Eine Momentaufnahme mit Dagmar Fritz-Kramer und Thomas Mandl.

Ein Mann steht zwischen tausenden Stämmen. Er wirkt klein, fast hineingestellt in eine Ordnung, die größer ist als er selbst. Um ihn herum liegt Holz, das einmal Wald war und nun in einem künstlich bewässerten Lager auf seine nächste Bestimmung wartet. Ein Zustand zwischen Vergangenheit, die im Holz gespeichert ist, und Zukunft, die unter wachsendem Zeitdruck neu gedacht werden muss. Wasser sprüht über die Stämme, hält sie feucht, konserviert sie, bewahrt sie vor dem Verfall. Was auf den ersten Blick wie eine ruhige, beinahe landschaftliche Aufnahme erscheint, zeigt bei längerem Hinsehen eine hochkonzentrierte Szene unserer Gegenwart: Natur als Ressource, Ressource als Verantwortung, Verantwortung als offene Frage. 

 


Thomas Mandl, Förster im Nasslager, 2024, Exemplar: 1/4 + 1 A.P., Hahnemühle Matt Fibre, 120 cm x 80 cm, Rahmen: Hainbuche

Thomas Mandls Fotografie »Förster im Nass­lager« entstand als Auftragsarbeit für die Aus­stellung »Civilization: Wie wir heute leben« in der Kunsthalle München und wurde mittlerweile von den Bayerischen Staatsforsten angekauft. Mandl, Fotograf und Künstler aus München, ist bekannt für Projekte, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinandersetzen. Sein Pro­jekt One World Flag entstand beispielsweise aus der Idee eines gemeinsamen Symbols für die Menschheit und kreist um globale Verbunden­heit, Verantwortung und die Frage, wie sich Bilder in kollektives Bewusstsein einschreiben können. Auch in seinem Sujet vom Nasslager geht es nicht nur um Dokumentation. Es geht um einen Zu­stand. »Spannend war für mich die Annäherung an ein mir unbekanntes Motiv«, sagt Mandl. Er hat bisher nur wenige Auftragsarbeiten angenom­men, doch hier sei die Herausforderung gerade darin gelegen, ein Thema so darzustellen, »dass es würdig ist, in dieser Ausstellung zu hängen«. Drei Besuche hat es an Ort und Stelle gebraucht, bis das würdige Bild entstand. Das Nasslager war als Motiv vorgegeben. Was Mandl daraus mach­te, ist keine Bestandsaufnahme. Er wählte nicht irgendeinen Ort, sondern jenes Lager, in dem zur damaligen Zeit besonders viele Stämme lagen. Er wollte die Dimension sichtbar machen. Deshalb steht der Förster im Bild. »Ohne den Förster er­kennt man gar nicht, wie groß und wie hoch dieses Lager ist«, erklärt Mandl. Der Mensch ist Maßstab und vielleicht auch Mahnung.

 


Baufritz CEO Dagmar Fritz-Kramer und Fotograf Thomas Mandl im firmeneigenen Forst von Baufritz: Trotz der ernsten Lage blieb beim Fotoshooting Raum für Humor. Foto: Wolf Jaiser

Dagmar Fritz-Kramer sieht auf dieses Bild mit einem anderen Blick. Als Geschäftsführerin und Eigentümerin von Baufritz, einem in vierter Generation geführten Familienunternehmen und Pionier des ökologischen Holzbaus, erkennt sie sofort, was sich hinter der ästhetischen Oberflä­che verbirgt. »Für mich ergeben sich zwei Emo­tionen«, sagt sie. Einerseits sieht sie das Nass­lager als Zeichen einer verletzten Waldrealität. »Man sieht natürlich: Auch dieses Lager steht in so einem ganz klassischen Monokultur-Fichten­wald.« Solche Wälder seien besonders gefährdet, den Klimawandel nicht zu überstehen. Anderer­seits erkennt sie in den Stämmen gespeicherten Wert. »In jedem Fichtenstamm stecken Tonnen CO2, die über 60 oder 80 Jahre eingespeichert wurden. Das ist für mich ein enormes Potenzial.« Dieses Holz darf »keinesfalls in die thermische Verwertung gehen«, sondern muss »wertig einge­setzt« werden. In dieser Spannung liegt die Kraft des Bildes. Es zeigt weder Wald noch Architektur, aber einen Zwischenzustand. Holz, das aus einer Krise kommt und noch nicht in eine neue Form überführt wurde. Thomas Mandl erfuhr vor Ort von den Förstern, dass ein großer Teil des Holzes durch extremen Schneefall angefallen war. Ein Wetter­ereignis, ein Bruch, eine plötzliche Masse an Material. »Wenn man sich den Klimawandel anschaut, ist das natürlich spannend«, sagt der Fotograf, »weil diese ex­tremen Wetterlagen immer mehr zunehmen werden.«

Die Ausstellung Civilization: The Way We Live Now wurde 2025 in der Kunsthalle München gezeigt als Teil eines internationalen Ausstellungsprojekts, das zuvor unter anderem in London, Seoul oder Melbourne Sta­tion machte und über 200 fotografische Arbeiten von mehr als 100 Künstler:innen erstmals in dieser Dichte nach Deutschland brachte. In München wurde explizit die Frage »Wie wir heute leben« ins Zentrum gestellt. Dabei ging es weniger um eine lineare Erzählung als um eine visuelle Darstellung globaler Zustände: Pro­duktion, Konsum, Mobilität, Technologie, Umwelt und soziale Dynamiken wurden als miteinander verflochtene Systeme sichtbar gemacht – als ein komplexes Gefüge, in dem Fortschritt und Krise untrennbar ineinandergrei­fen. Zwischen Motiven wie Pipelines, Container, Plastik, Fleischproduktion und Wasser fiel der Blick in den Aus­stellungsräumen auf ein Nasslager bei Wasserburg, nur einen Steinwurf von München entfernt. Gerade das hat die Aufnahme in der Ausstellung so stark gemacht, sagt Mandl. »Auf einmal kam diese lokale Ebene rein. Die Absurdität unseres Umgangs mit Ressourcen ist nicht nur auf anderen Kontinenten sichtbar. Wir sehen sie quasi im eigenen Garten.« Und doch hat das Bild auf das Publikum zunächst beruhigend gewirkt. »Viele haben gesagt, es sei fast heilsam für die Augen gewe­sen«, erinnert sich Mandl. Man sieht zwar viel »Natur«, doch auch die fotografische Ambivalenz: »Natur würde ich in Anführungszeichen setzen, weil dieser Wald und dieses Holz alles andere als natürlich sind. Es ist ein Wirtschaftsforst und kein natürlicher Wald.«

 

 

Fritz-Kramer knüpft daran an und verschiebt den Blick vom Ausstellungskontext in die Bauwirtschaft. »Wir haben im Bau eine riesige Herausforderung«, sagt sie. Die Branche verbraucht enorme Ressourcen, produziert gewaltige Abfallmengen und muss sich grundlegend wandeln. »Wir müssen viel deutlicher überlegen, mit welchen Ressourcen wir zukünftig Wohnen zur Verfü­gung stellen wollen.« Für sie ist Holz kein Freibrief. Dass Holz nachwächst, bedeutet nicht, dass es unbegrenzt verfügbar ist. »So dürfen wir in Zukunft nicht weiter­machen«, sagt sie mit Blick auf die Fichten-Monokul­turen, die nach dem Krieg als »Brot-und Butterbaum« in großen Mengen gepflanzt wurden. Damals brauchte man schnell Bauholz. Heute steht dieses System unter Druck, »weil eine Fichte unterhalb von 600 Metern keine Überlebenschance mehr hat«. Der Holzbau der Zukunft, so Fritz-Kramer, muss effizienter, kreislauffähiger und materialbewusster werden. Baufritz arbeitet seit Jahr­zehnten mit ökologischen Baustoffen, etwa mit einer aus Holzspänen entwickelten Dämmung, die Cradle-to-Cradle-zertifiziert ist. Doch die Unternehmerin vermeidet jede Selbstberuhigung. »Das sind Ansätze, die wir als Bauende noch nicht voll leben können, auch nicht in allen Materialien.« Glas und andere Baustoffe sind noch nicht in gleichem Maß kreislauffähig. Gerade deshalb ist die Richtung entscheidend: »Diesen Weg müssen wir im Bau massiv entwickeln und verfolgen, damit unsere Natur nicht mehr so sehr leidet, wenn wir neue Häuser bauen.«

Das Nasslager steht dabei für eine paradoxe Technik der Rettung. Holz wird künstlich bewässert, um natürlich zu bleiben. »Das Wichtige, um es recyceln zu können, ist, dass das Holz möglichst natürlich bleibt«, sagt Fritz-Kra­mer. Ohne Nasslagerung müsste man unter Umständen mit chemischem Holzschutz arbeiten. Das aber würde die spätere Wiederverwertbarkeit massiv erschweren. »Am liebsten wäre mir natürlich, wir müssten überhaupt nicht zwischenlagern, sondern das Holz könnte ›just in time‹ ins Gebäude gehen.« Doch die Realität ist eine an­dere: Starkwetterereignisse, Schädlinge, Schneebruch, Sturm. Holz fällt plötzlich in Mengen an, die der Markt nicht unmittelbar aufnehmen kann. Mandls Fotogra­fie zeigt diesen Moment, in dem eine Kette ins Stocken gerät. Der Wald ist beschädigt, der Baum gefällt, der Rohstoff gesichert, die Zukunft noch offen. Der Mensch steht dazwischen. Klein, aber nicht bedeutungslos. »Ich wollte es wirklich natürlich halten«, sagt Mandl über den Förster im Bild. Er hat ihm nicht vorgeschrieben, was er tun soll. Der Förster ging zwischen den Stäm­men umher, betrachtete sie, machte selbst Fotos. Und Mandl wartete auf jenen Augenblick, in dem beide Seiten des Nasslagers gleichzeitig bewässert wurden. »Diese paar Minuten wollte ich abpassen, sodass man mög­lichst gut sieht, wie viel Wasser das ist.« Wasser und Holz sollten im Bild gleichwertig erscheinen. »Ich habe versucht, dem Holz und dem Wasser eine Ebenbürtig­keit zu geben«, sagt Mandl. Dadurch wird das Bild nicht nur zu einer Fotografie über Forstwirtschaft, sondern zu einer über Abhängigkeiten. Holz braucht Wasser, Wald braucht Klima, Architektur braucht Material, Zivilisation braucht Maß.

Für Dagmar Fritz-Kramer ist diese Maßfrage längst konkret. Sie spricht vom Klimawald, von Mischwald, von tiefer wurzelnden Baumarten, von Laubholz, Birke und Pappel. »Wenn wir lange Trockenphasen haben, brauchen wir Bäume, die tiefer wurzeln.« Ein gemischter Wald schaffe ein anderes Mikroklima, mehr Resilienz, mehr Widerstandskraft gegen Sturm, Käfer und Tro­ckenheit. Auch die Bauwirtschaft muss darauf reagie­ren. »Man wird sich mit anderen Hölzern beschäftigen müssen.« Bei Baufritz wird bereits mit Birke und Pappel experimentiert, unter anderem in einer ressourceneffi­zienten Mikrosiedlung »THE LAB« und in Kooperation mit Forschungspartnern. Das Wissen dafür ist nicht neu, sagt Fritz-Kramer. Es ist eher vergessen worden. »Mein Urgroßvater hat noch mit anderen Holzarten gebaut.« Das Bild wird damit zum Spiegel einer Branche, die sich erinnern muss. Holzbau ist nicht automatisch nachhaltig. Er wird es erst dort, wo Wald, Material, Konstruktion, Nutzung und Kreislauf zusammengedacht werden. »Wir befinden uns im Kontext mit der Natur definitiv in einer Krisensituation«, sagt sie. »Die 1,5 Grad Erwärmung sind im Wald längst angekommen.« Es geht nicht mehr nur um Kälte im Winter, sondern zunehmend um Hitze im Sommer, um veränderte Lebensräume, um die Frage, wie Menschen in einer Umwelt bauen und wohnen, die selbst unter Druck steht.

Thomas Mandl versteht seine Fotografie in diesem Zusammenhang weniger als Intervention denn als Be­obachtung. »Mir war wichtig, das Motiv als Status quo einzufangen.« Er wollte nichts dramatisieren, nichts künstlich verstärken. Gerade diese Zurückhaltung macht das Bild wirksam. »Ich habe versucht, viele offene Fra­gen zu lassen«, sagt er. »Ist es nachhaltig? Ist es so, wie wir in Zukunft leben wollen? Was ist daran schuld?« Und doch ist diese Beobachtung nicht emotionslos. Der verhängte Himmel, das diffuse Licht, die Sprühnebel des Wassers, die endlose Wiederholung der Stämme: Alles daran erzeugt Stimmung. Mandl sagt, er habe sich emotional auf das Thema eingelassen. Ihn beschäftige »extrem die Frage, wie wir mit unserem Planeten um­gehen und wie wir ihn künftigen Generationen hinter­lassen wollen«. Diese Frage verbindet das Nasslager mit seinem Projekt One World Flag, das etwa derselben Sehnsucht nach einem globalen Bewusstsein entspringt: »Wir müssen zusammenhalten und gemeinsam Lösun­gen entwickeln.«

Fritz-Kramer sieht im Bild auch eine Atmosphäre unserer Gegenwart: »So sieht Klimawandel aus.« Nicht als abstrakte Kurve oder ferne Katastrophe, sondern als Holzpolter im bayerischen Wald. Als Material, das geret­tet werden, als Wald, der umgebaut werden muss und als Gesellschaft, die noch immer zu langsam reagiert. »Wir stehen an dem Punkt, wo wir reagieren müssen. Wir stehen vor der größten Herausforderung der Mensch­heitsgeschichte.« Gleichzeitig warnt sie vor reiner Pro­blemrhetorik. »Wenn wir nur das Problem beschreiben, ohne die Lösung zu zeigen, erzeugen wir nur weiterhin Frust.« Es braucht gute Projekte, sichtbare Beispiele, eine Vorwärtsbewegung. Ein Schritt in diese Richtung ist sicher auch dieser Dialog. Er öffnet einen Denkraum, in dem ein Künstler und eine Unternehmerin über das­selbe Bild sprechen und doch Unterschiedliches sehen. Mandl sieht Komposition, Maßstab, Realität, offene Fra­gen, den Moment zwischen Dokumentation und Bewusst­sein. Fritz-Kramer sieht Rohstoff, Waldumbau, Bauwende, Verantwortung. Beide Perspektiven vertiefen einander.

Am Ende wünscht sich der Künstler, dass sein Bild weiterwandert. »Es wäre spannend, noch einmal so einen Aspekt aus Deutschland in einer internationalen Ausstellung zu sehen.« Denn Klimawandel ist kein na­tionales Problem. New York, Mumbai, das Ahrtal, Bayern: Unterschiedliche Orte, dieselbe Verletzlichkeit. »Man ist nirgends davor sicher, dass der Klimawandel konkrete Auswirkungen auf einen selbst hat.« Dagmar Fritz-Kra­mer denkt noch einen Schritt weiter. Nach einer Aus­stellung wie Civilization: The Way We Live Now würde sie sich eine Anschlussausstellung wünschen über Überle­bensstrategien, über Antworten, über das, was nach der Diagnose kommt. Denn wenn Mandls Bild eines zeigt, dann nicht nur die Beschädigung eines Waldes. Es zeigt einen Auftrag: Holz, das einmal Wald war, liegt dort nicht als Ende, sondern als Frage. Was machen wir daraus? Die Antwort wird nicht allein im Wald liegen und nicht allein in der Bauwirtschaft und Architektur. Sie wird dort entstehen, wo Bilder, Materialien, Forschung, Wirtschaft und kulturelles Bewusstsein einander nicht länger aus­weichen. Der Förster steht klein zwischen den Stämmen. Aber er steht dort. Und mit diesem Maßstab beginnt für uns Menschen die Verantwortung: den eigenen Platz im Verhältnis zum Ganzen wieder zu erkennen.

»Zwischen zwei Fotostativen spannt sich ein schimmernder transparenter Vorhang wie ein letzter Schleier der Romantik durch den Fichtenwald. Das Licht bricht sich märchenhaft in der künstlichen Membran – und verdeckt doch nur für einen Moment die Wahrheit: Hinter der ästhetischen Inszenierung steht die fragile Monokultur eines Waldes, dessen Gleichförmigkeit längst zur Verwundbarkeit geworden ist.«
Thomas Mandl