Van Cleef & Arpels trifft im MAK auf Meisterwerke der angewandten Kunst.

Im MAK in Wien begegnen sich Haute Joaillerie und Sammlungsgeschichte: Van Cleef & Arpels bringt rund 350 Schmuckstücke, Uhren und Preziosen nach Wien, das MAK antwortet mit etwa 160 Objekten aus Textil, Möbel, Metall, Glas, Keramik, Grafik und Asien-Sammlung. GLANZSTÜCKE ist ein Parcours durch Material, Erinnerung, Funktion, Fantasie und handwerkliche Intelligenz. Wir haben mit den Kuratorinnen Anne-Katrin Rossberg und Alexandrine Maviel-Sonet gesprochen. 

 

GLANZSTÜCKE. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection © Van Cleef & Arpels

 

Dinge haben ihre eigene Zeitrechnung. Manche entstehen für einen Abend und überdauern Jahrhunderte. Andere werden getragen, geöffnet, verwandelt, vererbt, vergessen und wiederentdeckt. In der Ausstellung »GLANZSTÜCKE. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection« begegnen sich vom 10. Juni bis 27. September 2026 Objekte, die aus sehr unterschiedlichen Jahrhunderten stammen und doch in einem gemeinsamen Moment zusammenfinden: als Zeugnisse von Handwerk, Vorstellungskraft und jener Dauer, die ein gelungenes Objekt weit über seine Entstehungszeit hinaus bewahrt. Ein Schmuckstück ist nie nur Schmuck. Zumindest dann nicht, wenn man es aus der Nähe betrachtet. Es trägt eine Technik in sich, eine soziale Geschichte, eine Vorstellung von Körper, Bewegung, Anlass und Begehren. Es kann Zeichen von Status sein, Objekt der Verwandlung, Miniaturarchitektur, tragbare Bühne, Erinnerungsspeicher.

 

GLANZSTÜCKE. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection © Van Cleef & Arpels

 

Im MAK in Wien treten über 500 Exponate in sechs Kapiteln miteinander in Beziehung: etwa 350 Werke aus der Patrimonial Collection von Van Cleef & Arpels und rund 160 Objekte aus der MAK Sammlung. Wanderlust, Architecture, Rhythmic Designs, On Stage, Metamorphoses sowie Nature & Cosmos bilden die Stationen eines Parcours, den Atelier Tsuyoshi Tane Architects als Labyrinth entworfen hat. Das klingt zunächst nach Inszenierung. Tatsächlich geht es aber um eine sehr genaue kuratorische Versuchsanordnung: Was geschieht, wenn Haute Joaillerie nicht isoliert im Lichtkegel der Vitrine steht, sondern neben mittelalterlichen Textilien, Möbeln, Entwürfen der Wiener Werkstätte, Keramik, Teppichen oder wissenschaftlich anmutenden Objekten erscheint?

Für Anne-Katrin Rossberg, Kuratorin der MAK Sammlung Metall und des Wiener Werkstätte Archivs, lag der Ausgangspunkt nicht in dekorativer Ähnlichkeit, sondern in der Frage, welche Dinge einander wirklich etwas zu sagen haben. Rossberg betreut im MAK zwei Bereiche, die für diese Ausstellung zentral sind: die Metallsammlung und das Wiener Werkstätte Archiv, jenes für die Designgeschichte bedeutende Konvolut, das seit 1955 im MAK verwahrt wird und Produktionsprozesse, Entwürfe, Stoffmuster und Objekte der Wiener Werkstätte erschließt. Ihre Auswahl, sagt sie, hat bei den Highlights beider Sammlungen begonnen. Zugleich gab es vonseiten des MAK den Wunsch, Objekte zu zeigen, die wegen ihrer Größe oder Fragilität selten zugänglich sind. Entscheidend war dann, welche Objekte »miteinander sprechen« können: »sei es aufgrund motivischer, stilistischer oder inhaltlicher Verbindungen«. Daraus, so Rossberg, hat sich der Dialog »sehr leicht und selbständig« entwickelt und schließlich in sechs Kapitel gemündet.

Auf der Seite von Van Cleef & Arpels verantwortet Alexandrine Maviel-Sonet, Director of Patrimony and Exhibitions, den Blick auf das Erbe der Maison. Ihre Arbeit liegt an jener Schnittstelle, an der historische Schmuckstücke nicht als Archivmaterial verwahrt bleiben, sondern als aktive Träger einer bis heute wirksamen Formensprache verstanden werden. Van Cleef & Arpels wurde 1906 am Pariser Place Vendôme gegründet; die Patrimonial Collection wurde in den 1970er Jahren von Jacques Arpels angestoßen und umfasst heute mehr als 3.000 Haute-Joaillerie- und Schmuckkreationen, Uhren und Preziosen. Ein Stück, erklärt Maviel-Sonet, muss die Identität der Maison verkörpern: ihre Ästhetik, die Epoche seiner Entstehung und die besondere handwerkliche Ausführung. Relevant bleibt ein historisches Schmuckstück durch beides: durch das Objekt selbst und durch seine Geschichte. »Sowohl das Stück als auch seine Geschichte bleiben wesentlich, um die Geschichte der Maison weiter sichtbar zu machen.«

Wien bietet dafür einen erstaunlich passenden Resonanzraum. Maviel-Sonet verweist auf eine zeitliche Nähe, die mehr ist als ein hübscher Zufall: Van Cleef & Arpels entsteht 1906, die Wiener Werkstätte wird 1903 gegründet. Beide Institutionen arbeiten an der Frage, wie aus Entwurf, Material und handwerklicher Ausführung ein Objekt wird, das nicht im bloßen Nutzen aufgeht. Das MAK wiederum, 1863 gegründet und damit eines der ältesten Museen für angewandte Kunst weltweit, besitzt eine Sammlung, die von Design, Architektur und Mode bis zur zeitgenössischen Kunst reicht. Für Maviel-Sonet ergibt sich daraus ein Dialog, der »vom Mittelalter bis in die Gegenwart« reicht. Besonders überraschend ist für sie etwa gewesen, dass Motive auf einer Tunika aus dem Jahr 1260 mit Sautoirs von Van Cleef & Arpels aus den 1970er Jahren korrespondieren. »Diese Ausstellung ist das Ergebnis einer gemeinsamen Leidenschaft für außergewöhnliche Entwürfe und handwerkliche Meisterschaft«, freut sich Maviel-Sonet.

 

 

Der Parcours beginnt mit dem Reisen. Ein maßstabsgetreues Modell der Segelyacht Varuna, 1906 von Van Cleef & Arpels aus Gold, Silber und Jaspis geschaffen, enthält im Schornstein eine elektrische Dienstbotenklingel. Kostbarkeit und Funktion liegen hier so eng beieinander, dass das Objekt fast wie ein kleines Manifest wirkt: Luxus ist nicht nur Oberfläche, er ist auch Mechanik, Einfall, gesellschaftliches Ritual. Gegenüber steht der sogenannte Portugiesen-Teppich aus dem frühen 17. Jahrhundert aus der MAK Sammlung, ein zentralasiatischer Knüpfteppich mit Schiffen, Seeungeheuern und europäisch gekleideten Passagieren auf rauer See. Zwei Objekte, zwei vollkommen verschiedene Maßstäbe, ein gemeinsamer Horizont: die Imagination des Unterwegsseins.

Im Kapitel »Architecture« wird die Nähe zwischen Schmuck, Behältnis und Raum besonders deutlich. Die 1933 patentierte Minaudière von Van Cleef & Arpels ist ein verfeinertes Necessaire mit Fächern für Puder, Uhr, Feuerzeug oder Lippenstift. Ihr reduziertes Äußeres erinnert an einen Briefumschlag und gehört in die Welt der modernen Eleganz der 1930er Jahre. Daneben steht im MAK ein Spieltisch von David Roentgen aus dem Jahr 1775, mehrfach aufklappbar, mit Feldern für Kartenspiel, Schach und Backgammon. Seine Chinoiserie aus exotischen Holzsorten zeigt, wie virtuos Roentgen mit Holz »malen« konnte. Beide Werke erzählen davon, dass Funktion niemals nüchtern sein muss. Sie kann ein Geheimnis besitzen, eine Choreografie, einen Moment des Öffnens.

Rossberg interessiert an solchen Begegnungen besonders, dass historische Objekte plötzlich ihre Distanz verlieren. »Oft ist man ja erstaunt, wie zeitlos oder ›modern‹ historische Objekte sind«, sagt sie. In der Gegenüberstellung nehmen sich die Exponate nichts weg. »Vielmehr erweitern sie die Erzählung.« Das ist ein wichtiger Satz, weil er den Reiz der Ausstellung genauer beschreibt als jedes Versprechen von Glamour. GLANZSTÜCKE arbeitet nicht mit Hierarchie. Der Schmuck adelt nicht das Museum, das Museum legitimiert nicht den Schmuck. Beide Seiten bringen ihre eigene Autorität mit. Daraus entsteht die Spannung.

Im Kapitel »Rhythmic Designs« treffen geometrische Stoffmuster aus dem MAK auf dynamische Schmuckkreationen von Van Cleef & Arpels. Die Silhouette Flower Clips aus den späten 1930er Jahren übersetzen das Blumenmotiv in die formale Sprache des späten Art Déco. Auf MAK-Seite antwortet die Wiener Werkstätte, deren reduzierte Formensprache bereits um 1900 wichtige Entwicklungen des Art Déco vorwegnimmt. Maviel-Sonet nennt auch ein Set von 1970 mit geschwungenen, sich wiederholenden Mustern, das an die Op Art erinnert, also an jene Kunst, die mit optischen Illusionen arbeitet. Für sie entstehen die Themen der Ausstellung nicht nachträglich als kuratorische Behauptung. Sie kommen aus den Stücken selbst und aus ihrer Nähe zur MAK Sammlung: Natur, Couture, Liebe, Bewegung, Wandelbarkeit.

Besonders überzeugend wird diese Idee im Kapitel »Metamorphoses«. Hier begegnen sich ein Paravent von Koloman Moser aus dem Jahr 1906 und das legendäre Collier Zip von Van Cleef & Arpels, eine Kreation, die 1938 patentiert wurde und sich in ein Armband verwandeln lässt. Inspiriert ist Zip von Reißverschlüssen, wie sie zunächst in Fliegeranzügen verwendet und später von der Mode aufgegriffen wurden. Maviel-Sonet verweist auf das 1938 patentierte Passe-Partout als Inbegriff jener Wandelbarkeit, die für Van Cleef & Arpels so wesentlich ist. Schmuck erscheint hier nicht als starres Objekt. Er verändert seine Form, seine Trageweise, seine Bedeutung. Rossberg fasst das weiter: Auch keramische Tafelaufsätze, die Pflanzen und Blüten vortäuschen, gehören zu diesen Ebenen der Verwandlung.

Die vielleicht »wienerischste« Station heißt »On Stage«. Oper, Tanz, Musik, Ballkultur: Das MAK zeigt ein weißes Seidenballkleid aus der Zeit nach dem Wiener Kongress, verziert mit plastischer Silberstickerei. Van Cleef & Arpels antwortet mit Feen und Tänzerinnen, die während des Zweiten Weltkriegs ins Repertoire der Maison traten und eine andere Art von Gegenwelt entwarfen: Poesie als kleines, funkelndes Gegengewicht zur historischen Dunkelheit. Man muss hier aufpassen, nicht in Süßlichkeit zu geraten. Doch gerade im Maßstab der Brosche oder des Clips wird sichtbar, wie stark kleine Dinge auf große Zeiten reagieren können.

Am Ende öffnet sich die Ausstellung in Richtung Natur und Kosmos. Der Clip Chrysanthemum von 1937 zeigt das berühmte Mystery Set, eine 1933 patentierte Technik, bei der Edelsteine so gefasst werden, dass die Goldfassung unsichtbar bleibt. Die Blüte wirkt dadurch nicht zusammengesetzt, sondern gewachsen. Daneben steht eine Armillarsphäre von 1553 aus der MAK Sammlung, deren bewegliche Metallringe Himmelsbewegungen und Koordinaten veranschaulichen. Zwischen Blume und Universum, Edelstein und Messinstrument entsteht eine fast verblüffende Verbindung: Beide Objekte versuchen, Ordnung sichtbar zu machen, ohne das Staunen zu verlieren.

Das Labyrinth von Tsuyoshi Tane ist dafür mehr als räumliche Dramaturgie. Rossberg beschreibt es als Einladung, »auf Entdeckungsreise zu gehen, überrascht zu werden, Umwege zu wagen und sich zu verlieren«. Man taucht in eine eigene Welt ein und kann die Vielfalt der Dinge konzentriert wahrnehmen. Sie zitiert Tane mit dem Satz: »Eine Ausstellung ist mehr als eine Präsentation; hier wird Geschichte rekonstruiert, neu gedacht und als Erinnerung für die Zukunft weitergewoben.« Das ist in diesem Fall keine Geste, die den Objekten übergestülpt wird. Das Labyrinth entspricht vielmehr dem Denken der Ausstellung: Man kommt nicht linear von Epoche zu Epoche, nicht von Stil zu Stil, nicht von Objektgattung zu Objektgattung. Man folgt Verwandtschaften, die manchmal offensichtlich sind und manchmal erst im zweiten Blick entstehen.

Dass eine Haute-Joaillerie-Ausstellung im MAK stattfindet, ist nicht bloß eine Kooperation zwischen einem Museum und einer Maison. Sie trifft den Kern dessen, wofür ein Museum für angewandte Kunst im besten Fall zuständig ist: für die Intelligenz der Dinge. Für Material, das nicht stumm bleibt. Für Entwürfe, die in der Hand, am Körper, im Raum, im Gebrauch und im Gedächtnis weiterarbeiten. Rossberg sagt, die Ausstellung ermöglicht es, Schmuck wieder einmal in den Mittelpunkt zu stellen, hier »exquisiter Schmuck aus dem Luxussegment«, der den hohen handwerklichen Anspruch sichtbar macht und »auch ein bisschen Glamour ins Haus bringt«. Zugleich trifft er auf Objekte aus allen Sammlungsbereichen des MAK, vom Mittelalter bis heute. Diese Verbindung gibt es in den periodisch und thematisch geordneten Schausammlungen so nicht.

GLANZSTÜCKE zeigt, warum Kostbarkeit kulturell interessant sein kann: wenn sie mit Können, Zeit, Erfindung, Erinnerung und überraschender Nähe zu anderen Objekten verbunden ist. Wer die MAK Sammlung zu kennen glaubt, wird sie anders sehen. Und wer glaubt, Glamour sei eine oberflächliche Angelegenheit, darf sich im Labyrinth dieser Ausstellung ruhig einmal verlieren.

 

AKTUELLE AUSSTELLUNG
GLANZSTÜCKE.
Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection

MAK, Wien
bis 27. September 2026
www.mak.at