ti­on dafür holt sie sich bei regel­mä­ßi­gen Muse­ums­be­su­chen, im klas­si­schen Bal­lett, aus Fil­men und von den Gla­mour-Diven der „Hol­ly­wood-Maschi­ne“. Die Muse von Jean Paul Gaul­tier ver­rät uns im Inter­view mehr über ihren Schlüs­sel zum Erfolg, ihre Samm­ler­lei­den­schaft, ihre Bewun­de­rung für die „ver­wun­dern­de“ Kunst von Gott­fried Heln­wein und wel­che Inhal­te einen ehr­li­chen Femi­nis­mus im Jahr 2020 ausmachen.

Auf­nah­me aus der aktu­el­len Büh­nen­show GLAMONATRIX, Foto: Angel Laggos

Ich betrach­te mich defi­ni­tiv als Femi­nis­tin, vor allem, wenn man die eigent­li­che Defi­ni­ti­on des­sen, was es heißt Femi­nis­tin zu sein, tat­säch­lich ver­steht und heut­zu­ta­ge brau­chen wir uns nicht für unse­re Sinn­lich­keit oder die Art und Wei­se wie wir uns klei­den oder was unser Beruf ist zu entschuldigen. 

In der Aus­ga­be 1.20 des Kunst­ma­ga­zins ist das über­ge­ord­ne­te The­ma GLAMOUR. Was bedeu­tet Gla­mour für Sie per­sön­lich? Wann ist jemand gla­mou­rös? Wel­che Eigen­schaf­ten sind dafür notwendig?

Für mich ist Gla­mour die Kunst, Fas­zi­na­ti­on und Geheim­nis zu schaf­fen. Obwohl die Men­schen unter­schied­li­che Defi­ni­tio­nen davon haben, was es heißt, gla­mou­rös zu sein, den­ke ich eher an eine Art von Magie, die jemand aus­strahlt und in der Tat hat der Ursprung des Wor­tes Gla­mour etwas mit Magie zu tun.

Bei unse­ren Recher­chen haben wir her­aus­ge­fun­den, dass Ihre gro­ßen Vor­bil­der Gla­mour-Diven aus den 1940er Jah­ren sind, wie Rita Hay­worth oder Ava Gard­ner. Was genau fas­zi­niert Sie an die­sen Persönlichkeiten?

Mich fas­zi­niert die Idee, sich neu zu erfin­den und gla­mou­rös zu wer­den, anstatt ein­fach gla­mou­rös gebo­ren zu sein. Eines der Din­ge, die ich an den Film­stars der 1930er und 40er Jah­re schät­ze, ist, dass es die „Hol­ly­wood-Maschi­ne“ gab, die die Men­schen in gla­mou­rö­se Stars ver­wan­del­te und ihnen das rich­ti­ge Make-up, die rich­ti­ge Fri­sur und die rich­ti­ge Klei­dung ver­pass­te, um sich auf unver­gess­li­che Wei­se zu prä­sen­tie­ren. Mir gefällt die Idee, dass eine beschei­de­ne Schön­heit zu einer Iko­ne wer­den kann.

Wie sind Sie eigent­lich Bur­les­que-Tän­ze­rin geworden?

Ich habe 1991 ange­fan­gen klei­ne Bur­les­que-Shows in der Fetisch-Sze­ne und in Strip-Clubs zu kre­ieren. Die Show ent­wi­ckel­te sich von da an und wur­de mit den Jah­ren immer grö­ßer und auf­wen­di­ger. Wie habe ich das gemacht? Viel Arbeit, Geduld, Inte­gri­tät, Lust… Ich hat­te nicht wirk­lich erwar­tet, damit berühmt zu wer­den, ich habe es nur getan, weil ich es lieb­te. Ich glau­be, das ist in den meis­ten Fäl­len der Schlüs­sel zum Erfolg.

Dita Von Tee­se, Key, Visu­al von GLAMONATRIX, Foto: Albert Sanchez

Gibt es dafür irgend­wel­che Ausbildungskurse?

Ja, in der Tat habe ich erst vor kur­zem ein Wochen­en­de vol­ler Gla­mour prä­sen­tiert, mit Vor­trä­gen und Strip­tease-Kur­sen von mir selbst und eini­gen mei­ner Lieb­lings­stars und Leh­rer des Burlesque.

Wo haben Sie selbst die­se Kunst des Tan­zes erlernt?

Als ich damit begon­nen habe, gab es kei­ne Bur­les­que-Kur­se. Ich habe mei­ne Tanz­aus­bil­dung nur dazu genutzt, Shows in mei­nem unver­wech­sel­ba­ren Stil und mit mei­nem Kön­nen zu kre­ieren. Als ich anfing, hat­te ich nicht wirk­lich einen Leh­rer oder Mentor.

Hatten Sie von Anfang an die Absicht oder die Visi­on, die­sem Tanz Ihre eige­ne Note zu geben?

Ja, die Sache ist die, als ich anfing, gab es nicht vie­le Quel­len für Vide­os über authen­ti­schen Bur­les­que, und es gab nicht das Inter­net, wo ich Vide­os von ande­ren Bur­les­que-Tän­ze­rin­nen nach­schla­gen konn­te, also muss­te ich mich mit ihnen tref­fen und mir selbst über­le­gen, wie mei­ne Vor­stel­lung dazu ist. Ich den­ke, das gab mir die Mög­lich­keit, etwas ganz eige­nes zu schaf­fen, anstatt das zu kopie­ren, was ande­re bereits gemacht haben. Die ein­zi­ge authen­ti­sche Bur­les­que, auf die ich mich bezie­hen muss­te, war Nata­lie Wood im Film Gypsy von 1962 und eini­ge Video­auf­nah­men von Sal­ly Rand, die ihren Feder­fä­cher­tanz und den Bla­sen­tanz vor­führ­te. Ich habe immer mein Bal­lett­trai­ning als Grund­la­ge für mei­ne Shows genutzt.

Die Tour­nee, die Sie der­zeit mit Sta­tio­nen in Euro­pa (auch Deutsch­land) rea­li­sie­ren, heißt Gla­mo­na­trix. Was ver­birgt sich hin­ter dem Titel – kön­nen Sie uns eini­ge Details verraten?

Ich ver­wen­de den Begriff Gla­mo­na­trix schon seit Jah­ren, zuerst, um eine mei­ner Des­sous-Kol­lek­tio­nen zu beschrei­ben. Mir gefiel die Idee, den Begriff Domi­na mit Gla­mour zu ver­bin­den, um einen Begriff zu schaf­fen, der die kraft­vol­le und mys­ti­sche Weib­lich­keit verkörpert.

Dita Von Tee­se, Foto: MADAME X

Ihre Büh­nen­shows sind legen­där. Inwie­weit sind Sie an der krea­ti­ven Kon­zep­ti­on betei­ligt – zum Bei­spiel bei Glamonatrix?

Ich bin zu 100% betei­ligt, ich habe kein gro­ßes Team, das für mich Shows erstellt, es gibt wirk­lich nur mich und mei­ne krea­ti­ve Part­ne­rin Cathe­ri­ne D’Lish. Eini­ge der Dar­stel­ler sind eta­blier­te Bur­les­que-Dar­stel­ler mit ihren eige­nen unver­wech­sel­ba­ren Num­mern, daher kura­tie­re ich das Cas­ting. Alle Aspek­te der Show, von der Sze­ne­rie und der Cho­reo­gra­phie bis hin zur Aus­wahl der Musik, den Kos­tü­men, vor allem aber mei­ner Acts, wer­den von mir und Cathe­ri­ne geschaf­fen. Wir wäh­len bestimm­te Künst­ler aus, mit denen wir bei der Her­stel­lung der Requi­si­ten zusam­men­ar­bei­ten, und ich arbei­te mit bestimm­ten Mode­de­si­gnern zusam­men, um Ele­men­te der Kos­tü­me zu kre­ieren, wie Chris­ti­an Lou­bou­tin zum Bei­spiel für die Schu­he und Alexis Mabil­le für die Smokings.

Ihr Kör­per ist Ihre wich­tigs­te Res­sour­ce. Was bedeu­tet das im Umgang mit ihm? Wor­auf ach­ten Sie bei der Ernäh­rung und der Pfle­ge Ihres Körpers?

Ich betrach­te mei­nen Kör­per nicht wirk­lich als mei­ne wich­tigs­te Res­sour­ce. Ich den­ke, es ist mei­ne ein­zig­ar­ti­ge Sen­si­bi­li­tät und Fähig­keit, inter­es­san­te Per­for­man­ces zu erbrin­gen. Ich bin nicht nur eine Tän­ze­rin oder ein Kör­per, den jemand in eine Show steckt, ich schaf­fe Kon­zep­te; ich bin eine Regis­seu­rin, eine Cho­reo­gra­phin. Ich sage das nicht sehr oft, aber ich den­ke, es ist ein wenig abwei­send zu sagen, dass mein Kör­per mei­ne Arbeit aus­macht. Die Nackt­heit und der Kör­per sind, um ehr­lich zu sein, ein biss­chen ein nach­träg­li­cher Ein­fall. Aber abge­se­hen davon, ist es mir wich­tig, mich stark zu füh­len, gesund zu sein und mich selbst­be­wusst zu füh­len, also trai­nie­re ich und küm­me­re mich um mei­nen Körper.

Sie sind eine der berühm­tes­ten Musen des Star­de­si­gners Jean-Paul Gaul­tier – er hat gera­de ange­kün­digt, dass dies sei­ne letz­te Hau­te Cou­ture-Schau in Paris war. Wuss­ten Sie, dass er auf­hö­ren wird oder an einem neu­en Pro­jekt arbeitet?

Nie­mand wuss­te es bis ein paar Tage vor der Show, als er es selbst in den sozia­len Medi­en ankün­dig­te. Bevor ich in ein Flug­zeug aus Los Ange­les stieg, gab es noch kei­nen Hin­weis dar­auf, dass es sei­ne letz­te Show sein wür­de. Ich bin mir ziem­lich sicher, dass die meis­ten Musen, die an die­sem Tag anwe­send waren, über­rascht waren.

Was bedeu­tet es, die Muse eines Desi­gners wie Jean-Paul Gaul­tier zu sein?

Für mich ist es ein­fach eine gro­ße Ehre, denn Jean-Paul hat schon immer unver­wech­sel­ba­re Men­schen geliebt, und was ich an ihm bewun­de­re, ist, dass er immer inte­gra­tiv und kör­per­lich posi­tiv war und in sei­nen Shows immer ver­schie­de­ne Arten von Schön­heit auf eine völ­lig authen­ti­sche Art und Wei­se prä­sen­tiert hat.

Das The­ma Frau­en in der Kunst ist der­zeit sehr prä­sent. Weib­li­che Posi­tio­nen wer­den bewusst häu­fi­ger in Muse­en gezeigt und von Insti­tu­tio­nen ange­kauft. Den­noch ist das Ungleich­ge­wicht zwi­schen Män­nern und Frau­en im Kunst­be­trieb immer noch sehr groß. Enga­gie­ren Sie sich für femi­nis­ti­sche Themen?

Ich betrach­te mich defi­ni­tiv als Femi­nis­tin, vor allem, wenn man die eigent­li­che Defi­ni­ti­on des­sen, was es heißt Femi­nis­tin zu sein, tat­säch­lich ver­steht und heut­zu­ta­ge brau­chen wir uns nicht für unse­re Sinn­lich­keit oder die Art und Wei­se wie wir uns klei­den oder was unser Beruf ist, zu ent­schul­di­gen. Im aktu­el­len Zeit­al­ter müs­sen wir die per­sön­li­chen Frei­hei­ten und Ent­schei­dun­gen des Ande­ren respek­tie­ren, dar­um soll­te es gehen, wenn man sich im Jahr 2020 als Femi­nis­tin bezeichnet.

Woher neh­men Sie Ihre Inspi­ra­ti­on – besu­chen Sie zum Bei­spiel Kunst­ga­le­rien und Museen?

Ja, ich lie­be es Muse­en zu besu­chen, ich lie­be es klas­si­sches Bal­lett zu sehen, und ich lie­be es Shows und Fil­me zu sehen.

Ihre Fotos sind rei­ne Kunst­wer­ke. Die Insze­nie­rung ist immer hoch­pro­fes­sio­nell. Oft arbei­ten Sie mit sehr bekann­ten Foto­gra­fen zusam­men. Gibt es ein Foto­shoo­ting, das Ihnen beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben ist?

Ich arbei­te sehr ger­ne mit Ali Mah­da­vi in Paris zusam­men. Ich glau­be, dass die aller­bes­ten Bil­der, die je von mir gemacht wur­den, von ihm stammen.

Wir wis­sen, dass Sie auch mit Gott­fried Heln­wein gear­bei­tet haben. Wir ken­nen ihn als Künst­ler sehr gut und haben auch eini­ge inter­es­san­te Gesprä­che mit ihm geführt. Was schät­zen Sie an sei­ner Kunst besonders?

Ich fin­de sei­ne Tech­nik so wun­der­bar, aber er schafft auch Bil­der, die zum Nach­den­ken, Stau­nen und Fra­gen anre­gen. Das ist es, was Kunst tun soll­te: Ver­wun­de­rung schaffen.

Was macht jemand wie Dita Von Tee­se eigent­lich, wenn sie nicht arbei­tet? Haben Sie Lei­den­schaf­ten oder Hob­bies – gibt es bestimm­te Ritua­le, die für Sie wich­tig sind?

Ich lie­be es am Wochen­en­de auf Anti­qui­tä­ten- und Floh­märk­te zu gehen, ich bin Samm­le­rin, also habe ich immer ein Pro­jekt, an dem ich arbei­te, ich bin auch ein biss­chen Ama­teur-Inte­rior-Desi­gne­rin, ich arbei­te seit eini­gen Jah­ren an mei­nem Haus, und genie­ße die Arbeit, die in die Krea­ti­on eines poe­ti­schen Raums einfließt.

Die gla­mou­rö­se Met-Gala und die Aus­stel­lung des Cos­tu­me Insi­tu­te sind auch The­ma in die­ser Aus­ga­be. Wer­den Sie im Jahr 2020 dabei sein?

Ich rech­ne nicht damit die­ses Jahr bei der Met-Gala dabei zu sein, ich glau­be, es ist wäh­rend der Tour­nee? Ich war im Lau­fe der Jah­re vie­le Male dort, nor­ma­ler­wei­se wer­de ich von einem bestimm­ten Desi­gner ein­ge­la­den. In der Ver­gan­gen­heit war ich schon mit Roland Mouret, Lou­is Vuit­ton, Marc Jacobs und Zac Posen zusam­men dort.

Gibt es noch einen uner­füll­ten Wunsch in Ihrem Leben?

Ich habe eine Men­ge uner­füll­ter Sho­wideen, also ver­fol­ge ich sie noch immer und arbei­te an eini­gen ganz beson­de­ren Din­gen unter Ein­satz moderns­ter Technik…„So look for that soon!”

Neue Termine für „Dita Von Teese: Glamonatrix“ stehen fest:

April-Shows in Köln und Ber­lin wer­den in das Früh­jahr 2021 verschoben.
Tickets und Ter­mi­ne hier:
www.eventim.de/artist/dita-von-teese

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