Sonia Leimer über Raum, Rückstände und die Materialität des Unsichtbaren – zur Ausstellung Debris in der Galerie am Stein Monika Perzl.

Sonia Leimers Arbeiten setzen dort an, wo Begriffe ihre Eindeutigkeit verlieren. Raum ist für sie keine gegebene Größe, sondern ein relationales Gefüge zwischen Körpern, Materialien, Bildern und historischen Zuständen. „Raum ist ein zentrales Thema meiner Arbeiten – sowohl der urbane Raum als auch der Weltraum selbst“, beschreibt die Künstlerin ihren Zugang. Diese Bewegung zwischen gebautem und kosmischem Raum bildet das Fundament ihrer Ausstellung *Debris* in der Galerie am Stein.

Sonia Leimers Arbeiten setzen dort an, wo Begriffe zu undeutlich werden. Raum gehört dazu. Was in Alltag, Architektur oder Wissenschaft als gegebene Größe erscheint, zerfällt bei ihr in Relationen: zwischen Körpern, Materialien, Bildern und historischen Zuständen. »Raum ist ein zentrales Thema meiner Arbeiten - sowohl der urbane Raum als auch der Weltraum selbst.« So beschreibt sie selbst ihren Zugriff und diese Doppelbewegung, zwischen gebautem und kosmischem Raum, die das Fundament der Ausstellung Debris in der Galerie am Stein bildet.

 



Ausstellungsansicht Debris: Sonia Leimer, Arctic, 2023, Glasfaser, Keramik, Aluminium, Musou Black Space Junk, 2020, Aluminium, Ton, Acrylfarbe. Courtesy of the artist © Bildrecht Wien 2026

Der entscheidende Punkt dabei ist die Richtung. Leimer arbeitet nicht vom Hier ins All, sondern vom All zurück. »Mich interessiert der Blick nach außen, und noch mehr der Blick zurück«, sagt sie im Gespräch. Der Weltraum wird nicht als Zukunftsraum verhandelt, sondern als Spiegel einer Gegenwart, die ihre eigenen materiellen Bedingungen weitgehend ausblendet. Sonia Leimer, 1977 in Meran geboren und heute in Wien tätig, kommt ursprünglich aus der Architektur. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und bewegt sich seither konsequent an der Schnittstelle von gebautem Raum, medialer Konstruktion und kosmischer Vorstellung. Ihre Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem bei der heurigen Kunstbiennale in Venedig, der Vienna Biennale for Change oder zuletzt bei der Lisbon Triennale. Was sich durch diese Kontexte zieht: Räume nicht als gegebene Strukturen zu lesen, sondern als Produkte historischer, technischer und gesellschaftlicher Prozesse, die sich verschieben und neu formieren.

Beim Betreten der Galerie am Stein Monika Perzl wird das unmittelbar erfahrbar. Drei Space Junk-Skulpturen stehen im Raum, kugelförmig, aus Stahlplatten geformt, eingeschnitten, geöffnet. Es sind keine geschlossenen Körper, sondern Systeme, die ihre eigene Struktur preisgeben. »Man kann in die Skulpturen reinschauen und das Innere sehen«, beschreibt Leimer diese Öffnungen. Entscheidend ist nicht das Objekt selbst, sondern das, was zwischen ihnen entsteht: »Man hat so das Gefühl, dass sich zwischen diesen drei Skulpturen ein Raum aufspannt.« Dieser Raum ist nicht gebaut, sondern relational. Er entsteht aus Abstand, Spannung und Blickführung. Gleichzeitig verweisen die Skulpturen auf etwas sehr Konkretes: auf Fragmente von Satelliten und Raumkapseln, auf Weltraumschrott, der nach seinem Einsatz wieder in die Erdatmosphäre eintritt. Leimer greift hierfür auf dokumentarisches Material zurück - Fotografien von Objekten, die irgendwo gefunden werden und deren Herkunft oft unklar bleibt.

 



Ausstellungsansicht Debris mit Siebdrucken von Sonia Leimer: v. l. n. r. 1845, 2024, Siebdruck auf für die Raumfahrt entwickelter Folie (Golden Kapton); Lichtgeschwindigkeit, 2024, Siebdruck auf für die Raumfahrt entwickelter Folie (Kupfer Isolationsfolie); Solar Orbiter, 2024, Siebdruck auf für die Raumfahrt entwickelter Folie (Aluminium Isolationsfolie); Smiley, 2024, Siebdruck auf für die Raumfahrt entwickelter Folie (Aluminium Isolationsfolie); Courtesy of the artist © Bildrecht Wien 2026

Das eigentliche Interesse der Künstlerin wird somit im Moment der Rückkehr geweckt. Der Orbit ist für Leimer kein Ort der Abstraktion, sondern ein Zwischenzustand. Erst wenn die Objekte zurückfallen, wird sichtbar, woraus unsere Gegenwart tatsächlich besteht. »... der digitale Raum ist so flüchtig und leicht, aber da ist wahnsinnig viel Material und Müll«, sagt sie. Diese Aussage trifft den Kern der Ausstellung. Denn das, was wir als immateriell begreifen - Kommunikation, Daten, Vernetzung -, basiert auf einer hochkomplexen physischen Infrastruktur. Satelliten, Sonden, Kabel, Umlaufbahnen. Systeme, die unsichtbar funktionieren, solange sie funktionieren. Erst im Versagen, im Absturz, im Zerfall werden sie erfahrbar. »Wenn diese Teile zurückfallen, werden sie materiell spürbar. Das ist das Material unserer digitalen Räume.«

Die Skulpturen in Debris operieren an dieser Schwelle. Ihre Oberflächen sind exakt gearbeitet und gleichzeitig gestört: Verfärbungen, Schweißnähte, Öffnungen. Sie zeigen Fortschritt als Prozess, der Spuren hinterlässt. Der Ausstellungstext formuliert das als Ambivalenz zwischen technologischem Fortschritt und seinen Konsequenzen - als Hinweis darauf, dass diese Systeme immer auch Umweltprobleme und materielle Rückstände erzeugen.

Parallel dazu entfaltet sich an der Wand eine zweite, ebenso beeindruckende Ebene: Siebdrucke auf Isolationsfolien. Bei diesen Arbeiten liegt der Fokus auf dem Material selbst. Leimer verwendet keine neutralen Träger, sondern Reststücke aus der Raumfahrt - Folien, die dafür entwickelt wurden, Hitze und Strahlung zu reflektieren und extremen Bedingungen standzuhalten. »Man experimentiert sehr viel im Material, wo man versucht, alles so leicht wie möglich zu gestalten«, sagt sie, »und gleichzeitig sind diese Materialien wahnsinnig fragil.« Genau diese Spannung zwischen Widerstandsfähigkeit und Fragilität bildet den Ausgangspunkt der Arbeiten. Sie beziehen sich auf konkrete wissenschaftliche Missionen und Bildproduktionen. Die Parker Solar Probe etwa, die 2021 erstmals durch die Korona der Sonne flog und 2024 tiefer in sie eindrang als je zuvor, liefert Bildmaterial, das hier verarbeitet wird. Diese Bilder werden auf genau jene Materialien übertragen, die dafür entwickelt wurden, extreme Strahlung zu überstehen. Einer der Drucke trägt den Titel Lichtgeschwindigkeit. Der Begriff verweist auf eine physikalische Grenze, die sich jeder direkten Erfahrung entzieht. Gleichzeitig steht er für die Bedingungen, unter denen diese Bilder überhaupt entstehen: Geschwindigkeit, Strahlung, Distanz. Dass diese Bilder auf Isolationsfolie gedruckt sind, verschränkt Bild und Material untrennbar miteinander.

Beide reagieren auf dieselben Bedingungen. Die extreme Widerstandsfähigkeit dieser Materialien wird zur Metapher für menschliche Resilienz. Für die Fähigkeit, unter Druck zu bestehen und sich anzupassen. Damit wird die Arbeit zu einer Reflexion gesellschaftlicher Prozesse. Auch die weiteren Siebdrucke operieren in diesem Spannungsfeld. Solar Orbiter verweist auf den Versuch, das Verhalten der Sonne zu verstehen - ein Unterfangen, das notwendigerweise fragmentarisch bleibt. Der Versuch, die Sonne zu verstehen, steht für sie nicht isoliert im wissenschaftlichen Kontext, sondern ist direkt an die Bedingungen auf der Erde gekoppelt: Da es auf der Erde wärmer wird, versuchen wir die Sonne besser zu verstehen. Der Blick ins All ist damit immer auch ein Spiegel gegenwärtiger Krisen. Smiley zeigt den »Happy Face«-Krater auf dem Mars und legt damit offen, wie sehr unsere Wahrnehmung von Projektionen geprägt ist: Wir lesen Muster, Gesichter, Bedeutungen in Strukturen hinein. Besonders prägnant ist der Druck 1845, der auf eine der ersten fotografischen Aufnahmen der Sonne zurückgeht, erstellt von Hippolyte Fizeau und Léon Foucault mittels Daguerreotypie. Hier treffen zwei historische Momente aufeinander: die frühe Fotografie und die heutige Raumfahrttechnologie. Leimer selbst beschreibt diesen Zugriff als Sammlung »verschiedener Annäherungsversuche, die Sonne abzufotografieren aus verschiedenen Jahrzehnten.« Diese Arbeiten zeigen die Sonne nicht als Objekt, sondern als Prozess. Jeder Versuch ist an seine technischen Bedingungen gebunden und bleibt unvollständig. Sichtbarkeit entsteht aus Überlagerung. Ein oft unterschätzter Aspekt liegt dabei im Status des Materials. Es handelt sich um Reststoffe, um Überschüsse. Um das, was im Produktionsprozess übrigbleibt. »Was für die Weltraumfahrt entwickelt wird, findet vielfach nie dort Anwendung, sondern in unserem Alltag«, sagt Leimer. Hochtechnologie wird zu Alltagsmaterial.

Diese Logik zieht sich durch ihr gesamtes Werk. In den Dust Buddies wird Staub als Träger von Zeit sichtbar - als Material, in dem sich Nutzung, Verfall und Geschichte einschreiben. »Da geht es sehr viel um Zeit und Dauer. Und auch um kosmischen Staub«, beschreibt Leimer. In diesen Arbeiten wird Zeit nicht als lineare Abfolge verstanden, sondern als sedimentärer Prozess. Staub fungiert dabei als Trägermedium, in dem sich Nutzung, Verfall und atmosphärische Bedingungen einschreiben. Architektur erscheint im Gegenzug nicht als stabile Struktur, sondern als temporäre Formation innerhalb größerer geologischer und kosmischer Zeiträume. Was im Alltag als dauerhaft gilt, wird hier als Moment sichtbar, als Zwischenzustand in einem Prozess, der weit über menschliche Maßstäbe hinausreicht. Während sich in den Dust Buddies Inhalte im Mikroskopischen abzeichnen, sehen wir in Debris Fragmente globaler Infrastrukturen. Die Idee bleibt ident: Material ist nicht passiv, sondern speichert Prozesse. Leimers Arbeitsweise bewegt sich dabei bewusst zwischen wissenschaftlicher Referenz und künstlerischer Eigenlogik. »Die Wissenschaft interessiert mich, aber ich arbeite künstlerisch«, sagt sie. Es geht ihr nicht darum, Forschung zu illustrieren, sondern darum, Räume zu erzeugen, in denen Wahrnehmung neu organisiert wird.

Diese Räume bleiben bewusst unabschließbar. Ihre Arbeiten »lassen verstreute Hinweise und Spuren zurück, ohne jemals eine vollständige Identität zu formen«.

Bezeichnend ist, dass Leimer weniger die technologischen Erfolge der Raumfahrt interessieren als ihre Bruchstellen. Im Zusammenhang mit der aktuellen Artemis-Mission hebt sie nicht den Fortschritt hervor, sondern einen Moment des Ausfalls: den Augenblick, »in dem Artemis II hinter dem Mond war und der Kontakt zur Crew abgebrochen ist.« Dieser Moment der Unterbrechung markiert jene Grenze, an der Systeme ihre Kontrolle verlieren - ein Zustand, der auch ihre Arbeiten prägt. Leimer interessiert weniger das große Raumfahrt-Narrativ als dessen materielle Nebenprodukte.

Debris ist keine Ausstellung über den Weltraum. Sie ist eine Ausstellung über das, was von ihm übrigbleibt und über das, was wir darin erkennen.

AKTUELLE AUSSTELLUNG

Sonia Leimer - Debris
Galerie am Stein, Stift Reichersberg
bis 25. Juli 2026
www.galerieamstein.at