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Indem er von Anfang an konsequent seine eigene Grammatik von Raum, Landschaft und Identität entwickelte, wurde der Schweizer Künstler Not Vital zu einer der eigenwilligsten Stimmen im internationalen Kunstgeschehen. Seine Werke finden sich in den New Yorker Sammlungen von MoMA und Guggenheim ebenso wie in den Museen von Tokio und Südamerika. Biennalen wie die von Venedig haben ihn im Kunst- und auch im Architektur-Diskurs verankert – Not Vital kann man als Inbegriff von Shifting Space bezeichnen.


Not Vital in seiner Installation 2222 Snowballs (2025) im MAC Niteroi. Er hat den Boden der Haupthalle mit 2.222 »Schneebällen« bedeckt. Foto: Rafael Salim. Courtesy the artist & Nara Roesler
Sein künstlerisches Werk umfasst Skulptur-Arbeiten, die zwischen archaischer Form und surrealem Humor schweben, in architektonischen Skulpturen, seinen sogenannten SCARCH-Projekten, die als begehbare Habitate einen neuen Typ poetischer Architektur definieren und in Porträt-Malerei, welche die Frontal-Ansicht von Köpfen zur inneren Architektur des Lichts werden lässt. In der Verbindung bilden sie ein Œuvre, das den Begriff von Raum in der Kunst unserer Zeit nachhaltig verschoben hat und dies auch weiterhin ständig tut.
Alles begann im Inneren eines Kissenbezugs. Seine erste räumliche Installation, so erinnert sich Not Vital, fabrizierte er in den frühen Fünfzigern, als dreijähriger Bub, der auf der Veranda seiner Eltern in ein Kissen krabbelte, um sich zu verstecken und völlig fasziniert war, welch’ räumliche Strukturen durch das Licht in den Faltungen des Stoffs entstehen. Wenig später gräbt er mit seinem Bruder einen Tunnel in den meterhohen Schnee vor dem Elternhaus: Blaues Licht sickert von oben, die Geräusche sind gedämpft – Not verbringt ganze Tage im Bauch seiner improvisierten Höhle und hat noch heute den Geschmack von Schnee im Mund.
Dies eigenwillige Glück im Kalt und Dunkel des Unterirdischen, wurde zu einem Grundimpuls seiner künstlerischen Arbeiten.
Not Vital, 1948 im idyllischen Bergdorf Sent, im Unterengadin geboren, wächst in einer Landschaft auf, in welcher der Winter das Jahr dominiert und dessen Häuser buchstäblich schützende Hüllen sind – mit mächtigen, gewölbten Mauern, kleinen Fenstern – innen Holz, außen als Verputz die raue Topografie und Zierden des Graubündner Landes. Die Region heißt nicht von ungefähr »Grey Land« – sie prägt bis heute Not Vitals Vorliebe für Weiß, Grau und Schwarz ebenso wie seine Obsession für das Verhältnis von Innen und Außen.
In seiner Muttersprache Rätoromanisch bedeutet »Not« die Nacht. Aus Sorge um das Verschwinden dieser kostbar alten Sprache gründet er 2007, als bereits weltweit etablierter Künstler seine »Fundaziun Not Vital« im benachbarten Ardez, die auch eine bedeutende rätoromanische Bibliothek in den alten Gemäuern der Casa Planta präsentiert.
Als junger Künstler zieht Not Vital jedoch erst einmal nach Paris und New York – lernt Warhol, Haring und Basquiat kennen und beginnt mit Skulpturen aus Bronze und Silber, die Tierkörper-Fragmente wie Hörner, Knochen und Zungen, aber auch Kuhfladen oder Kamelköpfe in sogenannte »Volumen im Raum« verwandeln.
Galerist Thaddaeus Ropac, der Not Vital schon seit den Achtzigern begleitet, beschreibt die drei Elemente von Not Vitals Raumdenken: »Da ist die menschliche Figur, dann das Tier und dann der Raum, wie ihn der Mensch durch Formen schafft. Das können auch Heuballen sein, die sich in die Landschaft hineindrängen und ihr zugleich selbstverständlich angehören.« Immer gehe es um den Körper an sich, seine Dichte, sein Gewicht im Sinne der Präsenz im Raum.
Als Fortsetzung dieser Definitions- bzw. Erlebnisfrage kreiert Not später in seinem Kunstpark in Sent das berühmte »verschwindende Haus«, das mit Gras bewachsen, per Knopfdruck aus dem Boden aufsteigt und ebenso wieder verschwindet.
Nots Neugier und Lust am Explorieren führen ihn nach Afrika, Asien, Südamerika. Gerne spricht er davon, dass man sich seine Orte nicht suche, sondern sie rieche, wie ein Hund. Und Vital kauft überall Land und Grund, weil er das brauche, »wie ein Maler seine Leinwand und ein Bildhauer den Stein«.

Not Vital, House to Watch the 3 Volcanoes, 2017, Flores, Indonesia. Foto: Eric Powell.
In Niger, wohin Vital Ende der neunziger Jahre reist, kulminiert diese Entwicklung in seinem wohl einflussreichsten Kunstkonzept SCARCH – jene Grenze zwischen Sculpture & Architecture, an der seine Kunstwerke anfangen, bewohnbar zu werden. In Agadez und Aladab entstehen Häuser – Vital nennt sie »Habitate« – die keine Gebäude im klassischen Sinn sind, sondern das »Haus mit Hörnern«, die »Pyramiden-Schule«, ein spiralförmiger Schutzraum gegen Hitze und Sandstürme und dann sein Schlüsselwerk, das »House to Watch the Sunset«: ein Turm aus Lehm, mit drei Außentreppen und vier kleinen, übereinander gestapelten Räumen, in denen nichts steht als Bett, Tisch und Stuhl – kein Wasser, kein Strom. Sein einziger Zweck ist es, den Sonnenuntergang zu sehen, oder, wie Vital es aktiv formuliert: »gerade genug, um die Sonne untergehen zu lassen«.
Dieser Turm taucht immer wieder und jeweils angepasst an Klima und örtliche Materialien auf – im brasilianischen Amazonas wie am Fuße von Schloss Tarasp im Engadin, dessen historische Gemäuer aus dem 11. Jahrhundert er nach einem Volksentscheid der Stimmbürger von Scuol 2015 offiziell durch seine Stiftung kaufen und behutsam renovieren darf, so dass die Öffentlichkeit auch wieder Zugang zu dieser baulichen Kostbarkeit hat.
In dem fast tausend Jahre alten Schloss-Ambiente gestaltet Not Vital ein vielschichtiges Reich für Kunst und Kultur aus aller Welt, für Sprache und Geschichte und macht diesen Schatz an Architektur auf diese Weise für die Öffentlichkeit nicht nur zugänglich, sondern auch höchst attraktiv.
Für die enormen Herausforderungen an Denkmalschutz, Planung und Logistik nutzte er auch beim Umbau des Schloss Tarasp die Expertise seines Bruders Duri, der wiederum im Laufe seines Lebens vom Automechaniker zum autodidaktisch gelernten und heute top anerkannten Architekten für Engadiner Gebäude-Sanierung avancierte.
Not selbst konzentriert sich auf die fast poetisch sinnlichen Parameter seines SCARCH-Konzepts. Er schafft Gebäude, die nicht funktionieren müssen, sondern als Rahmen oder Medium für bewusste Wahrnehmung und existenzielle Erfahrungen dienen – für die Verdichtung eines einzigen Moments: Sonnenuntergang, Sternenhimmel, Stille. Seine Häuser sind, wie er sagt, »Fenster zur Welt« – beobachten Vulkane in Indonesien oder fangen den Himmel in einem Tunnel in Patagonien ein.
Das Tempo, welches er bei der Fertigstellung von Kunstprojekten dieser Art rund um die Welt an den Tag legt, so berichtet Thaddaeus Ropac weiter, sei einfach unfassbar. »Er kreiert non stop und bevor wir als Publikum dazu kommen, das Werk überhaupt anzuschauen, ist er schon am nächsten Projekt – erweitert aufs Neue seine Definition von Raum. Er ist uns ständig voraus – wirklich faszinierend.«
Je nomadischer Not Vital rund um den Globus lebt – von China über Südamerika bis Griechenland – und seine SCARCH-Spuren hinterlässt, desto stärker wird sein Dorf im Engadin zum Grund-Habitat und kreativen Resonanzraum – ja, so berichtet der ewig Reisende: »Erst durch die Rückkehr wird meine Heimat immer wieder lebendig«. Hier sammelt er seine Gedanken, hier konkretisieren sich seine Ideen und hier installiert er in seinem Skulpturen-Park oberhalb von Sent neue Sichtweisen und Erlebnis-Aspekte.
»Palc« (= Stage) zum Beispiel – seine berühmte, freischwebend geländerlose Bühne aus glänzendem Edelstahl mitten am Hang.
Genau das Gegenteil: sein eigenes Atelier. Ein wuchtiger, roher Steinblock aus Spritzbeton mitten im Garten seines Hauses – der »Meteorit« – mit fünf schmalen Luken an der Decke, die das spärliche Oberlicht im dämmrigen Innenraum zu einem fast stofflichen Erlebnis machen. Vital liebt es, wenn man sich anstrengen muss, um überhaupt zu sehen und der Blick nahezu »fiebert«. »Dann wird alles um mich herum leer. Es verliert Schwerkraft, als würde alles schweben oder fallen.« Hier in seinem Atelier gibt es »Telefon sowieso nicht«, aber auch keine Musik. »Denn Musik lässt die Bilder oft schöner erscheinen, als sie tatsächlich sind.«

Not Vital, Palc (Stage), 2011, fundaziun Not Vital, Parkin Sent, Switzerland. Foto: Eric Powell.
Das pure »Ich hier«-Erlebnis eröffnet sich auch dem Kunst-Besucher in Not Vitals Turm oberhalb des Museums in Susch – ein kompakter, ausgehöhlter Marmorblock bietet nichts als polierte Wände – die Konfrontation mit (s)ich. Der neun Meter hohe Marble Tower ragt hier wie auch in Walloon Brabant in Belgien als vertikale Skulptur ins Gelände und wirkt dennoch wie eine architektonische Geste. SCARCH lässt grüßen.
2009 kauft Not Vital in der chilenischen Wildnis, am Lago General Carrera eine ganze Insel aus weißem Marmor. Nicht, um darauf ein Haus zu setzen, sondern um die Insel selbst zum Habitat zu transformieren. Fast fünf Jahre dauern die Arbeiten für »NotOna« – ein in den Fels geschlagener Tunnel, der in einer höhlenartigen Kammer endet, die wiederum den Blick auf das Seewasser freigibt und wie ein natürlicher Spiegel die Farben des Himmels ins Innere projiziert. Das Licht moduliert Schatten und Volumen, der Sonnenuntergang färbt das Innere des Berges.
Für Vital ist dieser Ort der »Uterus der Insel« – ein Rückzugsraum, in dem jedes Geräusch, jeder Funke Licht eine eigene Körperlichkeit gewinnt. Allein auf NotOna – ohne Telefon, ohne Boot – wird der Alltag auf elementare Gesten reduziert: Feuer machen, Wasser holen, Kochen, Gehen. Die Insel, so schreibt er, beginne ihn zu »verdauen« – ein Bild, welches er mit der Kindheitserinnerung verbindet, wie sein Vater stets kleine Häuser und Türme aus Käse schnitzte, um dem Sohn, der nicht essen wollte über Miniatur-Architektur das Abendbrot schmackhaft zu machen.
Kurz vor dem Höhlen-Experiment in Chile entstand 2008 ein weiteres Schlüsselgebäude in Peking – sein zweites Atelier, konzipiert als »unsichtbares Haus«. Mit einer Außenhaut aus poliertem Edelstahl, durch die der Besucher nicht hineinsehen kann, sondern nur sich selbst im Spiegel findet.
Not Vital ist gerade sechzig geworden und beginnt hier im China-Studio Porträts zu malen: zunächst von Assistenten, Freunden, Passanten – später zunehmend von sich selbst. Fokus ist nun das Innen.
Dabei müssen für ihn Porträts der dargestellten Person ähnlichsehen – Verzerrung interessiert ihn weniger als das, was er »stille Spannung« nennt. Er beginnt nicht mit dem Gesicht, sondern mit einem Feld um den Kopf, einer Art Aura, die er mit einem »geostationären Orbit« vergleicht. Meist bleibt der größte Teil der Leinwand unbemalt oder in Weiß-, Grau- und Schwarztönen gehalten – den Graubündner Farben. Die Köpfe tauchen gleichsam frontal aus dieser Fläche auf und ziehen den Blick magnetisch auf sich, auf das Ich unter den vielen Farbschichten – dem inneren Habitat aus gelebten Leben.
In der jüngsten Ausstellung »Tirando Onda (Riding the Wave)« im MAC Niterói in Rio de Janeiro, trifft Not Vitals Œuvre auf einen seiner großen architektonischen Helden: Oscar Niemeyer. Das Museum – ein ikonischer, ufo-artiger Bau über der Bucht – ist für Vital »ein Kunstwerk an sich« und er reagiert darauf mit größter Zurückhaltung: Auf der Esplanade platziert er lediglich zwei Skulpturen – im Inneren streut er 2.222 Gips-Schneebälle über den Boden – als augenzwinkerndes Geschenk aus den Schweizer Bergen an ein eher tropisches Publikum. Im Obergeschoss wiederum lässt er die ursprünglichen Wände freilegen und hängt großformatige Selbstporträts sowie Skulpturen seiner eigenen Ohren auf – für den Kunst-Gast eine Reise zwischen monumentaler Architektur und körperlicher Intimität.

Ausstellungsansichten: NOT VITAL, Tirando Onda, MAC, Niterói. Fotos: Rafael Salim. Courtesy the artist & Nara Roesler
Shifting Space – Ab dem 10. April präsentierte die Londoner Galerie von Thaddaeus Ropac für zwei Monate Not Vitals jüngste Arbeiten im Ely House in Mayfair. Gezeigt wurden neue Skulpturen und neue Porträts im Dialog mit einer Auswahl bestehender Werke. Der Künstler war zur Vernissage persönlich anwesend und verriet vielleicht noch mehr zu seiner lebenslangen Passion – nämlich jener Dynamik nachzugehen, wie es sich anfühlt, wenn nicht nur wir die Welt betrachten, sondern die Welt zurückblickt; wenn wir uns selbst und durch uns selbst in ihr spiegeln und gar finden.
Autorin:
UTA GRUENBERGER ist freie Journalistin und mit Vorliebe Portrait-Autorin. Ihre Geschichten über Künstler, Schauspieler, Sportler u.a. Persönlichkeiten wurden in Stern, Vogue, Harpers, Die Welt, Max etc. publiziert. Parallel produzierte sie diverse TV Dokumentationen und Film-Portraits – Regie/Kamera. Sie lebt in Salzburg und Süddeutschland.
www.utagruenberger.com