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Während das Zurich Art Weekend vom 12. bis 14. Juni 2026 die großen Adressen der Stadt zwischen Löwenbräukunst und Rämistrasse verbindet, beginnt seine eigentliche Spannung dort, wo man nicht automatisch hinsieht: in Treppenhäusern, ehemaligen Apotheken, öffentlichen Passagen, temporären Räumen, kleinen Infrastrukturen. Die neunte Ausgabe umfasst mehr als 70 Orte, über 75 Ausstellungen, mehr als 150 Veranstaltungen und rund 150 künstlerische Positionen. Doch wer Zürich nur über Institutionen und Galerien erkundet, übersieht jene Ebene, auf der künstlerische Gegenwart oft zuerst Form annimmt.
Deshalb richten wir in diesem Jahr bewusst den Blick auf die sogenannten Offspaces und haben im Vorfeld des ZAW mit dessen Gründerin und Direktorin Charlotte von Stotzingen über die Besonderheit dieser freien Konzepte gesprochen. Ihre Definition ist bemerkenswert klar: »Für uns ist ein Offspace nicht nur dadurch definiert, dass ihm eine kommerzielle oder institutionelle Struktur fehlt, sondern durch seine Fähigkeit, aus sich selbst heraus zu operieren.« Diese Eigenständigkeit hat Konsequenzen. Es geht primär um Bedeutungsproduktion. »Was diese Orte am deutlichsten unterscheidet, ist nicht nur, wie sie organisiert sind, sondern welche Bedeutung sie hervorbringen.« Offspaces sind in diesem Sinne näher an der künstlerischen Arbeit selbst als an ihrer Präsentation. »Sie sind eben Orte des Testens, Übersetzens und Aushandelns.«
Wenn von Stotzingen Offspaces als »keine Alternative, sondern eine strukturelle Ebene des Ökosystems« beschreibt, berührt sie einen Punkt, der weit über unsere Gegenwart hinausreicht. Seit den 1960er und 1970er Jahren entstehen zentrale Entwicklungen der Gegenwartskunst in selbstorganisierten Räumen, lange bevor sie institutionell aufgegriffen werden. In New York etwa formierten sich in den frühen artist-run spaces von SoHo Positionen wie Sol LeWitt, Dan Flavin oder Vito Acconci, die heute zum festen Kanon gehören. Diese Orte waren Arbeitsräume, in denen neue Formen von Konzeptkunst, Performance und prozessbasierten Zugängen erprobt wurden. Museen und Markt reagierten auf viele dieser Entwicklungen erst später. In diesem Sinn stehen die Offspaces beim ZAW nicht am Rand des Programms, sondern markieren jene Zone, in der sich zeigt, welche künstlerischen Fragen gerade entstehen. »Sie waren von Anfang an Teil der Grundstruktur. Die Idee war immer, die Stadt aus der Perspektive einer künstlerischen Bewegung zu erschließen. Unsere Aufgabe besteht konkret darin, die Bedingungen für diese Bewegung zu schaffen: Eröffnungen zu synchronisieren, Offspaces in kuratierte Routen einzubinden und sie in denselben erzählerischen Rahmen einzuschreiben, ohne ihre Eigenständigkeit zu nivellieren.« Das Organisationsteam denkt die Stadt nicht als Hierarchie von Formaten, sondern als Landschaft unterschiedlicher Praktiken.
In der Stiftung Binz39 etwa zeigt Samuel Haitz eine Arbeit, die sich dem linearen Erzählen entzieht. Anthology (Rimbaud, p. 88–89) bringt Textfragmente, biografische Zustände und Referenzen zwischen Proust und Gegenwart in eine fragile Ordnung. Das Material ist direkt: C-Prints, überlagert, verklebt, auf Aluminium montiert. Es entsteht ein Bild, das offenbleibt, als würde es sich im Lesen weiter verändern. Von Stotzingen beschreibt Binz39 als »eine langfristige Verpflichtung gegenüber künstlerischer Produktion und kollektiver Infrastruktur«. Genau das ist hier sichtbar. Arbeit wird nicht als fertiges Resultat verstanden, sondern als Zustand.
Kulturfolger führt diesen Gedanken auf andere Weise weiter. Die Ausstellung von Vladimir Miljevic bewegt sich entlang einer kuratorischen Linie, die weniger auf Ereignis als auf Kontinuität setzt. »Kulturfolger ist geprägt von einer starken kuratorischen Handschrift und einer Kontinuität von Ausstellungen, die zeitgenössische Positionen in einem konzentrierten und diskursiven Rahmen verhandeln«, so von Stotzingen. Miljevics Arbeiten wirken in diesem Kontext nicht isoliert, sondern eingebettet in ein Gespräch, das bereits vorher begonnen hat.
Bei Chamberlin ist der Fokus ein anderer. Die Zusammenarbeit von Marlene Frontera und Julia Yerger entwickelt sich aus der Malerei heraus in Richtung Animation. Was hier sichtbar wird ist ein Übergang. »Chamberlin stellt den Prozess über das Ergebnis.« Das Werk entsteht im Tun, nicht davor.
Ein ähnliches Moment zeigt sich bei BELETAGE. Dimitrina Sevovas The Little Sophia, Teil von Samodiva – Wild Reclaiming Space, verbindet keramische Praxis mit feministischer Theorie und ortsspezifischer Recherche. Die Skulptur wirkt geschlossen und gleichzeitig durchlässig, als würde sie etwas speichern, das nicht vollständig sichtbar ist. Für Charlotte von Stotzingen liegt hier ein entscheidender Punkt: »Solche Projekte verlangen eine andere Form der Aufmerksamkeit und eine andere Zeit als eine klassische Galerieausstellung.« Zeit wird damit selbst zum Medium.
Im FOMO Art Space wird dieser Gedanke räumlich erfahrbar. Die Installationen, wie jene von Leandra Agazzi, erzeugen Situationen, in denen Wahrnehmung nicht stabil bleibt. Raum wird nicht betreten, sondern durchlaufen. Die Direktorin des ZAW beschreibt FOMO als Beispiel für Räume, in denen »räumliche Erfahrung zentral wird«. Hier geht es nicht um einzelne Werke, sondern um Zustände.
Die Arbeiten von Sitara Abuzar Ghaznawi, die oft aus einfachen Materialien, gefundenen Formen und fragilen Displays entstehen, werden bei Fame Fine Arts gezeigt. Ihre Praxis interessiert sich für soziale Codes, für Sichtbarkeit, Wert und die Frage, welche Körper und Geschichten in kulturellen Räumen Platz erhalten. An einem Ort wie Fame Fine Arts, den Charlotte von Stotzingen als Raum mit »hoch flexiblem Ausstellungsmodell« beschreibt, erhält diese Arbeit einen passenden Rahmen.
The Apple verschiebt die Logik noch einmal grundlegend. In einer ehemaligen Apotheke entsteht mit dem Format Studio Report ein kollektives Nachdenken über Themen, die nicht abschließbar sind. Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Künstler:innen, die nicht als Einzelpositionen auftreten, sondern als Teil eines offenen Zusammenhangs. »Das Programm strukturiert sich um geteilte Fragestellungen und nicht um fixe kuratorische Zyklen.« Ausstellung wird hier zu einem Gespräch, das jederzeit weitergeführt werden kann.
TABLEAU ZURICH führt die Idee des Offspace aus dem Innenraum hinaus in die Stadt. Kunst erscheint als öffentlich sichtbares Bild im urbanen Alltag. Von Stotzingen nennt TABLEAU ZURICH als Beispiel für ein diffuses Format, »das Kunstwerke direkt im öffentlichen Raum als Plakate platziert und das klassische Ausstellungsformat vollständig umgeht«. Damit verändert sich auch die Zeit der Betrachtung. Man besucht diese Arbeiten nicht wie eine Ausstellung, man begegnet ihnen unterwegs, zwischen Terminen, Straßen, Blicken und Bewegungen.
Die groß angelegte Ausstellung OZEANE FLIESSEN AUFWÄRTS bringt zahlreiche unabhängige Positionen zusammen und verändert temporär institutionelle Strukturen durch kollektive Nutzung. Der Titel benennt eine Bewegung, die physikalisch unmöglich ist, und markiert damit eine bewusste Umkehr bestehender Ordnungen.
Was all diese freien Orte der Kunst verbindet, ist auch ein anderes Verständnis von Zeit. Sie beginnen ohne festgelegten Endpunkt und bleiben oft bewusst unabgeschlossen. Produktion, Austausch und Präsentation fallen zusammen, anstatt aufeinander zu folgen. Interessant ist dabei, dass sich diese Ebene nicht sauber von den etablierten Strukturen trennen lässt. »Die Systeme sind viel stärker miteinander verflochten, als es auf den ersten Blick scheint«, sagt die Direktorin. Künstler:innen wechseln zwischen Offspaces, Galerien und Institutionen, Kurator:innen ebenso. Das ZAW versucht nicht, diese Verflechtungen zu ordnen. Es macht die Kunstszene Zürichs als lebendigen Organismus sichtbar. »Ein Projekt kann in einem Raum wie The Apple beginnen, sich durch Kooperationen weiterentwickeln und später in institutionellen Zusammenhängen wieder auftauchen.«
Wer sich auf diese Bewegung einlässt, merkt schnell, dass die eigentliche Erfahrung nicht in der einzelnen Ausstellung liegt. Sie entsteht im Dazwischen. In Wegen, Gesprächen, unerwarteten Übergängen. Charlotte von Stotzingen bringt es am Ende unseres Gesprächs auf eine einfache Formel: »Folgt dem, was weniger sichtbar ist, nehmt euch Zeit und erlaubt euch Umwege.«