Wörgler Freigeld 1932/33

Michael Unterguggenberger

Die tiro­ler Klein­stadt Wörgl schrieb 1932/33 mit der Ein­füh­rung des Wörg­ler Frei­gel­des als umlauf­ge­si­cher­te regio­na­le Zweit­wäh­rung ein Kapi­tel welt­weit beach­te­ter Wirt­schafts­ge­schich­te. Die muti­ge, erfolg­rei­che Initia­ti­ve in Zei­ten der gro­ßen Depres­si­on dient noch heu­te auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne als Vor­bild für vie­le regio­na­le Geld und Tau­schinitia­ti­ven und inspi­riert seit Jahr­zehn­ten Kunst und Kulturschaffende.

Lin­dert die Not, gibt Arbeit und Brot“ steht auf den Arbeits­wert­schei­nen der Wörg­ler Not­hil­fe, mit denen die Gemein­de ein Infra­struk­tur-Bau­pro­gramm finan­ziert. Ziel des Not­hil­fe-Pro­gram­mes ist, Arbeit zu schaf­fen und Arbeits­lo­sen und ihren Fami­li­en das Über­le­ben zu sichern. Die 1929 aus­ge­lös­te Welt­wirt­schafts­kri­se trifft Wörgl und die Regi­on hart, die Arbeits­lo­sen­zah­len stei­gen stän­dig. Staat­li­che Unter­stüt­zung wird nur weni­ge Wochen gewährt, danach sind die Gemein­den für das Über­le­ben der Fami­li­en zuständig.

Eine lee­re Gemein­de­kas­se, uner­le­dig­te Arbei­ten und 400 Arbeits­lo­se, 200 davon bereits in der Armen­für­sor­ge der 4.200 Ein­woh­ner zäh­len­den Gemein­de – in die­ser aus­sichts­lo­sen Lage schlägt 1932 der Wörg­ler Bür­ger­meis­ter Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger dem Gemein­de­rat ein Expe­ri­ment vor: Die Gemein­de führt ein Stra­ßen- und Infra­struk­tur­bau­pro­gramm durch, beschäf­tigt dafür Arbei­ter und gibt, um das alles auch bezah­len zu kön­nen, Frei­geld ent­spre­chend der Frei­wirt­schafts­leh­re von Sil­vio Gesell aus. Das Wörg­ler Schwund­geld wird mit einer monat­li­chen Not­ab­ga­be von 1% des Nenn­wer­tes aus­ge­stat­tet, um den Umlauf anzu­re­gen. Um dem Bank­no­ten-Aus­ga­be­mo­no­pol der Natio­nal­bank zu ent­spre­chen, hin­ter­legt die Gemein­de den Gegen­wert der aus­ge­ge­be­nen Arbeits­wert­schei­ne in Schil­ling bei der ört­li­chen Raiff­ei­sen­kas­se. Die Arbeits­wert­schei­ne sind also Geld-Gut­schei­ne, aus­ge­ge­ben im Wert von 1, 5 und 10 Schil­ling, wobei sie durch das monat­li­che Auf­kle­ben von Stem­pel­mar­ken ihren vol­len Wert behalten.

Die Frei­wirt­schafts­grup­pe Wörgl berei­tet das Expe­ri­ment vor und der Gemein­de­rat beschließt das Regle­ment 1932 ein­stim­mig. Im Juli 1932 star­tet das ers­te Bau­pro­gramm. Gemein­de­be­diens­te­te und Bau­ar­bei­ter erhal­ten Frei­geld als Lohn. Sie kau­fen damit in Wörg­ler Geschäf­ten ein. Die­se tra­gen mit Frei­geld ihre Steu­er­schul­den bei der Gemein­de ab, bezah­len Abga­ben oder ört­li­che Zulie­fe­rer. Die Not­ab­ga­be wirkt dabei als Schwung­rad – nie­mand will am Monats­en­de die Schei­ne besit­zen und die Stem­pel­ge­bühr zah­len und so steht das Geld rasch für wei­te­re Bau­maß­nah­men zur Ver­fü­gung. Zunächst wer­den Stra­ßen repa­riert, Abwas­ser­ka­nä­le und Stra­ßen­be­leuch­tun­gen errich­tet, dann fol­gen Ein­rich­tun­gen für den Tou­ris­mus wie Wan­der­we­ge, ein Schluch­ten­er­leb­nis­steig und eine Sprung­schan­ze sowie im Früh­jahr 1933 ein­Ge­bäu­de und eine Stahlbetonbrücke.

Die Arbeits­wert­schei­ne kön­nen für den Zah­lungs­ver­kehr außer­halb Wörgls jeder­zeit in Schil­ling gewech­selt wer­den, wobei eine Gebühr von 2% fäl­lig wird. Um den Außen­han­del zu ermög­li­chen, gibt die Raiff­ei­sen­kas­se aus der Deckung Dar­le­hen zu einem Zins­satz von 6% an die Geschäfts­leu­te, die damit aus­wärts Waren ein­kau­fen. Sämt­li­che Ein­nah­men der Akti­on – Kle­be­mar­ken­ge­bühr, Rück­tausch­ge­bühr und Zins­ein­nah­men – ver­wen­det die Gemein­de zweck­ge­bun­den für Armen­für­sor­ge, etwa für den Betrieb der Not­stands­kü­che. Das „Wörg­ler Lauf­geld“ ist 9 bis 10 Mal schnel­ler in Umlauf als die Natio­nal­bank­wäh­rung. Das lokal gül­ti­ge Zah­lungs­mit­tel bleibt im Ort und sorgt für Wert­schöp­fung und Kauf­kraft­bin­dung. Wäh­rend in Öster­reich die Arbeits­lo­sig­keit im Zeit­raum der Frei­geld­ak­ti­on um 19% ansteigt, geht sie in Wörgl um 16% zurück

Die Raiff­ei­sen­kas­se Wörgl half bei der Freigeld-Aktion
Zahl­tag – Arbei­ter erhiel­ten Frei­geld als Lohn

Der Erfolg sorgt inter­na­tio­nal für Schlag­zei­len. Im Mai 1933 wol­len rund 200 öster­rei­chi­sche Gemein­den dem Wörg­ler Bei­spiel fol­gen und for­dern das Par­la­ment auf, den gesetz­li­chen Rah­men dafür zu schaf­fen. Der Natio­nal­rat ist zu die­sem Zeit­punkt aller­dings bereits aus­ge­schal­ten, Öster­reich am Weg zu Bür­ger­krieg und Dik­ta­tur. Die Natio­nal­bank setzt im Sep­tem­ber 1933 das Ver­bot durch und dreht Wörgl den im Ort spru­deln­den Geld­hahn zu. Der Erfolg des Geld-Expe­ri­men­tes führt zu regel­rech­tem Frei­geld­tou­ris­mus. Volks­wirt­schaft­ler und Jour­na­lis­ten über­zeu­gen sich eben­so wie Frank­reichs Ex-Pre­mier­mi­nis­ter Edouard Dala­di­er von der Wir­kungs­wei­se die­ses Gel­des, das durch den ein­ge­bau­ten Schwund eine ande­re Dyna­mik als das her­kömm­li­che Geld ent­wi­ckelt. Anstatt durch Zin­ses­zins wei­ter anzu­wach­sen und das Geld­hor­ten zu beloh­nen, regt das mit „Lie­ge­ge­bühr“ aus­ge­stat­te­te Frei­geld den Geld­um­lauf an. Es ist als Tausch­mit­tel für die Real­wirt­schaft bes­ser geeig­net, da es eben­so wie Waren und Dienst­leis­tun­gen den Wert­ver­lust ein­pro­gram­miert hat. „… in der Tat liegt hier der Hase im Pfef­fer. Der Staat braucht nicht bor­gen wie Wörgls Bür­ger­meis­ter nach­wies“ schreibt Ezra Pound in sei­nen 1945 unter dra­ma­ti­schen Umstän­den ver­fass­ten Pisaner Gesän­gen. Nach anti­kem Vor­bild woll­te der ame­ri­ka­ni­sche Dich­ter die Mensch­heits­ge­schich­te in 100 Gesän­gen dar­stel­len und schuf damit Welt­li­te­ra­tur. Er ver­ur­teil­te den Wucher und sah im Wörg­ler Geld-Expe­ri­ment einen Aus­weg aus Kapi­ta­lis­mus und Kom­mu­nis­mus. Pound kam nach Wörgl, um sich selbst vom Erfolg des zin­ses­zins­lo­sen Gel­des ein Bild zu machen. Ver­mitt­le­rin war dabei Rosa Unter­gug­gen­ber­ger, die sprach­ge­wand­te Frau des Bür­ger­meis­ters, die sich selbst ita­lie­nisch und fran­zö­sisch bei­gebracht hat­te und von Anfang an als Laden­be­sit­ze­rin eines Kon­fek­ti­ons­wa­ren­ge­schäf­tes bei Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung des Geld-Expe­ri­men­tes tat­kräf­tig mitwirkte.

Mit ihrem jüngs­ten Sohn Sil­vio im Arm steht Rosa mit Ezra Pound vor ihrem Geschäft, das sie bis zu ihrem Tod 1961 wei­ter­führ­te. Doch das ist es nicht, was ihr Lebens­werk über­dau­ert – son­dern das Andenken an ihren Mann Micha­el inklu­si­ve des bür­ger­meis­ter­li­chen Schrift­ver­kehrs in alle Welt, den Rosa zuhau­se auf­be­wahr­te und vor der Ver­nich­tung in der NS-Zeit ret­te­te. Was Rosa begann, führ­te ihre Toch­ter Lia wei­ter. Auf den Spu­ren des 1936 mit erst 52 Jah­ren früh ver­stor­be­nen Vaters such­te sie des­sen Weg­be­glei­ter. Wäh­rend Sil­vio 1951 sei­ne Diplom­ar­beit übers Wörg­ler Frei­geld-Expe­ri­ment ver­fass­te, wirk­te Lia 1951 bei der Orga­ni­sa­ti­on eines Frei­wirt­schafts­kon­gress in Wörgl feder­füh­rend mit und sam­mel­te fort­an alles, was an das bald ver­ges­se­ne Wörg­ler Geld-Expe­ri­ment erin­ner­te, u.a. trat sie mit Ezra Pounds Toch­ter Mary de Rache­wiltz auf der Brun­nen­burg in Meran in Kon­takt. Ihre eige­ne Berufs­kar­rie­re als Bild­haue­rin stell­te Lia der Fami­lie zulie­be hin­ten an – so sind nur weni­ge künst­le­ri­sche Arbei­ten öffent­lich zu sehen. Etwa eine Anna Plochl-Skulp­tur beim Gra­zer Land­haus sowie ein Bron­ze­re­li­ef ihres Vaters am stei­ner­nen Unter­gug­gen­ber­ger-Denk­mal in der Wörg­ler Bahn­hof­stra­ße. Wer Kunst als sozia­le Skulp­tur begreift, wird als Lias bedeu­tends­tes Werk ihr umfang­rei­ches Wis­sen über die Frei­wirt­schaft, ihr Archiv und die vie­len Gesprä­che zur Ver­mitt­lung jener Idee eines ande­ren Gel­des und Wirt­schaf­tens sehen, das ange­trie­ben durch neu­er­li­che Wirt­schafts­kri­sen wie­der ver­mehrt sei­nen Weg in die prak­ti­sche Umset­zung fin­det – ob als Regio­nal­wäh­rung, Tausch­sys­tem oder vir­tu­el­le Wäh­rung, Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen boo­men welt­weit. Das Wörg­ler Frei­geld-Expe­ri­ment inspi­riert auch Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de seit Jahr­zehn­ten: Beim „Kno­chen­geld-Expe­ri­ment“ 1993 in Ber­lin mit Betei­li­gung von rund 60 Künst­lern zir­ku­lier­te Frei­geld eben­so wie 1995 bei der Kunst­ak­ti­on „Wel­ken­de Blü­ten“ der Künst­ler­grup­pe Herz­ge­hirn in Köln.

1998 füll­te Hen­ning Vens­ke und Lie­der­jan Hal­len mit dem Kaba­rett­pro­gramm „Eine Rei­se nach Wörgl“. Im Wörg­ler Frei­geld­jahr 2007 zähl­te zu den zahl­rei­chen Kul­tur- und Bil­dungs­pro­jek­ten eine Inter­ven­ti­on des Künst­ler-Kol­lek­ti­ves Wochen­klau­sur in Form des wis­sen­schaft­li­chen Dia­lo­ges „weitsichtig.wirtschaften“ und beim Stei­ri­schen Herbst war Lia Rig­ler beim Schwarz­markt für nütz­li­ches Wis­sen und Nicht-Wis­sen als Exper­tin im Ein­satz. Zu jenen Regio­nal­wäh­rungs-Initia­ti­ven, die nach Vor­bild des Wörg­ler Frei­gel­des seit der Jahr­tau­send­wen­de ent­stan­den sind und ihre Gut­schei­ne als Geld mit sozia­lem Mehr­wert sehen, zählt der Hal­lertau­er in Pfaf­fen­ho­fen in Bay­ern. Die Regio­geld-Macher ver­ste­hen sich als sozia­le Skulp­tur im Sin­ne von Joseph Beuys und fei­er­ten 2015 ihr 10-jäh­ri­ges Bestehen inklu­si­ve Musik-CD-Prä­sen­ta­ti­on und neu­er Gut­schein­se­rie, die Gemein­wohl-Pio­nie­re abbil­det – dar­un­ter Wörgls Frei­geld-Bür­ger­meis­ter Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger. Geld gestal­tet unse­re Bezie­hun­gen zuein­an­der und zur Natur, durch­wirkt alle Lebens­be­rei­che und stellt in sei­ner jet­zi­gen Form die Basis für aus­beu­te­ri­sche Struk­tu­ren dar. Dass Geld auch gestal­tet wer­den kann, die­se Erkennt­nis wächst erst lang­sam – auch dank auf­ge­schlos­se­ner krea­ti­ver Köp­fe, die die­ses gro­ße Tabu-The­ma unse­rer Zeit zum Gegen­stand ihrer Kunst machen.

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Die Aufgaben des Unterguggenberger Institutes, dessen Obfrau Veronika Spielbichler ist, umfassen die Dokumentation, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zum Wörgler Freigeld-Experiment 1932/33 sowie zu Komplementärwährungen, Geldsystemen und gemeinschaftlichen Organisationsformen heute.

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