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Von Brigitte Reutner-Doneus
Ich beginne diesen Essay über die Schweizer Künstlerin Gertrud Frey mit der Beschreibung einiger ihrer Zeichnungen.
Am Fasnachtsumzug, 1995
In dieser Zeichnung schiebt sich ein Harlekin zwischen ein fröhlich tanzendes Pärchen und zwei schreitende, musizierende Faschingsnarren. Wie ein Hampelmann streckt der Harlekin seine Arme aus und blickt dabei theatralisch nach oben. Dazu tönt es aus einer Tröte und eine Trommel schlägt den Takt. Ein kaleidoskopartiger Hintergrund mit Punkten und Streifen unterstreicht das bizarre Treiben. Frey sah Fasnachtsumzüge in Zürich, wo sie in den 1980er- und 1990er-Jahren lebte.

Gertrud Frey, Am Fasnachtsumzug, 1995, 42 x 59 cm, Farbstifte auf Papier, Sammlung Dammann
Mutter und Kind am Fenster, 1995
Das kleine, rotbäckige Kind fühlt sich am Arm der Mutter wohl und berührt mit seinem Händchen liebevoll ihren Rücken. Beide stehen in inniger Zweisamkeit da. Wie geht es der Mutter? Sterne prangen auf ihrem Gewand. Begleitet von einem großen Halbmond funkeln die Himmelslichter auch in dem vor uns liegenden Landschaftsausschnitt. Vereinzelte Bäume flankieren dort die hell erleuchteten Häuser, deren Größengefälle einen schichtartig abgestuften Bildraum suggeriert. Mutter und Kind werden jedoch nicht von Raum umgeben, sondern ragen vor einer abstrakten, rapportartigen, geometrisch gemusterten Folie auf. Der Außenraum erscheint dadurch realer als das Interieur. Die Zeichnung mutiert zu einer Sehnsuchtsdarstellung, in der nicht das Hier und Jetzt, sondern das noch nicht Eingetretene zum zentralen Fokus zu werden scheint.

Gertrud Frey, Mutter und Kind am Fenster, 1998, 50 x 70 cm, Farbstifte auf Papier, Musée Visionnaire
Aschenbrödel, 2001 (Abb. 3)
Eine junge Frau mit Blumenkranz im Haar und kurzem rotem Schleier ist soeben eine Treppe heruntergeschritten. Mit beiden Händen hebt sie ihren zart geblümten Rock, wodurch sichtbar wird, dass sie einen Schuh verloren hat. Sie scheint in Eile zu sein. Auf dem oberen Teil der Treppe erkennen wir eine zweite Person, die der jungen Frau zu folgen scheint. Zwischen beiden Akteuren liegt der gelbe Schuh auf einer Stufe. Bunte Farbstreifen und Sterne gliedern die mehrgeschossige, reich geschmückte Halle und versetzen den Ort des Geschehens in einen stakkatoartigen Rhythmus, wodurch ein narrativer Handlungsverlauf evoziert wird. Die blauen und gelben Sterne erschaffen einen fluktuierenden Bildzusammenhang zwischen Innen- und Außenraum und binden die Darstellung damit in die Fläche zurück.

Gertrud Frey, Aschenbrödel, 2001, 50 x 70 cm, Farbstifte auf Papier, Musée Visionnaire
Chrüsimüsi, 2006
Diese abstrakte Komposition zeigt ein Kaleidoskop von ineinander dringenden Farbschleifen und -kreisen, die „mit vielen Augen aus dem Bild blicken“. Wie bunter Schaum in einer Badewanne erscheint alles dehnbar, formbar und in Veränderung. Nichts ist beständig, nichts ist so, wie es zu sein scheint: ein wandelbares Durcheinander – Chrüsimüsi –, das sich jeder Festlegung entzieht.

Gertrud Frey, Chrüsimüsi, Juli 2006, 42 x 59,5 cm, Farbstifte auf Papier, Sammlung Korine und Max E. Ammann, Foto:Thomas Gerber
Fünf Frauen am Tisch, 2007
An einem schönen Wintertag haben sie sich an einem langen Tisch zusammengefunden und unterhalten sich gemütlich bei einem Getränk. Draußen rieseln große Schneeflocken vom Himmel. Die Farben der Hausfassaden korrelieren mit den bunten Kleidern der Frauen am Tisch sowie dem Wanddekor des Wohnzimmers. Symmetrisch positionierte Wandbilder, Kerzen und Blumen schaffen eine geordnete, freundliche und heimelige Atmosphäre. Die dargestellte Situation verströmt Ruhe und Verbundenheit, während die bunten Sterne auf der Fensterscheibe vom herannahenden Weihnachtsfest künden.

Gertrud Frey, Fünf Frauen am Tisch, Dez. 2007, 40 x 60 cm, Farbstifte auf Papier, Sammlung Hannah Rieger, Foto: © Maurizio Maier
Im Sommer, 2008
Diese Zeichnung zeigt eine blonde Frau in Rückenansicht, die den Fokus auf einen Landschaftsausschnitt lenkt, zu dem ein See, Wälder, Hügel und Berge gehören. Große, bauschige Wolken ziehen über den Himmel. Ihr strahlendes Weiß scheint mit den besonders vielen kleinen Segelbooten um die Wette zu leuchten. Ein Ast mit grünen Blättern ragt von der linken oberen Ecke des Landschaftsausschnitts. Den Frauenpullover ziert ein Mandala, dessen Farben in den Blüten der eingetopften Tulpen wiederkehren. Auch andere Bildelemente leuchten in Rosa. Im Raum gibt es zu essen und zu trinken, und auch Zeichenstifte liegen auf einem Schreibtisch. Gewährt uns die Künstlerin hiermit einen Einblick in ihren eigenen Wohnraum?
Die Komposition weist eine präzise, gitterförmige Struktur auf, in die die einzelnen Bildmotive zu gleichen Teilen eingebettet sind. Innen- und Außenraum sind farblich miteinander verschränkt. Bildbeherrschende symmetrische Elemente tragen zu einer beruhigten, sehr beschaulichen Bildstimmung bei, in der sich geometrische und organische Formen ausgleichen und eine kontemplative Atmosphäre verströmen.

Gertrud Frey, Im Sommer, Juni - Juli 2008, 40 x 60 cm, Farbstifte auf Papier, Sammlung Hannah Rieger, Foto: © Maurizio Maier
Die Schweizer Künstlerin Gertrud Frey, Schöpferin dieser Zeichnungen, wurde 1952 in Bülach im Kanton Zürich in eine Arbeiterfamilie mit sechs Kindern geboren. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin übersiedelte sie nach Arbon am Bodensee. Mitte der 1980er-Jahre gab sie ihre Arbeit mit Kleinkindern auf und ging nach Zürich, wo sie sich der freien Szene rund um die „Rote Fabrik“ anschloss. Frey entwarf damals eigene Kleider und zeichnete nebenbei. Die rapportartigen Muster, die in vielen ihrer Zeichnungen auftauchen, lassen Rückschlüsse auf ihren ausgeprägten Sinn für textile Gestaltungen zu. Zusehends wurde ihr jedoch das freie Leben in der Großstadt zur psychischen Belastung.
Nach ihrer Rekonvaleszenz kam sie in einer Wohngemeinschaft für Frauen in Zürich unter, in der sie ihrer Neigung zum Zeichnen besonders intensiv nachgehen konnte. Die letzten zehn Jahre lebte sie auf dem Land, in Guntershausen im Kanton Thurgau. Gertrud Frey verstarb 2022 im Alter von 70 Jahren.
Der französische Künstler Jean Dubuffet schlug vor, Kunst auch außerhalb des gelehrten, akademischen Umfelds zu suchen und verlieh diesen „unverbildeten“ Werken die Bezeichnung Art Brut. Demnach sollte die ästhetische sowie gesellschaftsrelevante Aussage eines Werks – und nicht so sehr der biografische Hintergrund seines Urhebers oder seiner Urheberin – im Mittelpunkt der Analyse stehen.
Aus den Arbeiten Gertrud Freys können wir sehr subtile, auf das menschliche Zusammenleben bezogene Botschaften herauslesen. Ihre Bilder verströmen eine ruhige, meditative Wirkung. Sie erinnern vielleicht an Werke von Paul Klee – dort wie da finden wir uns in einer poetischen, magischen Atmosphäre wieder. In unserer schnelllebigen Zeit sprechen sie uns besonders stark an.
Lange Zeit war die Schweizer Zeichnerin nur einem kleinen Kreis von Interessierten bekannt, da die meisten regionalen Galerien und Kunstinstitutionen sie noch nicht entdeckt hatten. Frey ließ sich nicht entmutigen und arbeitete unermüdlich weiter. Nach ihrem Tod hinterließ sie mehr als 600 Zeichnungen; ein Großteil davon sind Farbstiftzeichnungen oder Malereien in Dispersion auf Karton.
Das Schweizer Sammlerpaar Max und Korine Ammann verfügt über eine bedeutende Art-Brut-Sammlung und hervorragende Kontakte zu Kunstsammlern. Sie wurden nach dem Ableben der Künstlerin mit der Weitergabe von Werken aus dem umfangreichen Nachlass betraut. Dadurch gelangte ein repräsentatives Ensemble an Zeichnungen in das Musée Visionnaire in Zürich. 2023 wurde dort die Gruppenausstellung Life happens mit Werken Freys gezeigt. Das open art museum in St. Gallen sowie das finnische Renlund Museum in Kokkola nahmen ebenfalls Zeichnungen in ihr Inventar auf. 2023 fand im Finnischen Nationalmuseum in Helsinki die Ausstellung Untamed Art (Ungezähmte Kunst) statt, in der Gertrud Frey im Kreis international renommierter Künstlerinnen wie Madge Gill und Natalie Schmidtova präsentiert wurde. Die niederländischen Van-de-Geest-Museen in Haarlem und Amsterdam zogen mit Sammlungserweiterungen nach. Auch in bedeutende Privatsammlungen – darunter jene von Hannah Rieger und Karin Dammann – gelangten viele Werke.
In der ersten Jahreshälfte 2025 fand im Thurgauer Kunstmuseum Ittingen die Ausstellung Sammeln. Bewahren. Teilen mit Zeichnungen der Künstlerin statt. Das von Peter Stohler geführte Museum verwaltet zudem einen namhaften Teil des Nachlasses.
Erstmals werden Zeichnungen Gertrud Freys in einem österreichischen Museum gezeigt: Im Lentos Kunstmuseum Linz wird von 31. Oktober 2025 bis 6. April 2026 die Ausstellung Mädchen*sein. Vom Tafelbild zu Social Media präsentiert. Im Kapitel Rebellin* sein geht es darum, traditionelle weibliche Rollenmuster mit subversiven Mitteln zu hinterfragen. Freys Frauendarstellungen treten dort in einen spannenden Diskurs mit Werken von Monika Oechsler, Vanessa Jane Phaff, Veronika Veit und Özlem Altin. Das Lentos bereitet außerdem eine Übernahme von Freys Zeichnungen in seinen Sammlungsbestand vor.
1994 gab die Psychologin Ute Ehrhardt den Kommunikationsratgeber Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin heraus. Gertrud Frey hielt sich in ihrer Zürcher Zeit ebenfalls an dieses Motto, als sie in ihr Tagebuch schrieb: „Keine Demo ohne mich!“ Mit viel Verve schloss sie sich der freien Künstlerszene an und forderte selbstbewusst größeren gesellschaftlichen Rückhalt für die Kunst. Auch eine Auseinandersetzung mit ihren Zeichnungen kann zum Empowerment von Mädchen und jungen Frauen beitragen.
Heutzutage haben Mädchen und junge Frauen immer noch zu kämpfen, um den Gendergap zu überwinden. Eine aktuelle französische Studie belegt, dass schulpflichtige Mädchen zwar mit dem gleichen logischen Verständnis wie ihre männlichen Altersgenossen in die Grundschule eintreten, aber bereits nach einigen Monaten im Fach Mathematik erheblich abfallen. Wie können wir dieser signifikanten, aber offensichtlich unbewussten Ungleichbehandlung entgegenwirken?
Gertrud Frey arbeitete mit ihren eigenen Fragestellungen an das Leben. Sie sehnte sich nach einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, einer Familie, einem selbstbestimmten Leben und einer Gesellschaft, die all dies zuließ. Diese Forderungen sublimierte sie in ihre Zeichnungen und verlieh ihnen damit dauerhafte Präsenz. Beziehungen, Freiheit und Mitmenschlichkeit werden so zum Kern ihrer künstlerischen Aussage. Der Gesellschaft wird mit diesen sensitiven Zeichnungen die erhebende Vision eines gleichberechtigten Zusammenlebens aller Menschen vor Augen geführt.