Die ERES Stiftung entfaltet in Venedig ein präzises Gefüge zwischen Kunst und Naturwissenschaft und denkt Wasser als verbindendes System über den Ort hinaus weiter.

Wasser ist für Venedig eine physische, historische und kulturelle Bedingung. Wer hier ausstellt, bewegt sich zwangsläufig innerhalb eines Systems, das sich jeder statischen Ordnung entzieht. Shifting Waters, die Ausstellung der ERES Stiftung als Collateral Event der Biennale Arte 2026, nimmt diese Unbeständigkeit zum Ausgangspunkt, um sie erfahrbar zu machen.

Dabei verschiebt sich der Fokus bewusst. Wasser erscheint weniger als singuläre Herausforderung im Kontext von Klimakrise oder steigenden Meeresspiegeln, sondern vielmehr als komplexes Gefüge von Beziehungen. »Es ist sehr viel mehr als der Meeresspiegelanstieg«, formuliert Sabine Adler im Gespräch mit stayinart und öffnet damit einen Denkraum, in dem ökologische, technologische und kulturelle Dimensionen ineinanderfließen. Venedig wird in dieser Konstellation zum Resonanzraum. Eine Stadt, die seit Jahrhunderten gezwungen ist, mit dem Wasser zu verhandeln: durch Ingenieurskunst, durch soziale Organisation, durch kulturelle Imagination. Dieses permanente Aushandeln wird in der Ausstellung nicht dokumentiert, sondern in künstlerischen Ausdruck übersetzt.

ZWISCHEN ERKENNTNIS UND ERFAHRUNG

Zentral ist dabei der Ansatz der ERES Stiftung, Kunst und Naturwissenschaft nicht als getrennte Sphären zu behandeln, sondern als sich gegenseitig durchdringende Erkenntnisformen. Die Ausstellung folgt weder einer didaktischen Logik noch illustriert sie wissenschaftliche Inhalte. Sie setzt auf Erfahrung, Irritation und Konzentration.

Sabine Adler erklärt, dass jede Arbeit einen naturwissenschaftlichen Hintergrund mitbringt, ohne sich darauf reduzieren zu lassen. »Es geht nicht um eine Eins-zu-eins-Übersetzung, sondern um ein vertieftes Verständnis: Künstlerische Positionen sollen Aspekte sichtbar machen, die sich der reinen Analyse entziehen.« Darin liegt die Stärke dieses Ansatzes. Während Wissenschaft strukturiert, erklärt und quantifiziert, eröffnet Kunst Räume mit erweitertem Potenzial. »Wenn man Menschen emotional erreicht, dann hat man auch die Möglichkeit, sie inhaltlich zu erreichen«, so Adler.

Diese Verbindung bleibt nicht auf Venedig beschränkt. Die Ausstellung ist Teil eines größeren Programms: Bereits während der Biennale wird ein Teil der gezeigten Arbeiten nach München überführt, wo sie in einem erweiterten Kontext neu verhandelt werden. Perspektivisch mündet dies in eine umfassende Ausstellung zum Thema Wasser, die den wissenschaftlich-künstlerischen Dialog in größerem Maßstab 2027 fortführt. Venedig wird damit zum Auftakt.


ANNÄHERUNGEN AN EIN WIDERSPENSTIGES ELEMENT

In dieser Struktur gewinnt die Arbeit von Mike Bouchet eine besondere Prägnanz. Sein fragmentiertes Haus, einst in der Lagune untergegangen und heute in Teilen wieder präsent, wird zur Fallstudie einer energetisch dysfunktionalen Architektur. Was zunächst wie ein spezifischer Kommentar zur Bauweise erscheint, öffnet sich im Kontext der Ausstellung zu einer grundlegenden Frage: Wie leben wir und auf welchen Ressourcen basiert dieses Leben? Die erneute Präsentation der Arbeit verschiebt dabei den Blick: »Was hat sich seitdem eigentlich geändert?«, hinterfragt Sabine Adler. Die Antwort bleibt bewusst offen und verweist auf eine Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln, die sich durch viele der gezeigten Positionen zieht.

Eine andere Ebene eröffnet Anne Duk Hee Jordan. Ihre immersive Installation versetzt den Körper in eine Tiefseeumgebung, in der vertraute Orientierungspunkte verschwinden. Geräusche, Bilder, räumliche Verschiebungen, alles deutet darauf hin, dass Wahrnehmung selbst ein System ist, das sich verändern lässt. Hier wird Wasser nicht zum eigenständigen Raum mit eigener Logik. Die Arbeit erzeugt eine Erfahrung, die sich nicht in Daten übersetzen lässt und darin ihre Relevanz entfaltet. Die Kuratorin beschreibt es als bewusste Verschiebung der Perspektive: »Wir tauchen in diesem Raum selbst in eine Unterwasserwelt ein und werden Teil davon.«

 

 

Mit Pamela Rosenkranz tritt das Wasser in den Bereich des Körpers. Ihre an Fischhaut erinnernde Arbeit macht Durchlässigkeit zum zentralen Motiv. Osmose wird zur Denkfigur: als kontinuierlicher Austausch zwischen Innen und Außen, zwischen Organismus und Umwelt. Gleichzeitig verweist die Arbeit auf die fundamentale Tatsache, dass menschliche Existenz selbst auf Wasser basiert, dass die Grenze zwischen Körper und Umwelt weniger stabil ist, als sie erscheint.

Diese Durchlässigkeit erhält bei Sonia Leimer eine historische Dimension. Ihre Glasskulptur basiert auf venezianischen Handelsperlen, die im 15. Jahrhundert bis nach Alaska gelangten. Ein Befund, der sich erst durch naturwissenschaftliche Analyse eindeutig rekonstruieren ließ. Hier greifen wissenschaftliche Methode und künstlerische Transformation unmittelbar ineinander. Die Analyse identifiziert Herkunft und Materialität, die künstlerische Arbeit übersetzt diese Information in eine Form, die ihre kulturelle Bedeutung sichtbar macht. Für Sabine Adler liegt darin ihr Interesse: »Wir waren immer schon eine vernetzte und globale Welt und Venedig dabei ein zentraler Ausgangspunkt.« Wasser erscheint in diesem Zusammenhang als Träger globaler Zirkulation, als Medium, das nicht nur Waren, sondern auch Vorstellungen, Werte und Technologien transportiert.

Mit Giorgio Andreotta Calò richtet sich der Blick auf die verborgenen Strukturen der Stadt. Seine Auseinandersetzung mit den sogenannten »Briccole«, jenen Holzpfählen, die die Wasserwege markieren, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Unsichtbare: auf jene Elemente, die das System stabilisieren, ohne selbst im Zentrum zu stehen. Diese Perspektive ist entscheidend. Sie macht deutlich, dass Stabilität immer Ergebnis permanenter Intervention ist und dass jedes System, so robust es erscheinen mag, auf fragilen Grundlagen beruht. Gleichzeitig verweist Adler auf die Gegenwärtigkeit seines Zugriffs: »Giorgio lebt und arbeitet in Venedig und setzt sich gemeinsam mit anderen Akteuren für die kulturelle Wiederbelebung der Insel Sant’Andrea ein und verbindet so ästhetische Reflexion mit einem konkreten Einsatz für die Lagunenstadt.«

Ausstellungsansicht: Shifting Waters, ERES Stiftung, Giorgio Andreotta Calò, Foto: ERES Stiftung, Lukas Kindermann

Mit Sadamasa Motonaga erweitert sich der Horizont um eine Perspektive, die Wasser nicht primär funktional denkt. Seine Arbeiten, geprägt von einem anderen Naturverständnis, entziehen sich westlichen Kategorien von Kontrolle und Nutzung. »Mir war es wichtig, auch aus einem anderen Kulturkreis einen Zugang zu Wasser zu zeigen«, unterstreicht die Kuratorin. Hier wird Wasser als eigenständiges Prinzip erfahrbar, als etwas, das sich nicht vollständig in Systeme integrieren lässt, sondern ihnen immer auch entgleitet.

Den konzeptuellen Rahmen schließt Lawrence Weiner mit seinem Satz: Water finds its own level. Ein physikalisches Gesetz, das sich bei ihm in eine prägnante Metapher übersetzt. Wasser reagiert, passt sich an, findet neue Wege, und zwar unabhängig davon, welche Strukturen der Mensch errichtet. »Wasser findet immer seinen Weg – unabhängig davon, wie der Mensch eingreift«, erklärt Sabine Adler und verweist damit auf das zentrale Moment der Ausstellung: Wasser als dynamisches System, das sich jeder endgültigen Kontrolle entzieht. Zugleich ist Weiners Bezug zu diesem Element nicht nur sprachlich oder konzeptuell, sondern auch biografisch grundiert. Adler erinnert daran, dass Weiner als junger Mann auf einem Öltanker arbeitete und mit seiner Familie zeitweise auf einem Hausboot ohne Elektrizität und fließendes Wasser wohnte. Die Nähe zum Wasser war für ihn konkrete Lebensrealität. In der Fahnenarbeit verdichtet sich diese Erfahrung zu einem Satz, der naturgesetzliche Klarheit mit existenzieller und poetischer Reichweite verbindet.

Ausstellungsansicht: Shifting Waters, ERES Stiftung, Mike Bouchet, Foto: ERES Stiftung, Lukas Kindermann

ÜBER VENEDIG HINAUS

Was die Ausstellung Shifting Waters letztlich auszeichnet, ist, wie hier unterschiedliche Formen von Wissen ineinandergreifen. Kunst erscheint als eigenständiger Modus, in dem sich Zusammenhänge überhaupt erst anders erfassen lassen.

 Diese Offenheit ist bewusst gewählt. Sabine Adler spricht davon, dass es nicht darum gehe, dem Publikum etwas vorzuschreiben, sondern »Angebote zu machen« – unterschiedliche Zugänge, die sich nicht auf eine Perspektive reduzieren lassen. Die Ausstellung funktioniert als Gefüge, das sich erst durch Bewegung im Raum und zwischen den Arbeiten erschließt.

Wasser zirkuliert, verändert Aggregatzustände, überschreitet Grenzen und diese Logik überträgt die Ausstellung auf ihre eigene Struktur. Hinzu kommt ein Aspekt, der oft übersehen wird: die bewusste Maßstäblichkeit der Ausstellung. Die kompakte, beinahe intime Räumlichkeit, auf dem Weg von den Giardini zum Arsenale gelegen, ist kein Defizit: »Man braucht keine großen Ausstellungsräume, um große Denkräume zu öffnen«, formuliert Sabine Adler.

Gerade weil die Ausstellung auf Überfrachtung verzichtet, entsteht eine Form der Konzentration, die es erlaubt, sich auf einzelne Verbindungen einzulassen: zwischen Körper und Umwelt, Material und Bedeutung, lokaler Erfahrung und globaler Verflechtung. Shifting Waters entwickelt eine Form des Denkens, die selbst fluide ist.

 

AUSSTELLUNGSHINWEIS

Shifting Waters
Collateral Event der Biennale Arte 2026
Fondazione ERES, Castello 1228, Ca’ Sarasina, Venedig
9. Mai – 28. Juni 2026
4. September – 1. November 2026
Fr–So, 11:00–18:00 Uhr
Eintritt frei

www.labiennale.org