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„Bei der Alchemie geht es nicht um die Herstellung von Gold: Der wahre Alchemist interessiert sich nicht für materielle Dinge, sondern für die Transmutation, für die Wandlung des Geistes.“¹
(Anselm Kiefer)

Schwer tragen sie am Gewicht der Welt, jene weiblichen, zu Steinsäulen verwandelten Frauenkörper, die als Fassadenschmuck die Architektur klassizistischer Gebäude zieren, oft vergoldet, wie im Wiener Musikverein, wo sie mit ihren glänzenden nackten Brüsten in stoischer Ruhe die Blicke Bewunderer wie Skeptiker auf sich ziehen und im wahrsten Sinne des Wortes ertragen. Transformiert in ein Gestaltungsobjekt der Architektur ist dies adäquat, nicht frivol. Wir empfinden es als ästhetisch in der Bedeutung des griechischen Wortes Aisthesis (griechisch αἴσθησις) verweist es doch auf die Fülle von Sinneswahrnehmungen durch den Körper, wie es uns von der Kunst als Universalvermögen nach traditioneller Auffassung abverlangt wird, das Schöne in seiner Totalität zu erfassen und gehört schlicht in den Bereich unserer Wahrnehmungen. Zu diesen zählt nach Platon im Dialog Theaitos, in dem es eigentlich um die Natur des Wissens geht, wofür in erster Linie die sinnliche Wahrnehmung Voraussetzung ist, die optische Wahrnehmung, Gehör, Geruch, Erwärmung und Erkältung, aber auch Lust und Unlust, Begierden und Abscheu. Interessant ist vor allem Letzteres, weil es die menschliche Ambivalenz zum Ausdruck bringt, Grund genug, die nötige Balance dafür zu finden, ein glückliches – besser ein geglücktes – Leben zu führen, das Ausgeglichenheit und ἀταραξία (ataraxia), d.h. Gelassenheit zum Ziel hat, Seelenruhe, die anzustreben ein Ziel der Philosophie ist und nach Epikur das höchste Ziel (télos oder summum bonum) des menschlichen Daseins.
Heute bleibt die Skepsis, ob dies tatsächlich „das Glück“ unseres Lebens sein kann, wo doch alles dazu drängt, uns mehr und mehr zu affizieren, also das Gegenteil davon: uns in Unruhe und Spannung zu versetzen, einer Spannung, die stets nach einem „mehr“ dürstet. Der Unterschied zum heutigen Zugang ist, daß wir eher das Abenteuer suchen und darin scheiden sich die Geister; denn viele ziehen sich in „spirituelle Welten“ zurück, um zu „meditieren“, zu sich selbst zu finden, ohne zu wissen, was sie eigentlich suchen und was „das Selbst“ ist. Auch darin steckt Unzufriedenheit, denn das Denken ganz abzuschalten gelingt Wenigen. Wir sind immer auf eine Zukunft hin unterwegs, planen, legen Strategien fest, arbeiten geistig an einem Plan B, weil der erste offenbar nicht zum gewünschten Ziel führt, aber es fehlt an Konzepten, Perspektiven und dem Mut zur Veränderung.
Rainer Maria Rilke’s Sonett über den Archaïschen Torso Apollos von 1908 endet mit den Worten »Du mußt dein Leben ändern«. Aber der Satz davor geht wesentlich tiefer: »denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht«. Dahinter steckt wohl der weibliche Blick Pythias, der berühmten Seherin Delphis, die uns mit ihren prophetischen Augen mißt und Mäßigung einmahnt.
Das Orakel von Delphi wartete mit lehrreichen Sprüchen wie Gnothi seauton („erkenne dich selbst“) als Leitgedanken auf, Ratschläge, über unsere Ziele im Leben zu reflektieren und einen Sinn in unserem Tun zu finden.
Dieser Weg war und ist selten ein gerader. Wir mäandern stattdessen durch unser Leben, zögern, bleiben mitten auf dem Weg stehen, wie Sokrates, wenn ihm ein zündender Gedanke kam oder fallen in eine Grube, wie Thales von Milet und werden dafür mit Spott und Hohn bedacht, wie der griechische Denker von einer thrakischen Magd. Sie hatte zwar durchwegs recht, ihm vorzuhalten, daß er einerseits wissen wolle, was am Himmel vorgehe, aber nicht sieht, was direkt vor seinen Füßen liegt. Aber darauf kommt es ihm nicht an. Er hatte andere Perspektiven.
Wissen war immer gefährlich, weil es schon immer mit Macht zu tun hatte, auch ein Weg, diese Macht zu korrumpieren. Frauen waren vom Wissen in der Antike ausgeschlossen und bezahlten ihre Gelehrsamkeit mit ihrem Leben, wie Hypatia von Alexandria (ca. 355–415 n. Chr.), die als Tochter des Mathematikers Theon eine fundierte Ausbildung erhielt.
Als anerkannte Philosophin kommentierte sie Werke von Diophant und Apollonius und als Astronomin entwickelte sie wissenschaftliche Instrumente wie das sogenannte Astrolabium (griechisch astrolábos, „Stern-Nehmer“), eines der wichtigsten astronomischen Messinstrumente der Antike und des Mittelalters. Es war ein mechanisches Instrument der Himmelsbeobachtung in Form einer Scheibe, das der Messung der Höhe von Gestirnen über dem Horizont diente. Man kann sagen, eine Art analoger Computer, um Sternkarten und Modelle des Himmelsgewölbes zu erstellen.
Als Philosophin, Astronomin und Lehrerin am berühmten Museion in Alexandria, war sie auch Verfechterin radikaler und sehr fortschrittlicher Ideen der dort gelehrten neuplatonischen Schule, mit kynischem Gedankengut fermentiert – entgegen der herrschenden Meinung. Lehren nichtchristlicher Tradition zu verbreiten, war mutig und Hypathia gehörte in Alexandrien damit einer Minderheit paganer Intellektueller an. Sie war eine Koryphäe ihrer Zeit, bevor sie 415 n. Chr. brutal von einem christlichen Mob, bestehend aus Laienbrüder und Mönchen (den sogenannten Parabolani, vergleichbar mit den späteren SA-Banden) in eine Kirche gezerrt und grausam ermordet wurde. Sie haben ihr bei lebendigem Leib solange mit Muscheln das Fleisch vom Körper gerissen, bis sie den unglaublichen Schmerzen erlag. So tief saß der Hass gegen eine gelehrte Frau bei den „Brüdern der Nächstenliebe“.
Die Kyniker (griech. kyon = Hund) waren eine antike philosophische Strömung, die im 4. Jh. v. Chr. entstand. Ihr Kerngedanke war zunächst ein konsequentes, naturnahes Leben, das auf materielle Güter, gesellschaftliche Konventionen und Status verzichtete. Ihr Ziel war die Autarkie (vollkommene gesellschaftliche wie persönliche Unabhängigkeit) und das Erreichen des „wahrem Glücks“ (Eudaimonie) durch Tugend, Einfachheit und Askese, verbunden mit der Ablehnung von Reichtum, Luxus und Komfort. Ihre spitze Zunge war ihr Schwert und Provokation ihr Instrument. Einer der bekanntesten Kyniker war Diogenes, der in einer Tonne lebte und durch seine zur Schau gestellte Bedürfnislosigkeit nach maximaler Unabhängigkeit trachtete. Tugend (Arete) war das einzige, was dem Kyniker für ein gutes Leben wichtig war und Ziel, das Glück im Verzicht zu finden. Diogenes masturbierte öffentlich am Marktplatz, der Agora, um zu zeigen, daß er über kulturellen Normen der guten Sitte stand und daß er von der Gunst der Frauen unabhängig war.
Wenn wir von berühmten Frauengestalten der Antike sprechen, muß auch Hipparchia von Maroneia (um 340 v. Chr. geboren) erwähnt werden. Die Thrakierin war als Philosophin Anhängerin der Kyniker. Sie wurde durch ihren Bruder, Metrokles, einem kynischen Philosophen zum Selberdenken inspiriert. Ihre relativ begüterte Familie zog vom entlegenen Maroneia, einer abgelegenen Provinz in Thrakien in die Hauptstadt Athen. Dort kam die aufgeweckte Hipparchia rasch in Kontakt mit der dortigen Philosophenschule und lernte den berühmt-berüchtigen Kyniker Krates von Theben kennen, in den sie sich unsterblich verliebte. Sie nahm zum Leidwesen der Eltern bald den kynischen Lebensstil an und kämpfte mutig als frühe „Emanze“ für das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung und Bildung.
Der Frauenhasser Augustinus von Hippo behauptet, sie hätte mit Krates, den sie, eine vornehme junge Dame aus gutem Haus gegen den Willen ihrer Eltern zum Mann erwählte, den Geschlechtsverkehr sogar in der Öffentlichkeit vollzogen, da beide der Ansicht gewesen seien, dass Konventionen und öffentliche Meinung für persönliches Handeln ohne Bedeutung sei und es mithin keinen Unterschied mache, ob eine solche Handlung privat oder in der Öffentlichkeit ausgeführt werde. Sie bestand also darauf, Krates, der Konventionen mißachtete, zu heiraten, selbst als er sie der Prüfung unterzog, ob sie das auch ernst meine. Der Überlieferung von Zenon, dem Gründer der Stoa, nach führe er sie zur Säulenhalle der Agora, einem sehr bevölkerten Ort, zog sich auf der Stelle vor ihr aus und warf ihr sein ganzes Hab und Gut das er an einen Stock gebunden auf dem Rücken mit sich führte, mit den Worten zu Füßen: „Das ist mein Hausrat und wie schön ich bin, hast du gesehen. Also überleg es dir gut, damit du nicht nachträglich Grund hast, dich zu beklagen“. Aber sie willigte mit den Worten ein: „Ich könnte auf der ganzen Welt keinen reicheren, keinen schöneren Gatten finden; du kannst mich führen, wohin du willst.“ Zenon, sein Freund hätte noch gerade so viel Zeit gehabt, schnell seinen Mantel über die beiden zu werfen, um sie vor den Blicken der ringsum Gaffenden zu beschützen.
Neben der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse bestehen auch solche, welche spiritueller Natur. Es bleibt allerdings die Frage, ob spirituelle Interessen, Wünsche oder Sehnsüchte nicht auch materielle Grundlagen haben. Die Bibliotheca Marciana in Venedig beherbergt eine Handschrift aus dem 10. oder 11. Jahrhundert, welche den Titel Chrysopoeia (Goldmacherei) trägt. Der Text weist Cleopatra als Urheberin des Textes aus. Sie war eine ägyptische, spätantike Alchemistin aus Alexandria, die als eine der ersten dem „Stein der Weisen“ auf der Spur war und es ging darin um nichts geringeres als Gold zu machen, um Transformation eines unedlen Metalles in ein edles. In der Handschrift finden sich mystisch-philosophische Gedanken, vermischt mit Abbildungen sonderbarer Geräte, den sogenannten Alembic oder Destillierhelm, vor allem zum Zweck der Herstellung ätherischer Öle, wofür schon die alten Ägypter berühmt waren, nicht nur, weil ihnen damit die Mumifizierung gelang, mit dem Ziel der Erhaltung der menschlichen Identität über den Tod hinaus.
In diesem Text findet sich auch das Bild einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, Ouroborus genannt (vom altgriechischen Οὐροβόρος ‚Selbstverzehrer‘, abgeleitet, wörtlich „Schwanzverzehrender“; von griechisch οὐρά ourá, deutsch ‚Schwanz‘, und bóros ‚verzehrend‘). Diese Schlange bildet mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis und wird somit zum Symbol der Ewigkeit und Unendlichkeit. In dieser Geschlossenheit liegt zugleich die Idee der Autarkie, der Unabhängigkeit von anderen. „Ein Ouroboros braucht keine Wahrnehmung, da außerhalb seiner nichts existiert; keine Ernährung, da seine Nahrung die eigenen Ausscheidungen sind, und er bedarf keiner Fortbewegungsorgane, da außerhalb seiner kein Ort ist, zu dem er sich begeben könnte. Er kreist in und um sich selbst und bildet dabei den Kreis als vollkommenste aller Formen.“ Er ist ein Gleichnis für den sich immer wiederholt ablaufenden Wandlungsprozesses der Materie, welche durch Erhitzen, Destillierung, Verdampfung und Kondensation schließlich zu einer Verfeinerung derselben führen soll, und dieser Wandlungsprozess wird als Sublimation gedacht, Ersetzung eines Zustandes in einen anderen.
Das Ziel der Alchemisten war die Utopie der Perfektion, ein Zustand von dem sich die Menschheit immer mehr entfernt, weil diese ein künstliches Ideal ist, das nie verwirklichbar ist. Wir müssen daher unsere Unvollkommenheit ertragen lernen und uns mit ihr arrangieren.
STEFAN HAMMERL
¹ Das Zitat stammt aus dem Dokumentarfilm „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (Originaltitel: Anselm) von Regisseur Wim Wenders von 2023.
² Er propagierte die Enthaltsamkeit und sah Geschlechtsverkehr in der Ehe nur zur Fortpflanzung als legitim an. Er sah in der sexuellen Begierde eine Folge des Sündenfalls. Das Lustempfinden selbst wurde als sündhaft eingestuft, da es den Verstand vernebele und den Menschen von Gott ablenke.
³ Der Quelltext findet sich in seinem Werk De civitate Dei (Der Gottesstaat), Buch XIV, Kapitel 20, wo er Hipparchia als Negativbeispiel für den kynischen Sittenverfall und deren kynischen Grundsatz der anaideia (Schamlosigkeit) anprangert.
⁴ Nicht zu verwechseln mit Kleopatra VII., der Pharaonin, die mehrere Jahrhunderte vorher herrschte. Kleopatra VII. (69–30 v. Chr.) war die letzte aktive Pharaonin des Ptolemäerreiches in Ägypten. Trotz ihrer griechisch-makedonischen Herkunft war sie die Einzige ihrer Dynastie, die Ägyptisch sprach. Als politisch geschickte Herrscherin festigte sie ihre Macht durch Allianzen mit römischen Führern wie Julius Cäsar und Marcus Antonius, bevor sie nach ihrer Niederlage gegen Octavian (später Augustus) Suizid beging.
⁵ Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Ouroboros
⁶ Es gibt dazu eine erstaunliche Parallele aus dem Norden: die Midgardschlange. Sie ist in der nordischen Mythologie auch als Jörmungandr (altnordisch Jǫrmungandr, „Riesiges Monster“ oder „Weltumgürter“) bekannt, eines der mächtigsten Wesen der germanischen Mythologie. Sie verkörpert Zerstörung, aber auch die unendliche Grenze der Menschenwelt. Nach der Vorstellung der Kelten warf Odin die Schlange aus Angst vor der Prophezeiung ihres Zerstörungspotenzials in den Ozean, der Midgard (die Welt der Menschen) umgibt. Dort wuchs sie so enorm heran, dass sie die gesamte Erde umschließt und sich selbst in den Schwanz beißt.
Infos zur Ausstellung:
KIEFER. Le Alchimiste.
Mailand, Palazzo Reale – Sala delle Cariatidi
Bis 27. September 2026