Seit 2018 verfolgt Nägele & Strubell ein Projekt, das Kunst Sichtbarkeit bringt. Die Arbeiten erscheinen auf Tragetaschen, Postkarten und Magazinen, sie zirkulieren in einer Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren und geraten in Situationen, die weder kontrolliert noch kuratiert im engeren Sinn sind.

Kunst begegnet Menschen, die sie nicht suchen und tritt in einen Alltag ein, der nicht auf sie vorbereitet ist. Die Edition 2026 führt diese Bewegung fort. Unter dem Titel HEITERWEITER setzt Initiatorin Marion Faber bewusst ein helles Zeichen.

Gemeint ist keine naive Fröhlichkeit, sondern eine Kunst, die den Blick öffnet: durch Farbe, Humor, Leichtigkeit, Erzählfreude oder eine Form von sinnlicher Direktheit. Vier Positionen treffen aufeinander, die sich nicht über ein gemeinsames Thema definieren. Yun Wang, Barbara Tunkowitsch, Domi Gratz und Elisabeth von Samsonow stehen für unterschiedliche Verfahren.

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Die Künstlerin Yun Wang, Foto: Volodymyr Khomenko

Im Sommer richtet sich der Blick auf Yun Wang, deren Arbeiten an einem Punkt ansetzen, an dem Malerei ihre vertraute Ordnung verliert. »Ich arbeite gerade an Werken, bei denen die Leinwand aufgehört hat, ein flaches Bild zu sein«, erzählt sie im Gespräch mit stayinart. »Ich falte sie, versiegle sie teilweise, bis sie irgendwo zwischen Malerei und Skulptur landet.« Diese Herangehensweise betrifft nicht nur die Form, sondern auch die Funktion. Die Leinwand ist kein neutraler Träger mehr. Sie wird zum Objekt, das sich im Raum behauptet. »Ich verrücke die Funktion der Leinwand vom Bildträger zum Objekt.« Was daraus entsteht, lässt sich nicht unmittelbar in Worte fassen. Wang beschreibt es so: »Man betritt eine Situation, man spürt etwas, bevor man es benennen kann.« Die Voraussetzungen für diese Arbeit liegen nicht nur in der Malerei. Wang hat vor ihrem Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste bei Daniel Richter am Konservatorium Operngesang studiert. Der Einfluss ist nicht im Motiv sichtbar, sondern zeigt sich in der Organisation der Werke.

Ich habe gelernt, den ganzen Körper als Instrument zu nutzen: Emotionen nicht zu beschreiben, sondern direkt nach außen zu tragen. Was bleibt, ist ein Verständnis für Rhythmus, Wiederholung und Spannung. »Der Pinselstrich hat ein Tempo, die Farbfläche hat eine Dynamik. In der Musik interpretiere ich Welten, die andere erschaffen haben. In der Malerei schaffe ich meine eigenen.« Dieser Wechsel ist entscheidend. »Ab einem bestimmten Punkt überlasse ich dem Material seine eigene Dynamik.« Intensität und Leere entstehen dabei gleichzeitig. Diese Offenheit gegenüber dem Material hat auch mit ihrer Biografie zu tun. Wang ist in China aufgewachsen und lebt heute in Wien. Die Erfahrung unterschiedlicher kultureller Systeme beschreibt sie als ein Feld, in dem sich Perspektiven verändern. Sie übersetzt sich in eine Arbeitsweise, die auf Offenheit angelegt ist. Die Vielfalt der Welt lässt sich nicht auf eine feste Bedeutung reduzieren. Malen beschreibt Wang als ein Experiment ohne festgelegtes Ergebnis. Sie verdünnt Farben, lässt sie fließen, kollidieren und sich absetzen.

Das Material reagiert auf Schwerkraft, auf Zeit, auf die Beschaffenheit der Oberfläche. »Das Material macht etwas, das ich nicht geplant habe, und genau das interessiert mich.« Der Fokus liegt auf dem Vorgang: Wie entsteht Form aus einem instabilen Zustand? Wie verhält sich Farbe, wenn sie nicht kontrolliert wird? Veränderung und Zeit sind keine Themen meiner Arbeit, sie sind das Material selbst. Diese Aussage ist wörtlich zu nehmen. Zeit wirkt in Trocknungsprozessen, in chemischen Reaktionen, im Absetzen von Pigmenten. »All das passiert ohne mein Zutun.« Die Künstlerin setzt Bedingungen, doch die Entwicklung entzieht sich ihrer Kontrolle. »Die Zeit arbeitet weiter, auch wenn ich aufgehört habe.« Die daraus entstehenden Oberflächen sind fragil. Diese Fragilität ist Teil der Arbeit. Ich will kein abgeschlossenes Objekt schaffen, sondern etwas, das weiteratmet.

Auch formal zeigt sich diese Denkweise. Gefaltete und offene Arbeiten erscheinen auf den ersten Blick unterschiedlich. Wang beschreibt sie als zwei Zustände desselben Prinzips. »Eine gefaltete Arbeit konzentriert Energie, speichert Zeit. Eine offene, räumliche Arbeit setzt diese Energie frei.« Der Ausgangspunkt bleibt die Malerei. Die Leinwand versteht sie als Körper. Sie kann gespannt, gefaltet, aufgeladen werden. Jede leere Leinwand ist für mich der Anfang eines kosmischen Lebens. Damit verändert sich die Vorstellung von Bildraum. Es geht nicht um eine Fläche, sondern um ein Gefüge, das sich im Raum entfaltet.

Meine Arbeit stabilisiert nichts, sie macht einen Zustand sichtbar, der weiterläuft. Der Prozess setzt sich unter dem Blick der Betrachter:innen fort. Was sie interessiert, sind die Variablen innerhalb eines Systems. In einer Zeit, in der viele Prozesse automatisiert werden, sieht sie darin den Ort, an dem sich eine persönliche Handschrift zeigt. Im Werk für die Edition von Nägele & Strubell, Resonante Farbvariation Nr. 12, wird diese Logik konkret. Der Titel verweist auf ein musikalisches Prinzip. Variation bedeutet Wiederholung unter veränderten Bedingungen. Resonanz entsteht als Folge bestimmter Konstellationen. Farbe reagiert auf Material, Raum und Licht. Die entscheidende Frage lautet, wie Wahrnehmung entsteht. »Wie kann Farbe nicht gesehen, sondern gespürt werden, bevor man weiß, was man sieht?« Am Anfang steht eine Entscheidung. Verdünnung, Schwerkraft und chemische Prozesse werden in Gang gesetzt. Danach verliert die Künstlerin die vollständige Kontrolle. Das Material folgt eigenen Kräften. »Irgendwann spüre ich, dass Widerstand sinnlos wird.« Dieser Moment ist kein Scheitern. Er markiert den Punkt, an dem die Arbeit beginnt. »Ich bin die treibende Kraft«, sagt Wang. Ich setze die Bedingungen in Gang, aber was daraus entsteht, gehört nicht mehr allein mir. Fehler sind in diesem Zusammenhang produktiv. Sie führen zu neuen Entwicklungen. 

Die Arbeiten von Yun Wang beruhen auf einem unkonventionellen Gedanken: Ein Bild ist kein abgeschlossenes Ergebnis. Es ist ein Zustand, der sich weiter verändert, auch dann, wenn die Künstlerin längst aufgehört hat zu malen.

Dass ihre Werke in diesem Jahr bei der L.Art Galerie zu sehen sind, sie an der Art Austria und an der VOLTA Basel teilnimmt und weitere Ausstellungen mit der Galerie Petra Weiser und der Galerie 422 vorbereitet, passt daher beinahe folgerichtig zu einer Praxis, die nicht stillsteht, sondern (heiter) weiter in Bewegung bleibt.