Weiche Formen im landwirtschaftlichen Grün

Im Gespräch mit Wolfgang Complojer

Wolf­gang Com­plo­jer ist am Rit­ten in Süd­ti­rol gebo­ren. Sei­ne Mut­ter war Ritt­ne­rin, sein Vater Pus­ter­ta­ler, des­sen Vater Gader­ta­ler. Sein Vater wur­de vom Deutsch­or­den beauf­tragt, die Wand­ma­le­rei­en der Kir­che von Unterinn am Rit­ten zu restau­rie­ren, die Mut­ter war dort Leh­re­rin und Orga­nis­tin. So haben sich die Bei­den in der Kir­che ken­nen­ge­lernt und spä­ter gehei­ra­tet. Com­plo­jer ist somit am Rit­ten mit sei­nem Bru­der, eben­falls ein Künst­ler, auf­ge­wach­sen. In der Frei­zeit konn­ten die Kin­der krea­tiv sein: malen und musi­zie­ren stan­den nach der Schu­le im Vor­der­grund. Was aus dem krea­ti­ven Frei­geist Wolf­gang Com­plo­jer gewor­den ist, erzählt er uns im Inter­view.

In der Kunst wer­den Land­schaf­ten, Kör­per oder Per­so­nen im Emp­fin­den und in der Phan­ta­sie des Künst­lers zwei­oder drei­di­men­sio­nal dar­ge­stellt. In der Archi­tek­tur ist es das­sel­be, nur mit Gebäu­den

Sie haben ein­mal erzählt, dass Sie eigent­lich kein Archi­tekt sind… War­um nicht, wenn doch Ihre unver­kenn­ba­ren Bau­wer­ke eine sehr eigen­wil­li­ge archi­tek­to­ni­sche Hand­schrift tra­gen?

Mein Lieb­lings­fach war Mathe­ma­tik. Des­halb inskri­bier­te ich mich nach der Geo­me­ter­schu­le an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Graz im Bau­in­ge­nieur­we­sen. Nach drei Jah­ren Stu­di­um hei­ra­te­te ich etwas früh ein schö­nes Fräu­lein aus Genua, damals Ita­lie­nisch­leh­re­rin in Unterinn. Nach eini­gen Jah­ren Mathe­ma­tik­un­ter­richt in einer Mit­tel­schu­le von Bozen wur­de ich selbst­stän­dig und arbei­te­te als Geo­me­ter. Durch mei­ne musi­schen Gene und mei­ne Vor­lie­be für Mathe­ma­tik und dar­stel­len­de Geo­me­trie hat­te ich kei­ne Pro­ble­me, beruf­lich Fuß zu fas­sen. Ich war eigent­lich froh, das Stu­di­um nicht abge­schlos­sen zu haben. Bau­in­ge­nieur wäre für mich ein zu wenig krea­ti­ver Beruf gewe­sen, und als Geo­me­ter konn­te ich Gebäu­de pla­nen. Durch mei­ne beweg­ten Ent­wür­fe und das har­mo­ni­sche Spiel zwi­schen Mau­er, Dach und Land­schaft hat­te ich bald in ganz Süd­ti­rol Auf­trä­ge, und durch die Gefäl­lig­keit mei­ner Ent­wür­fe wur­de ich von mei­nen Kun­den ger­ne als Archi­tekt beti­telt.

Wie wür­den Sie Ihren eige­nen Archi­tek­tur­stil bezeich­nen, mit dem sie nicht nur als ein­zig­ar­ti­ges Merk­mal die Land­schaft in Süd­ti­rol, son­dern sogar in Ita­li­en, Deutsch­land und Öster­reich mit­prä­gen?

Ich lie­be eben run­de, wei­che, beweg­te For­men. Kan­ti­ge Ele­men­te oder Gegen­stän­de mag ich nicht. Man ver­letzt sich dar­an auch ger­ne. Die­se har­mo­nisch wei­chen und beweg­ten For­men in der Pla­nung haben irgend­wie mei­nen Stil geprägt. Außer­halb von Süd­ti­rol habe ich aber nicht so viel geplant. Meh­re­re Objek­te im Tren­ti­no, eini­ge Vil­len am Gar­da­see, auf Sar­di­ni­en und in den Mar­ken; in Öster­reich eini­ge Vil­len in der Wie­ner Umge­bung und in Wels; in Deutsch­land in der Münch­ner Umge­bung, und außer­dem im Elsass in Frank­reich. Inter­es­sant war die Pla­nung einer Mehr­fa­mi­li­en­fe­ri­en­vil­la auf den Baha­mas – mit sämt­li­chen Bema­ßun­gen in Zoll, also in Zwöl­fer­tei­lung.

Was ist Ihr Kon­zept bzw. Ihr Grund­prin­zip bei der Pla­nung von Häu­sern? Gibt es dies­be­züg­lich beson­de­re Merk­ma­le, die die Bau­her­ren bei Ihnen beson­ders schät­zen?

Ich habe ein gutes Form- und Farb­ge­fühl, was sich posi­tiv auf die Pla­nung aus­wirkt. Wei­ters baue ich gleich eine freund­schaft­li­che Bezie­hung mit dem Auf­trag­ge­ber auf, um dann auch bes­ser auf sei­ne Wün­sche und Vor­stel­lun­gen ein­zu­ge­hen. Daher muss­te ich sel­tenst den ers­ten Ent­wurf ändern. Ich bin auch sehr sozi­al in der Hono­rie­rung mei­ner Arbei­ten.

Was unter­schei­det Sie von Ihren Mit­be­wer­bern?

Abge­se­hen von eini­gen Jah­ren, in denen mich mei­ne Toch­ter bei mei­ner Arbeit unter­stützt hat, habe ich alles selbst geplant und aus­ge­ar­bei­tet. Ich lie­be Freund­schaft und bin sehr humor­voll. Ich lege viel Begeis­te­rung und Gefühl in mei­ne Arbeit. Dadurch hat­te ich bald vie­le recht gelun­ge­ne Objek­te im Lan­de ste­hen, die mir wei­te­re Auf­trä­ge sicher­ten. Dies hat­ten ande­re Mit­be­wer­ber viel­leicht nicht.

Haben Sie zur Hei­mat Tirol, zum Land im Gebir­ge eine beson­de­re Bezie­hung, dass sie die­se Ener­gie und das hei­me­li­ge Gefühl in Ihren Häu­sern erzeu­gen?

Ich bin in einem Berg­dorf auf­ge­wach­sen und hat­te somit viel Ver­bin­dung zur Land­wirt­schaft und zur hüge­li­gen Land­schaft. In mei­ner ers­ten 20-jäh­ri­gen Kar­rie­relauf­bahn habe ich vie­le län­ge­re Rei­sen unter­nom­men, so ein­mal eine Welt­um­run­dung, eine Insel­rei­se, dann in die Saha­ra, nach Indo­ne­si­en und in den Jemen − sehr wert­voll für See­le und Cha­rak­ter­bil­dung. Aber immer bin ich ger­ne wie­der in mei­ne Hei­mat zurück­ge­kehrt. Meh­re­re Jah­re leb­te ich auch in Bozen, aber bald ließ ich mich in mei­nem Hei­mat­dorf Unterinn am Rit­ten nie­der und woh­ne seit­dem hier. Den Som­mer ver­brin­ge ich seit vie­len Jah­ren am Gar­da­see. Ich lie­be somit die Land­schaft, bin eher boden­stän­dig und lie­be es, haupt­säch­lich Hof­s­tel­len, Vil­len und Gast­be­trie­be im land­wirt­schaft­li­chen Grün zu pla­nen.

Wenn Sie einen ers­ten Ent­wurf erstel­len, dann ist das meis­tens eine hän­di­sche Skiz­ze mit ganz spe­zi­fi­schen Details, mit ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven und in Far­be. War­um machen Sie das in die­ser Form, und nicht, wie vie­le ande­re, mit einer Com­pu­ter-Soft­ware?

Wie schon gesagt, mir gefal­len recht­ecki­ge Grund­ris­se weni­ger. Ich lie­be es, die Tages­auf­ent­halts­räu­me bewegt zu gestal­ten, wie auch die Dach­form, und ich pla­ne schrä­ge Mau­er­ver­stre­bun­gen, die einem ein gutes sta­ti­sches Sta­bi­li­täts­ge­fühl geben und eine gute Ver­bin­dung mit dem Gelän­de. Mir wur­de bald bewusst, dass eine Fron­tal­ab­wick­lung die­ser beweg­ten Fas­sa­den nicht die Wirk­lich­keit wie­der­ge­ben. So habe ich begon­nen, die Fas­sa­den und auch die Gestal­tung der Wohn­räu­me mit kolo­rier­ten, per­spek­ti­ven Hand­zeich­nun­gen zu ergän­zen, um dem Bau­herrn eine ver­ständ­li­che­re Dar­stel­lung sei­nes Vor­ha­bens zu unter­brei­ten. Das ist sehr gut ange­kom­men. Als die Ära der Zeich­nun­gen mit Com­pu­ter-Soft­ware kam, war ich anfäng­lich eher ent­täuscht, denn die Soft­ware war in den ers­ten Jah­ren eher ste­ril und gestal­tungs­arm. Heu­te muss ich jedoch sagen, dass dies eine gro­ße Errun­gen­schaft war, und die Soft­ware hat sich der­ma­ßen ver­bes­sert, dass man sozu­sa­gen alles mit Leich­tig­keit dar­stel­len kann. Trotz­dem bin ich bei mei­nem hän­di­schen Sys­tem geblie­ben und habe erstaun­li­cher­wei­se zehn Jah­re nach mei­ner Pen­sio­nie­rung immer noch Auf­trä­ge.

Wird Ihrer Mei­nung nach im Alpen­raum beim Bau­en die Natur in die Archi­tek­tur genü­gend inte­griert, oder gäbe es hier noch Ver­bes­se­rungs­be­darf?

Urba­nis­tisch ist die Bau­si­tua­ti­on gut gelöst. Im land­wirt­schaft­li­chen Grün besteht bei Ein­zel­bau­kör­pern oder Klein­sied­lun­gen das Pro­blem, dass Bau­herr und Pro­jektant mit ihrem Bau­vor­ha­ben einen Akzent set­zen wol­len. Da bei uns die Lieb­lings­far­be für Bau­kör­per weiß ist und das Mau­er­werk oft breit und hoch, ste­chen die­se Bau­kör­per in unse­ren ruhi­gen Wein- oder Obst­hän­gen unan­ge­nehm her­aus und beun­ru­hi­gen das Land­schafts­bild. Bei einem Erd­farb­ton könn­te man dies­be­züg­lich das Land­schafts­bild beru­hi­gen und ver­bes­sern. Ich glau­be aber auch, dass sich eine schö­ne­re Dach­ab­de­ckung mit ruhi­ge­ren Dach­plat­ten in unse­re Land­schaft bes­ser und unauf­fäl­li­ger ein­fügt als wei­ße Blö­cke.

Sehen Sie zwi­schen Archi­tek­tur und Kunst eine Ver­bin­dung?

Kunst und Archi­tek­tur gehö­ren sicher zusam­men. In der Kunst wer­den Land­schaf­ten, Kör­per oder Per­so­nen im Emp­fin­den und in der Phan­ta­sie des Künst­lers zwei- oder drei­di­men­sio­nal dar­ge­stellt. In der Archi­tek­tur ist es das­sel­be, nur von Gebäu­den.

Die Archi­tek­tur ver­än­dert unse­re Land­schaft mas­siv. Wel­che Vor­aus­set­zun­gen müs­sen vor­han­den sein, um das Bau­werk in die Land­schaft so zu inte­grie­ren, dass es die Schön­heit der Land­schaft unter­streicht?

Heu­te ist eine gute Ein­bin­dung in die Land­schaft schwie­rig. Durch Kli­ma­h­aus­zwang, ener­ge­ti­sche Sanie­run­gen und Erwei­te­run­gen sowie Aus­wer­tung erneu­er­ba­rer Ener­gie­quel­len − was sicher wirt­schaft­lich und ener­gie­spar­tech­nisch gro­ße Vor­tei­le bringt − erge­ben sich unzäh­li­ge Flä­chen­bau­ten mit Son­nen­kol­lek­to­ren, Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen und Luft­schäch­ten, die für ein ästhe­ti­sches Land­schafts­emp­fin­den eher kata­stro­phal sind. Haupt­säch­lich Alt­bau­sa­nie­run­gen mit schö­nen Dach­for­men sind betrof­fen: So gibt es kaum noch eine alte Hof­s­tel­le, auf deren schö­ner Dach­flä­chen nicht Son­nen­kol­lek­to­ren wären. Von die­sem Gesichts­punkt aus ist ein Flach­dach güns­ti­ger, da man die Gebäu­de ja nor­ma­ler­wei­se von der Frosch­per­spek­ti­ve aus betrach­tet und die unschö­nen Anla­gen auf dem Dach nicht sieht. Aber auch die Vogel­per­spek­ti­ve ist wich­tig, beson­ders in Hang­la­gen, wo die berg­sei­ti­gen Anrai­ner immer den Blick auf die unför­mi­gen Gebil­de rich­ten müs­sen anstatt auf eine sau­be­re Dach­ein­de­ckung. Man muss sich heu­te mit die­ser Situa­ti­on ein­fach abfin­den und kann höchs­tens noch ver­su­chen, die­se Anla­gen ästhe­tisch zu ver­bes­sern.

Wie ist eigent­lich das Feed­back Ihrer Auf­trag­ge­ber, die bereits seit Jahr­zehn­ten Ihre Häu­ser bewoh­nen? Wirkt sich die Archi­tek­tur auf deren Lebens­qua­li­tät aus?

Ich tref­fe mich oft mit frü­he­ren Kun­den, die vor 20−30 Jah­ren gebaut haben, und sie sind mir dank­bar, weil sie sich in ihrem Heim immer noch gleich wohl füh­len und nichts ändern möch­ten. In der Zwi­schen­zeit habe ich bereits für vie­le Kin­der mei­ner alten Kun­den eben­falls in Eigen­heim geplant.

Welcher war Ihr außer­ge­wöhn­lichs­ter Auf­trag in all den Jah­ren?

Ich habe in mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn als Ein-Mann-Betrieb über tau­send Objek­te geplant. Bei so vie­len Objek­ten weiß man nicht mehr genau, wel­cher Auf­trag­ge­ber am außer­ge­wöhn­lichs­ten war. Das Erleb­nis­reichs­te war aber wahr­schein­lich der Bau auf einer Baha­mas­in­sel. Ich war auch eini­ge Zeit dort und konn­te eini­ges erle­ben – auch weil ich eine beson­de­re Vor­lie­be für Inseln und Was­ser habe.

Es gibt sehr vie­le jun­ge Archi­tek­ten, die nach Ihrem abge­schlos­se­nen Stu­di­um ver­su­chen, sich in die­ser Bran­che zu eta­blie­ren. Wären Sie deren Men­tor oder Lehr­meis­ter, was wür­den Sie denen als ers­tes mit auf den Weg geben?

Wich­tig ist, die Arbeit mit Humor und Begeis­te­rung anzu­ge­hen und nicht nur die eige­nen Ideen ein­zu­brin­gen, son­dern die­se mit denen des Auf­trag­ge­bers zu ver­schmel­zen und zugleich zu ver­su­chen, das Land­schafts­bild farb­lich nicht zu beun­ru­hi­gen.

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