- Regulärer Preis
- €19,99
- Angebotspreis
- €19,99
- Regulärer Preis
- €19,99
- Stückpreis
- pro
Um die Relevanz des fotografischen Bildes in seinen Ansätzen ermessen zu können ist es grundlegend sich bewusst zu machen, dass Bilder vor dem 19. Jahrhundert ausschließlich in Form von Malerei und Zeichnung existierten. Selbst das gedruckte Bild entsprang als Grafik der menschlichen Hand. Die Geburtsstunde des technischen Bildes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts revolutionierte unsere Kultur nachhaltig.
Visuelle Darstellungen prägen seither unsere Wahrnehmung, sie beeinflussen uns stärker als Textformate. "Es dämmert die Einsicht, dass Bilder nicht das sind, wofür sie viele immer noch halten – etwas Nachträgliches, das man, letztlich folgenlos wie Spiegel, an der Realität vorbeiführt –, sondern eine Macht, imstande, unsere Zugänge zur Welt vorzuentwerfen und damit zu entscheiden, wie wir sie sehen, schließlich: was die Welt 'ist'“ schreibt der Bildwissenschaftler Gottfried Boehm 2007.
Der Macht der Bilder, insbesondere der Macht fotografischer Bilder, widmet sich die 9. Ausgabe der seit 1991 in Hamburg stattfindenden Triennale der Photographie. Vom 5. Juni bis 22. September zeigen acht Institutionen und zahlreiche Satelliten-Ausstellungen ein breites Spektrum internationaler künstlerischer Positionen. Statt das Medium der Fotografie jedoch auf ihren dokumentarischen Charakter oder – naheliegenderweise – auf ihr manipulatives Potential zu befragen, das durch zunehmend KI-generierte Bilder Brisanz hat, richtet das Festival den Blick auf Fotografie als Utopie. Das Bild wird zum Ort, an dem Stereotype aufgebrochen werden. Den „Verspannungen unserer Gegenwart“ hält die Triennale vielfältige Konzepte eines zugewandten Blicks, eines würdigen und solidarischen Miteinanders entgegen.
Das Dreigestirn „Alliance, Infinity, Love“ (Verbundenheit, Unendlichkeit, Liebe) bildet das kuratorische Koordinatensystem, das der künstlerische Leiter Marc Sealy entworfen hat. Damit hat er große Ziele gesteckt die er historisch begründet. Ausgangspunkt des inhaltlichen Konzepts ist eine Zeile aus dem Song „Nature Boy“ von Nat King Cole. „The greatest thing you ever learn is just to love and to be loved in return“ (in etwa: Das Schönste, was man im Leben lernen kann, ist, zu lieben und zurückgeliebt zu werden) sang dieser 1948 in einer Zeit des Umbruchs. Der Zweite Weltkrieg war gerade erst vorüber, die Allgemeine Erklärung für Menschenrechte wurde beschlossen, in Südafrika die Apartheid etabliert, in Deutschland hatte man mit der Berliner Blockade zu tun. Neue Rechte für die Menschen und neue Grenzen entstanden quasi Hand in Hand. In diesem Klima historischen Wandels landeten Nat King Cole als afroamerkianischer Jazzsänger und der weiße Eden Ahbez, der für die Lyrics verantwortlich zeichnete, einen riesen Hit – mit einem Song, der die sozialen Grenzen überwand.
Die Zeiten seien gerade ähnlich extrem, gibt Marc Sealy in einem Interview zu Protokoll: „Corona-Pandemie, Krieg in Europa, Krieg im Nahen Osten, es gibt eine ganz neue Konstellation der Angst. Ich wünsche mir für uns so etwas wie diesen Song. Und da kommt die Fotografie ins Spiel, denn sie ist die Einladung, uns auf Dinge einzulassen, die uns fremd sind. Sie ermutigt uns, Unterschiede zu akzeptieren, »just to love«, ohne Bedingungen, »and be loved in return«. Es geht nicht um Schmetterlinge im Bauch, sondern um Liebe als die bewusste Entscheidung, füreinander einzustehen.“
Das fotografische Bild als Mittel der Annäherung? Folgt man Sealys Argumentation, dann kann Fotografie die Welt verbessern. Mit diesem Glauben in die Kraft der Kunst ist er nicht allein. Die Literaturwissenschaftlerin bell hooks diagnostiziert den Künsten das Potenzial, ja die Aufgabe, das Mögliche zu imaginieren. Und damit eine bessere Welt zu denken.
https://2026.phototriennale.de/
Highlights:
Die Asche der Bilder
Im Kunsthaus Hamburg spürt Melike Kara der Essenz des fotografischen Bildes nach. Die Künstlerin mit kurdischen Wurzeln verbrannte ihr Archiv, in dem sie in Fotografien der kurdischen Kultur nachspürte. Die Asche speiste sie in Wasserbecken ein, die sich in der Ausstellung zu einem Garten verdichten. Leises Plätschern durchzieht den Raum, die Wände sind mit einem Fries aus Kaffeesatz eingefärbt – eine Referenz auf die Kunst des Kaffeesatz-Lesens und der in ihr liegende Blick Richtung Zukunft.
Installationsansicht Melike Kara, Whispers, Kunsthaus Hamburg 2026 Foto Jaewon Kim
Karas fotografische Bilder entziehen sich der Fixierung, sie existieren nur noch als Spuren ihrer selbst und formulieren über das Motiv des Gartens zugleich auf poetische Weise die Idee des Wandels. Erinnerung, Zugehörigkeit und Transformation verwebt sie zu einem Geflecht leiser und doch ausdrucksvoller Bilder.
https://2026.phototriennale.de/ausstellungen/melike-kara-whispers/
Die Kunst Grenzziehungen aufzulösen
Positive und beklemmende Bilder halten sich im Offspace „The Space“ die Waage. Vier Künstler:innen zeigen in Fotografie, Video und raumgreifenden Installationen Traumata migrantischer Lebensrealitäten, aber auch persönliche und politische Hoffnungsschimmer.
Portait Mark Sealy Leiter der 9 Triennale der Photographie in Hamburg ©Philipp Meuser
Grenzen verlaufen, das ist das Credo aller Arbeiten, vor allem in unseren Köpfen. Wie sehen wir die Anderen? Wie blicken wir auf sie? Die Installationen spielen mit Perspektivwechseln und finden einfühlsame und zugleich politisch motivierte Visualisierungen des Untertitels der Triennale: „In the Face of the Other“ (Im Angesicht des Anderen). Die Ausstellung „The Art of Border Sabotage“ ist Teil des Triennale Expanded Programms.

Ausstellungsansicht The Art of Border Sabotage_The Space 2026 ©THE SPACE
https://2026.phototriennale.de/triennale-expanded/the-art-of-border-sabotage-echoes-from-the-edges/
Raus aus den Normativen
Irritation ist das erste, was die Fotografien von Keerthana Kunnath vermitteln. Der Blick verharrt auf dem stolz angespannten Bizeps, den inszenierten Bodybuilder Posen – und bleibt dann an den weiblichen Gesichtern und indischen Gewändern hängen.

https://2026.phototriennale.de/triennale-expanded/not-what-you-saw/