Zwischen den Wassern in Bad Gastein

Bei der sommer.frische.kunst. wird der Name des Festivals zu einer erstaunlich guten Beschreibung dessen, was einen vor Ort erwartet. Beim Opening Weekend in Bad Gastein bewegten wir uns zwischen Wasserfall und Kraftwerk, Hotelruinen und Thermalquellen, jungen künstlerischen Experimenten und international etablierten Positionen.

 

Bild: Bad Gastein. © Jason Houzer

 

Bis zum 30. August kann man in Bad Gastein erleben, dass zeitgenössische Kunst auf den Ort reagiert, sich an ihm abarbeitet und im besten Fall sogar den Blick auf ihn verändert. Bad Gastein stellt die vertraute Vorstellung von räumlicher Ordnung auf den Kopf. Straßen fallen steil ab. Promenaden ziehen sich quer über die Hänge. Belle-Époque-Fassaden scheinen sich in schwindelerregenden Höhen übereinanderzustapeln. Dazwischen Treppen, Brücken, Terrassen und immer wieder neue Ausblicke. Tief unten rauscht die Gasteiner Ache durch das Zentrum. In drei Stufen stürzt sie insgesamt 341 Meter in die Tiefe. Der Wasserfall ist dabei weit mehr als ein hübsches Motiv für Postkarten und Handyfotos. Sein Tosen liegt über dem Ort wie eine akustische Grundierung. Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Und selbst dort, wo er aus dem Blick verschwindet, bleibt seine Präsenz spürbar.

 


Bild: Eröffnung der Artist-in-Residence-Ausstellung im Kraftwerk im Rahmen von sommer.frische.kunst. 2026. © Hannes Wichmann


Beim Opening Weekend der diesjährigen sommer.frische.kunst. waren wir selbst in Bad Gastein. Selten wirkte ein Festivalname so wenig nach Titel und so sehr nach einem tatsächlichen Programm. „Frisch“ ist zunächst einmal ganz wörtlich gemeint. Bad Gastein liegt auf rund 1.000 Metern Seehöhe. Auch wenn sich die Tage im Juli und August kräftig aufheizen können, fällt die Temperatur nach Sonnenuntergang merklich ab. Historische Klimadaten liegen für die beiden Sommermonate im Durchschnitt bei etwa 15 Grad. Vor allem die Nächte bleiben deutlich kühler als in den aufgeheizten Städten der Ebene. Ein einzelnes meteorologisches Wunder steckt nicht dahinter. Es ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener alpiner Bedingungen. Mit zunehmender Höhe sinkt die Lufttemperatur. Nach Sonnenuntergang geben Felsen, Wälder und unversiegelte Böden ihre Wärme schnell wieder ab. Kalte, schwere Luft fließt von den Berghängen ins Tal. Dazu kommen die hohe Feuchtigkeit, der Sprühnebel und die ständige Luftbewegung rund um Wasserfall und Schlucht. Der Wasserfall ist keine Klimaanlage im technischen Sinn. Aber er funktioniert wie eine lokale Wahrnehmungsmaschine. Er kühlt seine unmittelbare Umgebung, verteilt feine Gischt in der Luft und übertönt für einen Moment das gewohnte Grundrauschen des Alltags.

Wer im Hochsommer beispielsweise aus Wien, München oder Berlin anreist, versteht den alten Begriff der „Sommerfrische“ deshalb ziemlich schnell wieder neu. Oder besser gesagt: Man versteht, was er einmal bezeichnet hat. Es geht nicht um eine Flucht aus der Gegenwart. Es geht um einen Wechsel ihrer Temperatur, ihres Tempos und ihrer Wahrnehmungsbedingungen.


Ein Festival, das seinen Ort ernst nimmt

Die 16. Ausgabe der von Andrea von Goetz geleiteten sommer.frische.kunst. trägt den Titel Between Waters: Zirkulation, Reflexion und Imagination. Zunächst klingt das nach einem weit gefassten Ausstellungsthema, unter dem sich beinahe jede künstlerische Position unterbringen ließe. In Bad Gastein gewinnt der Titel jedoch eine überraschende Deutlichkeit. Wasser ist hier Ressource und Mythos zugleich. Es ist Energiequelle, Heilmittel, Verkehrsweg, Bildträger, Naturgewalt und wirtschaftliche Grundlage. Heiße Quellen steigen aus dem Berg. Die Ache schneidet sich tief durch den Ort. Turbinen übersetzen ihre Bewegung in Elektrizität. Natur und Infrastruktur lassen sich in Bad Gastein kaum voneinander trennen. Sie greifen ineinander, sichtbar und unsichtbar.

Andrea von Goetz’ kuratorischer Ansatz überzeugt, da die Ausstellung die Bedingungen des Fließens untersucht: Kreisläufe, Übergänge und Ablagerungen. Aber auch Fragen nach Erinnerung, Transformation und der Macht über natürliche Ressourcen. Das Zentrum dieses Denkens bildet das historische Kraftwerk in der Wasserfallstraße. Es wurde nicht geglättet, um der Kunst möglichst wenig Widerstand entgegenzusetzen. Im Gegenteil. Die industrielle Architektur, die sichtbaren Spuren früherer Nutzung und die unmittelbare Nähe zum Wasserfall schaffen einen sperrigen, manchmal fast widerspenstigen Raum. Kunst muss auf Maßstab, Lärm, Feuchtigkeit, Materialität und die Geschichte der Energiegewinnung reagieren.

Im Gebäude treffen zwei Ausstellungsebenen aufeinander: die vor Ort entwickelten Arbeiten der acht Artists in Residence und ein internationaler Teil mit Julius von Bismarck, Mischa Leinkauf und Leonor Serrano Rivas.


Das Kraftwerk als Labor

Das Artist-in-Residence-Programm ist das Rückgrat der sommer.frische.kunst. Die eingeladenen Kunstschaffenden kamen bereits am 11. Juni nach Bad Gastein. Über mehrere Wochen hinweg recherchierten, beobachteten und produzierten sie direkt vor Ort. Ihre Arbeiten entstanden aus einer konkreten Begegnung mit der Landschaft, der Architektur und den Geschichten des Ortes.

 

 

Bei A. Stoyke verbindet sich Wasser mit inneren Zuständen. Die in Berlin lebende Künstlerin bewegt sich zwischen abstrakter Zeichnung, Klang und Keramik. Sie interessiert sich für psychische Phänomene, Traumräume und emotionale Prozesse, die sich nur schwer eindeutig darstellen lassen. Für Bad Gastein setzte sie Verlust, Transformation und Akzeptanz in Beziehung zur Bewegung und zur vermeintlichen Heilkraft des Wassers. Dabei versucht sie nicht, das Unbewusste einfach zu illustrieren. Ihre Arbeiten suchen vielmehr nach materiellen Spuren von etwas, das sich sprachlich kaum festhalten lässt.

Anna Wiget, 1983 geboren und in Basel lebend, nähert sich dem Ort aus einer anderen Richtung. Ihre konzeptuelle Praxis ist geprägt von Kosmologie, Mathematik und taoistischen Lehren. Zeichnung, Fotografie, Film und skulpturale Installation dienen ihr als Werkzeuge einer fortlaufenden Untersuchung von Zeit und Maßstab. In Bad Gastein interessiert sie die Ache als eine Art geologisches Schreibinstrument. Das Wasser gräbt Zeit in den Fels. Gleichzeitig übersetzt die Turbine diese Bewegung in einen technisch verwertbaren Rhythmus. Naturzeit, Körperzeit und Maschinenzeit laufen nicht im Gleichschritt. Genau diese Reibung macht Wigets Ansatz so interessant.

Das finnische Kollektiv Tuhmat, bestehend aus Susse Seppälä und Joonas Parviainen, beschäftigt sich seit Langem mit Ritualen, Heilung und thermischen Wasserkulturen. Seine multisensorische Praxis verbindet Installation, Klang und Performance aus einer neurodiversen und queeren Perspektive. Nach Recherchen an heißen Quellen in Island und Italien sowie zur finnischen Saunakultur wird Bad Gastein zum nächsten Kapitel einer global gedachten Geschichte des Badens. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Wellnessästhetik. Im Zentrum steht vielmehr eine politische Frage: Wer hat Zugang zu Erholung, Sicherheit, Körperlichkeit und gemeinschaftlichen Ritualen? Und wer bleibt davon ausgeschlossen?

Corinna C. Wrana versteht Wasser ausdrücklich als Möglichkeit des Empowerments. Ihre präzisen, oft grafisch anmutenden Raumsetzungen verbinden ökologische Themen mit antirassistischen und alltagspolitischen Perspektiven. Landschaft erscheint bei ihr nicht als unschuldiges Gegenüber. Sie ist ein sozial organisierter Raum. Wer verfügt über Wasser? Wer bestimmt, ob Natur als Ressource, Eigentum oder Schutzgebiet gilt? Und wer entscheidet, wie sie genutzt werden darf? Wranas Stärke liegt darin, solche Fragen nicht plakativ in den Raum zu stellen. Sie übersetzt sie in skulpturale Spannungen, die sich nicht mit einer eindeutigen Botschaft auflösen lassen.

Bei der in Kapstadt arbeitenden Gabrielle Kruger wird Malerei im wörtlichen Sinn beweglich. Kruger löst Acrylfarbe vom klassischen Bildträger. Aus dem Material entstehen reliefartige Häute, skulpturale Landschaften und tragbare Arbeiten, die sie als „Wearable Paintings“ bezeichnet. Für Bad Gastein plante sie eine ortsbezogene Verbindung aus Installation und choreografierter Performance. Der Begriff der Landschaft gerät dabei gleich doppelt ins Wanken. Natur erscheint weder als festes Motiv noch als unveränderliche Gegebenheit. Gleichzeitig verlässt die Malerei ihren Rahmen. Sie umhüllt Körper, bewegt sich durch den Raum und nimmt selbst eine beinahe körperliche Präsenz an. Krugers Arbeiten treffen damit jene Reibungszone zwischen Natur und Künstlichkeit, die das Anthropozän prägt.

Mariangela Ciccarello richtet ihren Blick auf Wasser als Schwelle zwischen unterschiedlichen Zeiten und Bewusstseinszuständen. Die italienische Filmemacherin und Künstlerin, deren Arbeiten unter anderem beim Locarno Film Festival und im Harvard Art Museum gezeigt wurden, verbindet in Bad Gastein Wasserfall, Thermalquellen und Bergbaugeschichte zu einer Mehrkanal-Videoinstallation. Ihr Hintergrund in Philosophie und Film ist deutlich spürbar. Landschaft wird bei ihr weder dokumentarisch festgeschrieben noch romantisch überhöht. Sie erscheint als Trägerin von Erinnerungen und Projektionen, aber auch als möglicher Raum einer Kommunikation zwischen verschiedenen Lebensformen.

Mariella Maier arbeitet bevorzugt mit Papier, Naturfasern, Zeichnung und Klang. Dass für die Herstellung von Papier selbst große Mengen Wasser benötigt werden, macht das Material in Bad Gastein zu einem Teil ihres Arguments. Maier untersucht Quellen, Wasserfall und hydroelektrische Infrastruktur als miteinander verbundene Kreislaufsysteme. Ihre Arbeiten versuchen jedoch nicht, diese Systeme mit der scheinbaren Genauigkeit eines technischen Plans abzubilden. Stattdessen übersetzt sie sie in fragile, sinnliche Setzungen. Papier ist bei ihr nicht einfach nur Oberfläche. Es wird zum Speicher kultureller Praktiken, ökologischer Beziehungen und materieller Veränderungen.

Mit Carsten Fock ist schließlich ein Künstler vertreten, dessen langjährige Beschäftigung mit der deutschen Landschaftsmalerei dem alpinen Schauplatz eine kunsthistorische Tiefenschärfe verleiht. Fock begreift Landschaft als politisch und ideologisch aufgeladenes Bildfeld. Seine Arbeit reicht von der Romantik bis zu den Bildpolitiken des geteilten Deutschlands. Bad Gasteins Gleichzeitigkeit aus Schönheit, historischer Grandezza, Brüchigkeit und Veränderung trifft daher auf eine Praxis, die dem schönen Naturbild grundsätzlich misstraut. Wo der Tourismus Landschaft als Versprechen produziert, fragt Fock danach, welche Geschichte in diesem Versprechen bereits enthalten ist. Und ebenso wichtig: welche Geschichte dabei ausgeblendet wird.

Diese acht Ansätze legen Wasser auf unterschiedliche Bedeutungen fest. Es erscheint als psychischer Resonanzraum und geologische Uhr, als rituelles Medium und politische Ressource. Es wird zur malerischen Haut, zur filmischen Schwelle, zur Voraussetzung von Produktion und zur historisch codierten Landschaft.

Im Erdgeschoss des Kraftwerks wird die Residency durch Arbeiten von Julius von Bismarck, Mischa Leinkauf und Leonor Serrano Rivas ergänzt. Die drei etablierten Positionen dienen dabei nicht als prominente Absicherung eines jüngeren Formats. Ihre Werke setzen kunsthistorisch und politisch geschärfte Gegenpole. Gemeinsam verhindern sie, dass Between Waters in einer gefälligen Ästhetik des Wassers endet. Das Wasser im Kraftwerk ist weder blau noch beruhigend. Es ist ein umkämpftes Medium. Ein Medium der Bilder, der Infrastruktur und des Wissens.


Die Messe ist vorbei – ihre Idee wirkt weiter.

Zum Opening Weekend gehörte auch die sechste Ausgabe der art:badgastein. Unter dem Titel ASTORIA curated x art:badgastein bespielte die Messe erstmals das ehemalige Grand Hotel Astoria. Dreizehn internationale Galerien und mehrere Solo Artists präsentierten dort Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Installation. Die Messe lief vom 3. bis 12. Juli und ist inzwischen beendet. Trotzdem gehört sie zur Erzählung dieser Festivalausgabe. Denn sie zeigte beispielhaft, was Bad Gastein dem üblichen Kunstmessebetrieb entgegensetzen kann.

 

 

An die Stelle standardisierter Kojen traten ehemalige Hotelzimmer. Jeder Türrahmen setzte einen neuen Einschnitt. Jeder Flur wurde zum Übergangsraum zwischen privater Intimität, verblasster Grandezza und kommerzieller Öffentlichkeit. Das Astoria funktionierte als eigenes dramaturgisches System. Natürlich blieb die Veranstaltung eine Kunstmesse. Werke wurden angeboten, Kontakte gepflegt und Positionen platziert. Doch der Rundgang entzog sich dem üblichen Zwang, möglichst schnell den Überblick zu gewinnen. Man bewegte sich durch ein Haus, das Erinnerungen gespeichert hat. Die Architektur störte die angebliche Neutralität des Marktes und dadurch wurde die Messe interessanter. Wer jetzt nach Bad Gastein reist, hat diesen temporären Höhepunkt verpasst. Das spricht allerdings nicht gegen einen Besuch. Im Gegenteil. Nach dem Trubel des Opening Weekends lässt sich das verbleibende Festivalprogramm vermutlich ruhiger und konzentrierter sehen.


Jenseits des Kraftwerks

Bis zum 30. August reicht das Programm weit über das historische Kraftwerk hinaus in den Ort hinein. Im Radon Pavillon zeigt Nives Widauer die Ausstellung If the River is dreaming, is it flowing into the past or remembering the future? Ihre sogenannten Flussläufer verbinden den Lauf eines Gewässers mit der Form eines textilen Läufers. Hinzu kommen Arbeiten aus der Serie LEVEL, die historische Klima- und Strömungskarten aufgreifen. Mit Cuore Stretto ist außerdem eine Videoarbeit zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Ozeanographischen Institut der Universität Messina entstand. Sie beschäftigt sich mit akustischer Verschmutzung unter Wasser. Zwei weitere Werke beziehen sich unmittelbar auf die Gasteiner Ache.

Bild: Ausstellungsansicht: Nives Widauer, „If the river is dreaming“, Radon Pavillon, sommer.frische.kunst. 2026. © Hannes Wichmann

 

Im Hotel Miramonte interveniert der mexikanische Künstler Claudio Limón in der Hotelbar. Limón überträgt seine Eindrücke der Bergwelt in kräftige, organische Formen. Ein historisches Tafelbild von Rudolf Eisenmenger verhüllt er mit einem großformatig bemalten Vorhang. Das Verfahren erinnert bewusst an den eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper, der jedes Jahr durch die Arbeit einer zeitgenössischen Künstlerin oder eines zeitgenössischen Künstlers überblendet wird. Auch im Miramonte wird Geschichte nicht entfernt. Sie wird vorübergehend verdeckt, kommentiert und in einen neuen Rahmen gesetzt.

 

Bild: Kunst von Claudio Limón (in Kooperation mit STRAAT) im Hotel Miramonte. © Hannes Wichmann

 

Diese Stationen außerhalb des Kraftwerks machen deutlich, wie die sommer.frische.kunst. grundsätzlich funktioniert. Das Festival entfaltet sich als Bewegung durch einen Ort. Man steigt hinauf und wieder hinunter. Man folgt Promenaden, Treppen und Wasserläufen. Man betritt ein Kraftwerk, einen Pavillon und ein Hotel. Man wechselt zwischen Innen- und Außenräumen, zwischen Kunstbetrachtung und Ortswahrnehmung. Die Topografie übernimmt dabei einen Teil der kuratorischen Arbeit.

Bis zum 30. August bleibt genügend Zeit, sich selbst zwischen die Wasser zu begeben.

sommer.frische.kunst. 2026 – Between Waters
Ausstellungen im Kraftwerk, im Radon Pavillon, im Hotel Miramonte und an weiteren Orten in Bad Gastein
Bis 30. August 2026

www.artbadgastein.com