Das sensorisches Manifest von BENNI BOSETTO im Pirelli HangarBicocca.

Mit Rebecca realisiert Benni Bosetto im Pirelli HangarBicocca ihre erste museale Einzelausstellung. Es ist ein institutioneller Schritt, der weniger als Kulmination denn als konsequente Weiterführung einer seit Jahren verdichteten künstlerischen Vision zu lesen ist. Kuratiert von Fiammetta Griccioli, entfaltet sich die Ausstellung als begehbares Gefüge, das sich dem linearen Blick ebenso entzieht wie einer eindeutigen narrativen Lesart.

Bosettos Werk speist sich aus einer früh verinnerlichten Körperpraxis. Bevor sie sich der bildenden Kunst zuwandte, war der klassische Tanz ihr primäres Ausdrucksmittel. Diese Erfahrung hat ihr Verständnis von Körperlichkeit nachhaltig geprägt: Präzision, Wiederholung und ein hohes Maß an körperlicher Selbstwahrnehmung bilden bis heute das Fundament ihrer Arbeit. Nach dem Studium der Malerei und einer postgradualen Spezialisierung in Skulptur an der Accademia di Brera in Mailand sowie einem Studienaufenthalt an der Universität der Künste in Berlin entwickelte Bosetto eine künstlerische Sprache, die Zeichnung, Skulptur, Installation und Performance nicht als getrennte Disziplinen begreift, sondern als gleichwertige, ineinandergreifende Ausdrucksformen.

Der Körper ist in dieser Praxis nicht Motiv, sondern Methode. Er fungiert als aktives Werkzeug der Welterfahrung, als poröse Schnittstelle zwischen Innen und Außen, zwischen individueller Erinnerung und kollektiver Einschreibung. Bosettos Bildwelten sind bevölkert von hybriden Wesen, fragmentierten Anatomien und organischen Formen, in denen menschliche, tierische und pflanzliche Elemente miteinander verschmelzen. Diese Durchlässigkeit verweist auf ein Verständnis von Identität als instabile, sich permanent verändernde Konstruktion.

 

 

ZEICHNUNG, RITUAL UND WIDERSTAND GEGEN LINEARE ZEIT

Zentral für Bosetto ist die radikale Aufwertung der Zeichnung. Sie versteht sie nicht als vorbereitende Geste, sondern als erweiterte Praxis, die Zeit bindet, Körperlichkeit einschreibt und Bedeutung sedimentiert. Ihre Zeichnungen entstehen in monatelanger, beinahe obsessiver Handarbeit, gespeist aus einer dichten Sammlung visueller, literarischer, autobiografischer und ikonografischer Materialien. Literatur, Anthropologie, Psychoanalyse, Film und Popkultur werden dabei nicht illustriert, sondern transformiert und neu verschichtet.

Diese Arbeitsweise ist untrennbar mit einem Widerstand gegen die Logik von Beschleunigung und Effizienz verbunden. Ornament und Dekor, traditionell dem Funktionalen oder dem weiblich Konnotierten zugeordnet, werden bei Bosetto zu Trägern von Bedeutung, Fürsorge und Erinnerung. Ihre Nähe zu Positionen wie Louise Bourgeois, Ana Mendieta, Eva Hesse, Carol Rama oder Rebecca Horn ist dabei weniger formal als strukturell zu verstehen: Wie diese Künstlerinnen denkt Bosetto den Körper als Ort von Verletzlichkeit und Macht, als Schauplatz von Ritual, Transformation und Begehren. In Rebecca verdichten sich diese Ansinnen zu einer expliziten Einladung, Zeit anders zu erleben. Die Ausstellung ist als »sensorisches Manifest« konzipiert, das das Tagträumen als politische Praxis rehabilitiert.

„Die Ausstellung ist eine Einladung, öffentliche und museale Räume als Orte des Träumens zurückzuerobern. Tagträumen wird zu einer kollektiven Übung, um sich eine wünschenswerte Zukunft vorzustellen – nicht auf Grundlage von Produktivität, sondern von Sensibilität, Emotion und Transformation.“
Benni Bosetto

Leichtigkeit erscheint hier nicht als ästhetische Kategorie, sondern als bewusster Akt der Verweigerung gegenüber einer Gegenwart, die Körper primär als leistungsfähige Ressourcen begreift.

DAS HAUS ALS WEIBLICHER ORGANISMUS UND ORT DER GEMEINSCHAFT

Der Titel Rebecca verweist auf Daphne du Mauriers Roman, in dem ein Haus zum eigentlichen Protagonisten wird – ein Ort, der Erinnerung speichert und weibliche Abwesenheit ebenso wie Präsenz verkörpert. Diese literarische Referenz bildet den konzeptuellen Kern der Ausstellung. Der Shed-Raum des Pirelli HangarBicocca wird zu einem lebendigen, weiblich konnotierten Organismus, zu einem Körper, der schützt, aufnimmt und verbindet. Der Name Rebecca, etymologisch mit Bindung und Vereinigung verknüpft, verweist auf Bosettos fortwährendes Interesse an der Verschmelzung von Körper und Raum.

„Die horizontale Tür verliert ihre konventionelle Funktion. Sie trennt nicht mehr, sondern verwischt Räume. Sie wird zu einer umgekehrten Schwelle – schützend, ruhend, aufnehmend.“
Benni Bosetto

Innerhalb dieses Gefüges entfalten sich Arbeiten, die sich mit Intimität, Metamorphose und Gemeinschaft beschäftigen. Besonders prägnant ist Bosettos Umdeutung architektonischer Machtstrukturen, etwa in der Serie Le porte (2026), in der Türen ihre exkludierende Funktion verlieren und zu offenen, erzählerischen Behältnissen werden.

Im performativen Zentrum der Ausstellung steht Tango (II Version), eine fortlaufend aktivierte Arbeit, die Liebe als körperlichen Ausnahmezustand erfahrbar macht. Amateur:innen tanzen Tango mit Tier- und Pflanzenmasken; Intimität wird zur kollektiven Erfahrung, das Private öffnet sich dem Gemeinschaftlichen. Der Tango fungiert hier als soziale Choreografie jenseits fixer Identitäten, als posthumanes und queeres Modell von Nähe. Bosetto bezeichnet ihn als »Mittel gegen Einsamkeit« – ein Zugang, der ihre gesamte Praxis durchzieht.

Rebecca ist damit nicht nur eine Ausstellung, sondern ein Angebot, sich dem Raum, dem eigenen Körper und der Zeit neu auszusetzen. In einer von Beschleunigung dominierten Gegenwart behauptet Benni Bosetto die Möglichkeit von Sensibilität, Ritual und Imagination als ernst zu nehmende Formen des Widerstands – sinnlich, körperlich und von nachhaltiger Intensität.

 

AKTUELLE AUSSTELLUNG
≥ Benni Bosetto – Rebecca
Pirelli HangarBicocca, Mailand
Bis 19. Juli 2026
Kuratiert von Fiammetta Griccioli
www.hangarbicocca.org